Julia Krajewski behielt die Nerven und schrie ihre Freude über Olympia-Gold in den Nachthimmel von Tokio. Als letzte Starterin der Vielseitigkeits-Konkurrenz musste die 32-Jährige aus Warendorf am Montag in den Parcours reiten, durfte sich keinen Abwurf mit ihrer Stute Amande leisten - und sie hielt diesem Druck stand, blieb fehlerfrei und riss die Faust vor Freude in die Höhe.
Dieses Gold ist auch für die Reiterin selber ein „Stoff, aus dem Filme gemacht sind“. Denn Krajewski hatte zuletzt einige Jahre „mit persönlichen, traurigen Momenten, alles, was man an Auf und Ab erleben kann“. In Tokio ging es jetzt nicht abwärts, sondern auf das oberste Treppchen. Sie gewann vor dem Briten Tom McEwen mit Toledo und dem Australier Andrew Hoy mit Vassily.

Viertes Einzel-Gold in Serie für Deutschland

Krajewski krönte eine Aufholjagd nach Platz vier in der Dressur und einem makellosen Geländeritt mit zwei fehlerfreien Runden im Springen. Sie sicherte Deutschland das vierte Einzel-Gold in Serie nach Hinrich Romeike 2008 sowie Michael Jung 2012 und 2016. Die aus Lingen stammende Reiterin, die seit 2017 auch Bundestrainerin der Junioren ist, hatte eine gute Ausgangsposition in der Abschlussrunde, weil der zuvor führende Brite Oliver Townend mit Ballaghmor Class einen Abwurf hatte.
Bundestrainer Hans Melzer bezeichnete die Reiterin als „cool“ und bescheinigte ihr einen „Tunnelblick“. Und mit der Stute, die mit vollem Namen Amande de B'Neville heißt, habe sie ein Pferd, „das sehr gut springt“. Melzer sagte: „Dass sie es kann, wussten wir.“ Dass sie aber schon nach dem Geländeritt vor Tokio auf Rang zwei gelegen hatte, bezeichnete auch der Coach als „schon überraschend“.
Krajewski hatte in den vergangenen Jahren einige Rückschläge zu verkraften. Doch Melzer hatte ihr immer wieder Mut zugesprochen, wie er verriet: „Das habe ich ihr auch gesagt, irgendwann kommt der Tag, da stehst du auf dem Treppchen nach dem vielen Hin und Her der letzten Jahre.“ Er lobte: „Sie hat toll daraufhin gearbeitet.“
Die Reiterin hatte tatsächlich Rückschläge zu verkraften. 2016 rutschte sie auf den letzten Drücker als Ersatzreiterin ins Rio-Team, doch die Debütantin schied nach drei Verweigerungen im Gelände mit Samourai aus - Silber für die Teamwertung erhielt sie trotzdem.

Die unglückliche Europameisterschaft 2017

Unglücklich verlief auch die EM 2017, als bei ihrem Pferd Samourai die Substanz Firocoxib gefunden wurde, die zu therapeutischen Zwecken im Training, jedoch nicht im Wettkampf erlaubt ist. „Selbstverständlich haben weder ich noch jemand aus meinem Umfeld diese Substanz verabreicht“, hatte die Reiterin damals gesagt, die trotzdem nachträglich disqualifiziert worden war.
Schwer wog auch der Verlust von Chipmunk. Der Vertrag über das Pferd zwischen der Reiterin und Hilmer Meyer-Kulenkampff wurde nicht verlängert. Das Pferd ging dann 2019 an Jung, der es nun bei den Spielen in Tokio ritt.
Zuvor hatte Krajewski am Montagnachmittag mit der Mannschaft eine Medaille verpasst. Im abschließenden Springen verbesserte sich das Team aber immerhin noch vom sechsten auf den vierten Platz. Eine bessere Platzierung hatten Krajewski, Sandra Auffarth aus Ganderkesee mit Viamant und Michael Jung aus Horb mit Chipmunk in der Dressur und vor allem beim Geländeritt vergeben.
Der Bundestrainer sprach nach dem Ende des Teamwettbewerbs von „Schadensbegrenzung“. Melzer sagte: „Wir sind Vierter geworden, da können wir auch mit zufrieden sein. Wir sind noch ein bisschen nach vorne geritten.“ Gold ging an das Trio aus Großbritannien vor Australien und Frankreich.

Olympia-Abschied ohne Team-Medaille

Für Melzer blieb der Abschied von Olympia ohne Team-Medaille. Der 70-Jährige aus Salzhausen beendet nach der Saison seine Tätigkeit als Bundestrainer und hatte sich bei den vorherigen Großveranstaltungen den Ruf als „Goldschmied“ erarbeitet. Mit Melzer als Coach gab es Doppel-Gold bei den Spielen 2008 in Hongkong und 2012 in London sowie bei der Weltmeisterschaft 2014. Zuletzt in Rio hatte das Team von Melzer Olympia-Silber gewonnen und Jung dazu Einzel-Gold.
Jung ging dieses Mal komplett leer aus, wurde am Ende Achter. Im Springen zeigte der dreimalige Olympiasieger zunächst eine fehlerlose Leistung, kassierte in der zweiten Runde im Einzel aber einen Abwurf. „Das ist sehr ärgerlich“, kommentierte er.
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