Wegen der schlechten Wirtschafts- und politischen Lage in ihrem Land suchen immer mehr Ukrainer nach Arbeit in Polen. In Stettin, wo einheimische Arbeitskräfte fehlen, ist man froh darüber. Einige Firmen zahlen sogar die Unterkünfte für die Gastarbeiter.
„Ohne die Ukrainer hätten viele Firmen bei uns große Probleme. Denn die Auftragsbücher sind voll, und gleichzeitig fehlen Arbeitskräfte, weil viele Polen selbst seit dem EU-Beitritt in den Westen gegangen sind.“ Jaroslaw Tarczynski weiß, wovon er spricht. Der 45-Jährige leitet nicht nur die polnische Niederlassung des deutschen Büroartikel-Herstellers „Durable“ im Stettiner Vorort Przeclaw. Er ist seit kurzem auch der Präsident der „Nördlichen Wirtschaftskammer“ – einer Art Industrie- und Handelskammer der Region Westpommern – zu der 1500 Unternehmen gehören, obwohl es in Polen keine IHK-Pflichtmitgliedschaft für die Firmen wie in Deutschland gibt.
„In den vergangenen zwei Jahren hat die Tendenz immer stärker zugenommen. Auch wir haben die ersten Ukrainer eingestellt, zunächst für einfache Arbeiten“, beschreibt Tarczynski. Denn viele der Osteuropäer, deren Arbeitserlaubnis offiziell immer nur für ein halbes Jahr ausgestellt wird, haben ihre Familien zu Hause gelassen. So, wie der blonde Igor, der nur seinen Vornamen verrät: „Ich arbeite, leg mich schlafen, und arbeite wieder. Mein Ziel ist, so wenig wie möglich Geld in Polen auszugeben. Denn zu Hause brauchen  meine Frau und die beiden Kinder es dringender.“
Aus genau diesem Grund, den Gastarbeitern so viel wie möglich Alltagskosten abzunehmen, hat der Bauunternehmer Andrzej Kowalczyk für „seine“ mittlerweile 80 Ukrainer vier kleine Häuschen angemietet, in denen diese wohnen. „Andere Firmen lassen ihre Mitarbeiter täglich mit Bussen aus bis zu 60 Kilometern entfernten Orten abholen. Solche Probleme haben wir gegenwärtig, um unsere Aufträge in Polen und Deutschland erledigen zu können“, berichtet Kowalczyk.
„Seit sich im vergangenen Jahr in den Grenzorten Kolbaskowo und Gryfino die Online-Versandriesen Amazon und Zalando angesiedelt haben, ist der Kampf um die Arbeitskräfte noch intensiver geworden“, berichtet die Personalchefin des deutschen Textil-Reinigungsunternehmens  „Fliegel“ aus Gryfino, Aleksandra Lowicz. Auch ihre Firma habe deshalb für die mittlerweile 70 hier beschäftigten Ukrainer zwei Pensionen in Gryfino angeheuert.
„Ich wohne in einer dieser Pensionen mit meinen Mann, der auch bei Fliegel arbeitet“, bestätigt die aus Odessa stammende Tatjana Kucharczyk. Von dem Geld, das sie beide in Polen verdienen – umgerechnet  1700 Euro im Monat – könnten sie zu Haus nur träumen. „Wir sind nicht wegen des Krieges mit Russland hierher gekommen, denn wir lebten ja im Süden der Ukraine“, sagt Tatjana. Der Grund sei einfach, dass es dort keine gut bezahlte Arbeit gebe. Wie lange sie in Polen bleiben, hätten sie noch nicht entschieden. „Dafür haben wir noch Zeit, denn Kinder haben wir auch noch nicht“, meint die Ukrainerin.
Der ukrainische Honorarkonsul in Stettin, Henryk Kolodziej, geht davon aus, dass derzeit in der 400 000 Einwohner zählenden Großstadt sowie in der umliegenden Region bereits 50 000 Ukrainer legal beschäftigt sind. Darüber hinaus gibt es immer wieder Meldungen vom Zoll über Firmen, in denen die Osteuropäer illegal für Stundenlöhne um zwei Euro beschäftigt werden.
Seit dem vergangenen Wochenende bietet auch die Stettiner Universität Integrationskurse für Ukrainer an. Die sprachlichen Unterschiede seien zwar nicht riesig, aber man wolle die Zuwanderer auch über das Alltagsleben und die Geschichte der Region informieren, sagt Katarzyna Wlodarczyk von der Wirtschaftsfakultät.
Der Geschäftsführer des Unternehmens TTS, Michal Pokorski, in dem Yachten für die deutsche „Hanse Group“ gefertigt werden, verweist lediglich auf ein Problem: „Momentan ist die Auftragslage wirklich sehr gut. Doch eine Verschlechterung ist nicht auszuschließen. Und dann müsste wohl wieder Personal abgebaut werden.“