Heidi Wittgen ist trotzdem zufrieden. Der Verkauf von Wurst- und Fleisch an der Ladentheke läuft immer noch gut, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Agrargenossenschaft Neuzelle, zu der der Bauernmarkt gehört. Anders ist das beim Imbiss im Markt. Hier wird Frühstück und Mittagstisch angeboten. Aber Schnitzel, Soljanka oder Grützwurst dürfen sich die Kunden jetzt nur noch einpacken lassen und mit nach Hause nehmen.  "Der Umsatz ist um die Hälfte eingebrochen", sagt  Heidi Wittgen. Die Corona-Krise trifft nicht nur den Imbiss, sie trifft  viele Geschäftsfelder des Unternehmens. Der Agrarbetrieb hat zusammen mit einer Tochterfirma eine komplette Vermarktungskette aufgebaut. Auf den Feldern wachsen Brotgetreide, Raps, Kartoffeln und Futter für die 2600 Rinder und 4000 Schweine. Das Fleisch wird größtenteils in der betriebseigenen Landfleischerei verarbeitet, in drei Läden verkauft und auch über einen Partyservice vermarktet. Außerdem werden Restaurants und Großküchen mit Fleisch, Obst, Gemüse und Kartoffeln beliefert. Doch Partys feiert niemand mehr. Restaurants haben geschlossen. Großküchen kochen auf Sparflamme. "Unsere Kundschaft in der Direktvermarktung fällt zu einem großen Teil aus", sagt Heidi Wittgen. Für 60 Beschäftigte ist Kurzarbeit angezeigt. Als Heidi Wittgen vor einigen Tagen versuchte, Soforthilfe des Landes für die Genossenschaft zu beantragen, musste sie feststellen, dass es für einen Landwirtschaftsbetrieb wie ihren kein Geld aus diesem Fonds gibt. Sie sei bitter enttäuscht, schrieb die Agraringenieurin in einem Brief an Politiker, Verbände und Behörden.
Noch mehr als der wegbrechende Absatz macht ihr aber die Sorge um die Mitarbeiter zu schaffen. Zehn polnische Beschäftigte arbeiten in dem Unternehmen, die  meisten davon in den Ställen. So kümmern sich zwölf Beschäftigte um das Milchvieh – fünf von ihnen kommen aus Polen.
32 Cent für den Liter Milch
Als Polen verfügte, dass Grenzpendler nach ihrer Rückreise für 14 Tage in Quarantäne müssen, war das  eine kritische Situation. Zweimal täglich müssen die 800 Kühe gemolken werden. Das schaffen die deutschen Angestellten nicht allein. Die polnischen Mitarbeiter teilten sich in zwei Gruppen: Die eine arbeitet zwei Wochen, die andere ist zu Hause in Quarantäne. Die Gruppen wechseln sich ab. Die Genossenschaft mietete Pensionszimmer, stellt ein kostenfreies Mittagessen. "Ich habe große Hochachtung für die Bereitschaft unserer polnischen Mitarbeiter, sich auf diese Situation einzustellen." Dass das Land solche Lösungen mit 65 Euro am Tag unterstützt, sei eine gute Sache.
Die Corona-Krise verschärft ein altes Problem.  "Die Arbeitskräftesituation in den Ställen war schon immer prekär", sagt Heidi Wittgen. Der Betrieb mit 150 Mitarbeitern und neun Auszubildenden findet kaum noch Personal  in Deutschland. Die Melker stehen acht Stunden täglich im Melkstand. Pünktlicher Feierabend ist nicht garantiert. "Wenn sich eine Futterlieferung verspätet, wenn ein Kalb geboren wird, dann kann man nicht einfach nach Hause gehen." Wer mit den Tieren arbeitet, braucht eine gute Ausbildung. "Wenn wir Löhne wie in der Industrie bezahlen könnten, dann hätten wir kein Problem, Leute zu finden", sagt Heidi Wittgen. Aber das könne sich der Betrieb nicht leisten. Knapp 32 Cent bekommt die Genossenschaft  für den Liter Milch. 37 Cent braucht sie, um kostendeckend zu arbeiten.
Was die Soforthilfen angeht, hat das Land mittlerweile eine Förderrichtlinie für kleine und mittlere Landwirtschaftsbetriebe mit mehr als zehn Mitarbeitern angekündigt. Heidi Wittgen hofft nicht nur auf schnelle Hilfen. Sie wünscht sich mehr Wertschätzung für die Landwirtschaft, für regionale Erzeugung von Lebensmitteln. Sie sei sehr dankbar, sagt sie, über den Einsatz, den die Mitarbeiter jeden Tag zeigen. "Ich hoffe, dass alle gesund bleiben."