Doch nicht nur im Leistungssport ist es gang und gäbe, sich Tabletten gegen jegliche Wehwehchen einzuwerfen. Die Gründe dabei sind vielschichtig – übertriebener Ehrgeiz, im Alter einfach noch ein paar Jahre kicken oder es stehen nur gerade so elf Spieler zur Verfügung. Dann gilt es, auf die Zähne zu beißen.

Einnahme von Tabletten absolut üblich

Matthias Schönknecht, Trainer des Fußballbrandenburgligisten FSV Bernau vermutet: "Ich denke, rund neunzig Prozent aller Freizeit-Fußballer haben das schon einmal gemacht." Eine Zahl, die Jens Manteufel sofort unterschreiben würde. Der 38-Jährige spielte in der Oberliga für den BFC Dynamo und in der Regionalliga für Tennis Borussia Berlin, bevor er fünf Jahre lang für Brandenburgligist Einheit Bernau als Mittelfeld-Motor das Spiel steuerte.
Heute ist Manteufel sportlicher Leiter des Vereins. "Sich Schmerzmittel einzuwerfen, um die 90 Minuten auf dem Platz zu überstehen, ist absolut üblich. Ich selber habe das auch gemacht. Vor allem, wenn man in ein gewisses Alter kommt, dann tun mal die Knie oder die Sprunggelenke weh und man wirft dann eben schnell eine Ibo 600 ein, bevor es auf den Platz geht", berichtet er. Da werde auch in der Kabine darüber gescherzt nach dem Motto: Heute nehme ich mir keine Banane aus dem Obstkorb, sondern lieber Ibo."

Ehrgeizige nehmen viel in Kauf

Die Sorge, seiner Gesundheit damit zu schaden, hatte er höchstens mal nach einem Spiel. "Währenddessen denkst du darüber keine Sekunde nach. Dann willst du einfach alles tun, um deiner Mannschaft zu helfen – und alles andere ist egal." Er weiß: Vor allem ehrgeizige Spieler nehmen vieles in Kauf. "Jemand, der da nicht ganz so für brennt, der macht es vielleicht eher nicht.
Das bestätigt Alexander Sobeck, Kapitän des Fußball-Oberligisten FC Strausberg. Er spielte beim 1. FC Union Berlin sowie Union Fürstenwalde und stellte die Schmerzen öfter mit Tabletten ab. Doch mittlerweile hat er eine andere Meinung dazu. "Heute nehme ich keine Schmerzmittel mehr. Fußball ist für mich ein Hobby, und insofern muss ich da auch nichts riskieren."
Eine Einstellung, die auch Uwe Zenk, Coach Fußball-Landesligist FC Schwedt befürworten würde. Er ist selber Arzt und lehrt bei Trainerfortbildungen und C-Lizenz-Ausbildungen im Fußballkreis Uckermark den medizinischen Teil. Bei sich im Verein hat er ein Auge darauf, ist auch noch ein Physiotherapeut da, gingen die Schmerzmittelanwendungen zurück. Doch er kennt es anders. "Erstens: Es gab und gibt immer wieder die gleichen Spieler, die vor dem Spiel unbedingt Aspirin benötigen. Zweitens: Der Verbrauch von Ibuprofen ist unter Männerfußballern sehr hoch – vor und nach Spielen. Drittens: Mit Diclofenac-Salbe reiben sich viele Spieler die Oberschenkel oder Waden ein." Oft sehe er die Sache schon eher als Placebo.

