Für Rudi Völler hat er ein „überragendes Gesamtpaket“, für Joachim Löw ist er ein „totaler Profi“ und Peter Bosz sieht sogar „absolut Parallelen“ zu Liverpools Weltklasseverteidiger Virgil van Dijk.
Fast die komplette Fußball-Prominenz traut Jonathan Tah eine große Karriere zu, doch aktuell erlebt der 24-Jährige wieder einmal eine schwierige Phase.
In seinem Verein Bayer Leverkusen war er zwischenzeitlich sogar weniger gefragt als in der Nationalmannschaft. Denn während Bundestrainer Löw beharrlich an dem Abwehrspieler festhält, statt wie von großen Teilen der Öffentlichkeit gefordert Mats Hummels oder Jérôme Boateng zurückzuholen, saß Tah bei Bayer fast ausschließlich draußen. Ganze 57 Bundesliga-Minuten absolvierte er an den ersten acht Spieltagen.
Dabei gilt Tah schon seit Jahren als eines der größten deutschen Abwehrversprechen, wie nun auch in der dreiteiligen DAZN-Doku „Jona 99 - Mehr Sein als Schein“ wieder klar wird. Dort schwärmen sie alle von dem reflektierten Muster-Profi. „Ich schätze an ihm seine Auffassungsgabe und Lernwilligkeit“, sagte zum Beispiel Löw: „Er ist ein Spieler, der alles danach ausrichtet, dass er besser wird. Er ist ein totaler Profi, ein sehr positiver Junge. Und er hat als Abwehrspieler sehr gute Fähigkeiten. Von daher ist er die letzten Jahre bei uns immer ein wichtiger Bestandteil des Kaders.“
Und auch wenn Tah unter ihm nicht uneingeschränkter Stammspieler ist, kann man schon sagen, dass Löw auch wegen ihm Boateng und Hummels nicht zurückholt. Denn würde er das tun, würde Tah für den EM-Kader 2021 hinten runterfallen. Bei der letzten EM 2016 war er als 20-Jähriger schon dabei, blieb aber ohne Einsatz. Bei der WM 2018 wurde er kurz vor dem Turnier aus dem erweiterten Aufgebot gestrichen.
Für seine 24 Jahre hat Tah schon erstaunlich viele Hochs und Tiefs erlebt. So schon beim Hamburger SV, wo er sich einst in den Bundesliga-Himmel schoss und dann wieder zur U19 zurück geschoben wurde. „Ich habe früh gemerkt, wie schnell du hochkommen, aber auch runterstürzen kannst. Aber man wächst noch mehr mit Rückschlägen“, sagt er in der DAZN-Doku: „Wenn Du am Ende sagst, ich betrachte es nicht als Rückschlag, sondern als Erfahrung, dann kann man nach ganz oben kommen.“ Und nicht weniger ist sein Ziel. „Ich bin davon überzeugt: Wenn ich meine 100 Prozent erreiche, sagen viele: Er ist auf Weltklasse-Niveau angekommen.“
Erst braucht er einen Stammplatz im Verein. Und auch da sieht Tah, wie schnell es im (Fußballer-) Leben gehen kann. Denn in Leverkusen fielen seine beiden Konkurrenten Sven Bender und Edmond Tapsoba gleichzeitig aus. Und plötzlich führte Tah das Team in der Europa League gegen Hapoel Be'er Sheva als Kapitän aufs Feld. Plötzlich spielte er fünfmal hintereinander durch und verbesserte sein Standing deutlich. „Jona macht es im Moment wirklich sehr gut“, sagt Bosz. Dass Tah sich nach der endgültigen Rückkehr von Bender und Tapsoba wieder hinten anstellen muss, sei deshalb kein Automatismus. „Was später kommt, sehen wir dann“, sagt Bosz.
Auch der Niederländer ist grundsätzlich Fan von Tah. „Weil er Kritik so versteht, dass wir ihm helfen wollen“, sagte der Trainer: „Jona hört immer zu. Wenn er seine Qualitäten in jedem Spiel bringt, ist er ein Top-Spieler. Dann werden ihn wenige aus der Mannschaft spielen.“ Parallelen zu van Dijk, 2019 „Europas Fußballer des Jahres“ und Zweiter bei der Wahl zum Weltfußballer, sieht er nicht nur wegen der Spielweise. Sondern auch deshalb, weil man van Dijk zunächst mangelnde Aggressivität unterstellte. „Aber er hat sich entwickelt“, sagt Bosz: „Und ich bin sicher, dass Jona das auch schafft.“
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