Wenn auch die Belieferung von Hotels und Gaststätten mit Fisch in den vergangenen Monaten Corona-bedingt eingebrochen ist, so blicken Brandenburger Binnenfischer doch erfreut auf den gestiegenen Absatz in Hofläden und an Marktständen. Auf dem Landesfischereitag in Seddin (Potsdam Mittelmark) war kürzlich gar von einem Boom gesprochen worden, weil in Pandemie-Zeiten zu Hause mehr gekocht werde. Eine Tendenz, die Helmut Tusche für seine Fischzucht Rietschen GmbH in Frankfurt (Oder) bestätigen kann.

Umsatz ist bei Fischer Tusche um ein Viertel gestiegen

„Bei uns hat sowohl die Nachfrage nach Frischfisch als auch nach Räucherfisch angezogen. Das war schon zu Ostern zu merken, wo wir fast das Doppelte des Umsatzes gegenüber dem Vorjahr erreicht haben“, erzählt Tusche, der rund 350 Hektar Teiche vor allem in der Oberlausitzer Region um Görlitz und Weißwasser und zwischen Frankfurt und Seelow (Märkisch-Oderland) bewirtschaftet. Im Durchschnitt sei der Umsatz um 25 bis 30 Prozent gestiegen bei stabilen Preisen. Die große Nachfrage hat dazu geführt, dass der Nachschub von Forelle kaum befriedigt werden könne, erzählt er. Forelle wie auch der Saibling sind vor allem in der Grillsaison beliebt. „Renner sind bei uns außerdem Zander und Hecht, in der kalten Jahreszeit auch Karpfen“, erzählt Helmut Tusche.

Viele entdecken erstmals den Hofladen der Fischerei Werbellinsee

Weder verneinen noch bejahen will Volker Wolf von der Fischerei Werbellinsee (Barnim) die Frage nach einem Boom bei Fisch. Aus einfachem Grund: „Der Werbellinsee ist wegen seiner hohen Wasserqualität sehr fischarm. Wir haben deshalb schon seit vielen Jahren unser Konzept darauf ausgerichtet, nur das zu fischen, was der See bietet.“ Verkauft wird nur noch über den eigenen Hofladen, wo neben frischem Fisch – Kleiner Maräne, Hecht und Barsch – auch Selbstgeräuchertes und die beliebten Fischbouletten aus Plötze und Blei angeboten werden. Wolf sind aber in den vergangenen Monaten „die vielen neuen Gesichter“ im Laden aufgefallen, größtenteils wohl Urlauber, die statt im Ausland in den Barnim gereist sind. Es gibt aber immer mal ein Auf und Ab des Kundenstromes. So blieb der Hofladen vor zwei Jahren zur wichtigen Osterzeit zu, weil wegen Kälte und Schnee kaum Kunden und Ausflügler unterwegs waren.

Wassermangel wird an der Spree zum Problem

Trotz der aktuellen positiven Entwicklung sehen sich die Brandenburger Berufsfischer mit anhaltenden Problemen konfrontiert. Nach Angaben des Landesfischereiverbandes sind das Wassermangel, viele neue Steganlagen und rücksichts- oder ahnungslose Freizeitkapitäne. „Der Wassermangel beschäftigt uns seit drei Jahren. Nach einer kleinen Entspannung im Vorjahr ist die Situation derzeit akut angespannt. Aus der Spree fließt kaum noch Flusswasser in unsere sächsischen Teiche. Die Fische wachsen schlechter“, beschreibt Helmut Tusche. Er wie seine Berufskollegen würden, da wo möglich, schon an Stellschrauben drehen: Teiche werden nur noch alle zwei Jahre abgefischt und es wird mit baulichen Maßnahmen versucht, das Wasser in den Gewässern zu halten.
Einen Ursachenkomplex vermutet Volker Wolf hinter der stark eingebrochenen Ernte der Kleinen Maräne, die selbst in guten Zeiten auf 1,5 Tonnen gegenüber einst 30 Tonnen zurückgegangen ist. Sein kleiner Betrieb mit neun Mitarbeitern forscht gemeinsam mit dem Institut für Binnenfischerei in Potsdam an den Hintergründen. Eine Annahme ist, dass sich durch den Klimawandel der Werbellinsee mehr erwärme. „Dadurch schlüpfen die Maränen zu einem früheren Zeitpunkt. Sie finden dann noch nicht genügend Zooplankton vor und verhungern.“

Kormorane räubern intelligent

Der „Heimatfisch“, wie ihn Wolf bezeichnet, falle vermutlich seit Jahren auch verstärkt Kormoranen zum Opfer. In Größenordnung nicht den heimischen Brutpaaren, sondern vor allem Jungvögeln, die von der polnischen Ostsee kämen. Der Fischerei-Ingenieur spricht von 300 bis 500 intelligent jagenden Vögeln, von denen jeder – je nach Angabe von Naturschützern oder Fischern – zwischen 250 und 500 Gramm Fisch pro Tag frisst. Damit fehlt dann auch eine ganze Elterngeneration. Die Barnimer kaufen deshalb Maränenlarven zu und brüten die Tiere selbst aus, um die Brutpopulationen zu vergrößern.
Bei der Erstattung der Ausfälle durch Kormorane, die wegen der niedrigen Wasserstände einfacher Beute machen, können Brandenburgs Fischer auf mehr Hilfe vom Land hoffen. Nach Angaben des zuständigen Agrarministeriums tritt in Kürze eine neue Richtlinie in Kraft, die bis 2023 – je nach Haushaltslage – vollständig die angerichteten Schäden ausgleicht. Bislang durften nur maximal 30.000 Euro innerhalb von drei Jahren an ein Unternehmen gehen, hatte Minister Axel Vogel in Seddin erklärte.

Wenige Bootsführer befahren gesperrte Uferbereiche

Es bleiben die Sorgen mit Bootsführern. Der Werbellinsee als Bundeswasserstraße war bei Freizeitkapitänen schon immer beliebt. Nach Beobachtung von Fischer Wolf hat deren Zahl definitiv zugenommen. Früher passierte es schon mal, dass ein Boot durch die Netze fuhr. „Wir fischen deshalb von Freitag bis Sonntag gar nicht mehr“, sagt Wolf. Bewusst rücksichts- und respektlose Bootsführer erlebt er zum Glück ganz selten. Es ärgert ihn dennoch, wenn einige in die gesperrten Uferbereiche fahren, dort ankern, womöglich noch baden. Denn in diesen sogenannten Einstandsgebiete soll sich der Fischnachwuchs in Ruhe vermehren können.

Binnenfischerei in Brandenburg


125 Betriebe bewirtschaften im Land Brandenburg aktuell eine Gewässerfläche von rund
56 000 Hektar.

Gefangen werden etwa 1000 Tonnen Fisch im Jahr, meist Aal, Hecht und Zander.

Etwa 600 Menschen sind in der Mark in der Fischerei beschäftigt. dpa