Schmerzmittel sind kein Doping

Bei einer nicht repräsentativen Umfrage zum Schmerzmittelkonsum im Amateurfußball unter 1142 Fußballspielern vom Recherchenetzwerk "Correctiv" gaben 47 Prozent an, mehrfach in einer Saison zu Schmerzmitteln zu greifen und 21 Prozent nahmen sie einmal pro Monat oder öfter.
Alexander Rathmann spielte bis vor Kurzem beim Brandenburgligisten Union Klosterfelde. "Ich denke auch, dass es rund achtzig Prozent der Spieler nehmen." Auch er selber habe seine Schmerzen schon durch Tabletten abgestellt, um auflaufen zu können. "Das ist ein paar Jahre her, und beide Male war einfach Not am Mann. Wir waren nur elf Leute, und nichts ist schlimmer, als wenn man zum Auswärtsspiel fährt und keine elf Spieler zusammen hat." Inzwischen, sagt der 28-Jährige, der sich unter anderem das Kreuzband gerissen hat, höre er besser auf seinen Körper. "Die Schmerzen kommen nicht von irgendwo her, deshalb bin ich der Meinung, dass man nicht mit Tabletten spielen sollte, weil es für die Gesundheit gefährlich ist."
Mit Doping hätten die Schmerzmittel laut der Welt-Doping-Agentur aber nichts zu tun, da die Kriterien der Leistungsförderung und Gesundheitsgefährdung nicht erfüllt seien. Doch fast 42 Prozent der befragten Amateurfußballer gaben an, damit ihre Leistung zu beeinflussen, weil sie belastbarer werden, da sie keinen Schmerz spüren oder einfach den Kopf frei  bekommen. "Jede unnatürliche Leistungssteigerung ist Doping" kommentiert Thomas Frölich, Mannschaftsarzt von Fußball-Bundesligist TSG Hoffenheim. Doch laut Doping-Experten Fritz Sörgel ist der Fußball keine Ausnahme, was den Gebrauch von Schmerzmitteln betrifft und führte den Handball als weitere Sportart an.
Andre Witkowski kennt sich als ehemaliger Handballer und heutiger Vorsitzender des MTV Altlandsberg in der Sportart aus: "Früher gab es selten einen Physiotherapeuten oder sonst jemanden, der sich in medizinischen Sachen auskannte. Wir Spieler waren selbsttherapierend. Mir war der sportliche Erfolg immer wichtiger als der Gedanke an mögliche Folgen. Die Beipackzettel habe ich schlichtweg nicht gelesen. Eine so physische Sportart wie Handball hinterlässt ihre Spuren. Mir ist indes kein Fall bekannt, in dem das dopingähnliche Formen angenommen hätte." Auch er sagt, heutzutage hätten die Physiotherapeuten in einer Mannschaft viel mehr Einfluss, sei das Umfeld professioneller. Das sei gut so, schließlich "verdient in unteren Ligen keiner seinen Lebensunterhalt mit dem Sport". Dass einer nach der Karriere nicht seinem Beruf nachgehen könne, aufgrund wie auch immer gearteter Spätfolgen, dürfe nicht sein.

Einnahme oft direkt vor Wettkämpfen

Benny Biemüller, Judo-Lehrertrainer am Olympiastützpunkt Frankfurt (Oder), meint dagegen: "Ich glaube, es werden in jeder Sportart Schmerzmittel genommen – ob im Profi- oder Amateurbereich. Oftmals, um weiter Sport treiben zu können, vor allem vor Wettkämpfen. Jeder Trainer, der etwas anderes behauptet, sagt nach meinen Erfahrungen nicht die Wahrheit. Da wird schon mal mit einem kaputten Kreuzband angetreten. Natürlich muss der ein oder andere Sportler schauen, dass er nichts nimmt, was auf der Dopingliste steht."
Für Carsten Olesch, der als Trainer bei der Box Union in Strausberg aktiv ist, sind Schmerzmittel im Amateurbereich indes ein absolutes No-Go. "Ich kenne keine Mittel, die Boxer dort nehmen. Es wäre immer ein ganz schmaler Grat zum Doping und das riskiert niemand. Es wird auch meines Wissens so an den Sportschulen eindringlich vermittelt. Wir haben nichts. Wenn jemand Schmerzen hat, helfen Eiswürfel oder Eisspray – und dann ist auch gut. Hat er längere Schmerzen, soll er auch gar nicht trainieren."
Auch für DFB-Präsident Fritz Keller war die hohe Anzahl an Amateurfußballern, die Schmerzmittel nehmen, ein Schock. "Da müssen wir unbedingt an unsere Landesverbände gehen und über Trainer eine Sensibilisierung hinkriegen", denn der Amateur-Fußball und -sport sei dafür gedacht, dass man gesund bleibt und nicht seinen Körper kaputt macht. (mit bga, en, hrö, jm, kb, uwe)

Ivan Klasnic ist das bekannteste Opfer

Wenn man dem Thema Schmerzmittel und Sport ein Gesicht geben will, dann ist es wohl das von Ivan Klasnic. Der ehemalige Angreifer von Fußball-Bundesligist Werder Bremen ist nun 40 und hat inzwischen seine dritte neue Niere erhalten. Und er führt seit Jahren einen Rechtsstreit gegen Bremer Ärzte, in dem es allerdings noch kein rechtskräftiges Urteil gibt. Der Hintergrund: Klasnic klagt an, dass die Vereinsärzte nicht einschritten, als seine Nierenwerte bis in den kritischen Bereich absanken, er aber über Jahre weiter Schmerzmittel verabreicht bekam. red