Der Trabrennfahrer Heinz Wewering hat bisher 16.916 Siege erzielt und die Zeit scheint spurlos an ihm vorüberzugehen. In den Mariendorfer Derby-Finalläufen ab Sonnabend tritt der 29-malige Deutsche Meister als Topfavorit an – obwohl er 70 Jahre alt ist. Heiko Lingk fragte ihn, wie lange er noch weitermachen will.

Sie sind der mit Abstand erfolgreichste Trabrennfahrer in Europa. Was bedeutet Ihnen das?

Es macht mich stolz, denn ich war bereits als junger Mann sehr ehrgeizig und das hat sich auch mit zunehmendem Alter nicht geändert. Es ist ja völlig logisch: Erfolg spornt an und dauerhafter Misserfolg raubt die Motivation. Aber im Gegensatz zu vielen Individualdisziplinen darf man beim Trabrennsport eines nicht aus den Augen verlieren: Man ist Teil eines Teams, zu dem auch die Züchter, Pfleger und Besitzer gehören. Und der allerwichtigste Partner ist das Pferd. Jeder Traber hat seinen ganz eigenen Charakter und nur wenn man den erkennt und weiterentwickelt, hat man eine Chance auf dauerhaften Erfolg.

Aber trotzdem lässt nicht aus jedem Traber ein Siegertyp machen. Wie schwer fällt es Ihnen, die Versager zu mögen?

Die Bilanz spielt oft eine untergeordnete Rolle. Es gibt Pferde, die sind rasend schnell und hochtalentiert. Aber sie sind einfach nicht dazu bereit, das zu leisten was sie könnten. Andere bringen vielleicht nicht die körperlichen Voraussetzungen mit, um zu gewinnen. Aber sie geben im Rennen einfach alles und vermitteln einem das Gefühl, dass sie sich regelrecht für einen zerreißen. Vor diesen Pferden ziehe ich meinen Hut – auch wenn Sie nur Vierter oder Fünfter werden.

Derartige Platzierungen haben allerdings nichts zu Ihrem unvergleichlichen Europarekord beigetragen. Ihre fast 17.000 Siege sind eine Marke für die Ewigkeit. Wäre es mit 70 Jahren jetzt nicht an der Zeit, Schluss zu machen?

Warum? Einer meiner Kollegen, der ehemalige Mariendorfer Dauer-Champion Peter Kwiet, hat mal scherzhaft gesagt, dass er solange Rennen fährt, bis er tot aus dem Sulky fällt. Das werde ich sicherlich nicht tun. Aber warum sollte ich denn jetzt aufhören? Ich fühle mich topfit und der Pferdesport bringt mir höllisch Spaß. Das Feuer brennt in mir. Erst wenn der Tag kommt, an dem ich diese Leidenschaft nicht mehr spüre, mache ich Schluss – und zwar sofort!

Aber fehlt Ihnen mit 70 nicht manchmal ganz einfach die physische Kraft?

Um Rennen zu gewinnen. muss man kein Muskelprotz sein. Das wäre sowieso völlig sinnlos, denn Pferde sind uns in dieser Hinsicht total überlegen. Das ist ja gerade das Faszinierende an ihnen. Ihre Stärke ist phänomenal – sie könnten uns Menschen wie lästige Fliegen zerquetschen. Aber sie sind uns stattdessen wohlgesonnen und für die entgegengebrachte Zuneigung sollten wir ihnen dankbar sein. Seitdem ich denken kann, habe ich diese wunderschönen Lebewesen verehrt.

Stichwort Bewunderung: Sie erfreuen sich bei den Fans seit Jahrzehnten einer Beliebtheit, wie sie kein anderer deutscher Trabrennfahrer je besaß. Droht da nicht die Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren?

Nein – ich bin ein bescheidener Mensch. Das liegt vermutlich an meiner Kindheit. Ich bin mit acht Geschwistern aufgewachsen, das hat mich geprägt. Ich habe früh gelernt, zu teilen und abzugeben. Und dankbar zu sein, wenn man etwas bekommt. Die Beliebtheit beim Publikum ist für mich ein wirklich großes Geschenk. Denn sie ist keine Selbstverständlichkeit.

Sie leben nun schon lange in Berlin. Ihre Freundin Chantal, mit der Sie seit zehn Jahren zusammen sind, ist ebenfalls Sulkysportlerin. Über was haben Sie beim ersten Date gesprochen? Über Pferde?

Na klar – und das war ja auch gut so. Denn wenn jemand null Interesse an der Leidenschaft seines Partners hat, kann es einfach nicht klappen. Zumal man sich sieben Tage in der Woche um die Pferde kümmern muss. Die haben nämlich Hunger und sind gierig nach Futter. Aber es gibt auch andere Themen, die mich interessieren

Als da wären?

Ich bin zwar kein Fanatiker – aber ich gucke sehr gerne Fußball, Tennis und Formel 1. Zumeist allerdings die Wiederholungen, weil ich bis spätabends im Stall oder auf der Rennbahn bin.

Beneiden Sie angesichts Ihrer eigenen Spitzenleistungen nicht manchmal die Bundesliga-Profis um deren Millionengehälter?

Nein. Ich habe genau das zu meinem Beruf gemacht, wovon ich immer geträumt habe. Und ich genieße jeden Atemzug.

Zur Person


Mit seiner Lebensleistung hat der am 28. Januar 1950 in Westfalen geborene Trabrennfahrer Heinz Wewering wohl etwas einzigartiges geschaffen. 16.914 Siege - kein anderer europäischer Sulkyfahrer wird diese Zahl jemals erreichen. Der Zweitplatzierte in der Bestenliste, der Finne Jorma Kontio, liegt mit fast 6000 Zählern abgeschlagen zurück. Mit 15 Jahren gewann Werwering, der eigentlich Galopp-Jockey werden wollte sein erstes Rennen. 1972 gab er beim Derby auf der Mariendorfer Bahn sein Debüt. Wewering hat einen Sohn und eine Tochter, die ebenfalls im Trabrennsport aktiv sind.