In der kommenden Wintersaison wird es traditionell wieder ruhig in den Brandenburger und Berliner Jugendherbergen, nach einem mehr als durchwachsenen Corona-Jahr. So wagt Thomas Schwalm, Vorstandsvorsitzender des Landes-Jugendherbergswerk Berlin-Brandenburg, ein erstes Fazit: „Wir planen derzeit mit etwa 110.000 Übernachtungen von 400.000 in einem normalen Jahr.“ Damit wird auch nur ein Viertel des Jahresumsatzes von 13 Millionen Euro erreicht. „Die Liquidität unseres Verbandes ist bis Februar, März gesichert“, formuliert Schwalm. Auf der Mitgliederversammlung des Verbandes im September hatte er betont: „Solange Klassen-und Schulfahrten nicht in unbeschränkter Weise stattfinden dürfen, solange wir nicht mit allen unseren Jugendherbergen unsere Leistungen anbieten können, solange werden wir weiter um unser Überleben kämpfen müssen.“

Zehn Herbergen wieder geöffnet

Von den 14 Jugendherbergen in Brandenburg und drei in Berlin, die der Verband verantwortet, hatten ab Pfingsten Ende Mai wieder fünf mit reduzierten Kapazitäten geöffnet, weitere zogen nach. Doch fünf Häuser in der Mark und zwei in der Hauptstadt blieben zu, weil Hygienekonzepte sich nicht umsetzen ließen oder die Nachfrage in Corona-Zeiten als zu gering eingeschätzt worden war. Noch immer sind alle 200 Mitarbeiter in den Herbergen und in der Geschäftsstelle in Kurzarbeit, die Höhe variiert. Mitarbeiter wurden zeitweilig in andere Häuser umgesetzt oder betreuten das befristete Obdachlosenprojekt in der Herberge Berlin-International mit. Damit mussten keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden.
„Der Lockdown hatte uns übel mitgespielt, weil er in die beginnende Hauptsaison fiel“, blickt Thomas Schwalm zurück. Vor allem die Stornierung der Klassen- und Gruppenfahrten, die zumeist 40 bis 50 Prozent der Übernachtungen, mancherorts wie in Bremsdorf (Oder-Spree) bis zu 80 Prozent, ausmachen, fielen stark ins Gewicht. Seitdem erleben die Mitarbeiter in den Häusern ein ständiges Auf und Ab mit Buchungen und Stornierungen – je nach den aktuellen Corona-Regelungen der Bundesländer.

Familien entdecken Brandenburg

Der ganz große Einbruch blieb aus, weil Familien im Sommer die Jugendherbergen als Übernachtungsmöglichkeiten stärker für sich entdeckt hatten. Bezahlt gemacht habe sich hier die Werbung der Tourismus-Marketing GmbH Brandenburg mit der Vielfalt und Fläche im Land. „Familien haben ländliche Bereiche dadurch eher wahrgenommen. Viele haben Aufenthalte genutzt, um Freunde und Bekannte zu besuchen. Es gab da insgesamt eine große Offenheit, und mit den günstigen Preisen fanden unsere Gäste gute Urlaubspakete vor“, schildert Thomas Schwalm.
Schwierig blieb die Saison für die Häuser, die sich auf Gruppenfahrten, zum Beispiel von Chören, spezialisiert haben. „So schnell lassen sich für sie keine neuen Zielgruppen finden“, betont der Vorstandsvorsitzende. Aus diesem Grund sei beispielsweise die Herberge in Buckow (Märkisch-Oderland) weiter geschlossen. Aber es gibt Ideen, neue Gäste zu gewinnen. Während einer der wöchentlichen Videokonferenzen der Landesverbände kam aus Bayern der Vorschlag, ein sogenanntes Long-Stay-Angebot für Studenten und Auszubildende zu schaffen, die noch keine Wohnmöglichkeit gefunden haben. Brandenburg war eines der ersten Länder, die das probiert haben. Gut ein Dutzend Nachfragen hat es in Potsdam gegeben.

Chorproben fallen aus

Normalerweise nimmt im Winter die Auslastung während der Weihnachtsmärkte und zu Silvester durch Familien noch einmal deutlich zu, auch viele Chöre proben vor ihren Weihnachtskonzerten intensiv. Weil in diesem Jahr wegen der Pandemie und entsprechenden Verordnungen noch einiges offen ist, sagt Schwalm: „Wir können nur auf Sicht fliegen“. Die Verunsicherung der Gäste ist sehr stark. Das betrifft in besonderem Maße Schulen, die viele Fahrten storniert haben und kaum noch langfristig buchen. Mehrere Landesverbände bieten deshalb für Familien und Gruppen flexible Stornobedingungen an. Für den Fall eines Lockdowns am Schul- oder Zielort, die Erklärung zum Risikogebiet oder eine Covid-Erkrankung können Gruppen einen Tag vor Anreise kostenfrei stornieren. Das sei zwar ein kalkulatorisches Risiko für die Herbergen, wurde laut Schwalm aber positiv angenommen – bis zum Beginn des Beherbergungsverbotes. Auch ein neuerlicher Lockdown, der in der Luft liegt, sorgt dafür, „dass wir nicht in beruhigende Phasen kommen“, betont Schwalm.

Budget für Hilfsmaßnahmen ausgeschöpft

Bezüglich des zeitweiligen Beherbergungsverbotes teilt er die Kritik der Branchenverbände und verweist auf das Hygienekonzept, das das Deutsche Jugendherbergswerk mit der Uni-Klinik Saarland erarbeitet hatte. „Das hatte uns Handlungssicherheit gebracht. Alle haben gute Jobs gemacht“, unterstreicht Thomas Schwalm. Blickt er auf staatliche Hilfsmaßnahmen, um die Pandemie zu überstehen, bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Anfangs seien gemeinnützige Vereine wie das Jugendherbergswerk durch alle Maßnahmen gefallen. Nach entsprechender Lobby-Arbeit hat auch der Brandenburger Verband Überbrückungshilfen des Bundes und einen KfW-Schnellkredit des Landes nutzen können. Schwalm würde gern mehr Unterstützung annehmen und findet dafür im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Rückhalt – wenn die EU-Kleinbeihilferegelung nicht wäre. Demnach darf ein Kleinbetrieb im Jahr maximal 800.000 Euro an Hilfe erhalten, egal, ob es sich um eine Betriebsstätte handelt oder um 17 wie beim Jugendherbergswerk Berlin-Brandenburg, das sein Budget bereits ausgeschöpft hat. Für Thomas Schwalm stellt sich deshalb eine Frage: „Wenn Programme nicht ausgeschöpft werden, sollte sich die Politik fragen, woran das liegt.“
Mehr zu Corona und den Folgen in Brandenburg und Berlin gibt es auf einer Themenseite.

Jugendherbergen in Fakten


Neben den 14 Jugendherbergen in Brandenburg und drei in Berlin unter dem Dach des Landesverbandes Berlin-Brandenburg existieren zwei Häuser mit selbstständigen Betreibern in Cottbus und Berlin-Ostkreuz.

Weiterhin geschlossen bleiben die Herbergen in Milow (Havelland), Bad Saarow (Oder-Spree), Buckow (Märkisch-Oderland), am Liepnitzsee (Barnim) sowie Wannsee und Ernst Reuter in Berlin. In Prebelow (Ostprignitz-Ruppin) kann nur das Ferienhaus gebucht werden.

Quellmarkt für Klassenfahrten jüngerer Jahrgänge sind Brandenburg selbst sowie umliegende Bundesländer. Berlin und Ravensbrück sind zumeist Ziel älterer Schüler, die auch aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg kommen. keb