Herr Peterson, wegen Corona werden wohl mehr Menschen Urlaub im Inland machen. Sind die Züge bald alle überfüllt?
Unsere Züge sind aktuell im Schnitt zwischen 20 und 30 Prozent ausgelastet. Das ist gut die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr. Wir gehen davon aus, dass wir über den Sommer eine weitere Erholung der Nachfrage sehen. Dafür sind wir gut gerüstet.
Was bedeutet gut gerüstet?
Wir halten gezielt Sitzplätze frei und haben dadurch mehr Raum im Zug. Unsere Mitarbeiter haben damit die Möglichkeit, die Fahrgäste bei Bedarf über den ganzen Zug zu verteilen. Zusätzlich kommen uns jetzt die Investitionen in unsere Fahrzeugflotte zugute. Im ersten Halbjahr haben wir die Kapazitäten um 15 000 neue Sitze ausgeweitet. Bis Ende des Jahres kommen weitere 13 000 Sitze hinzu.
Wenn sich jemand neben mich setzen will und mir das nicht passt, muss der Schaffner denjenigen woanders platzieren?
Da finden wir eine Lösung! Entweder wird der Fahrgast dann woanders platziert oder Ihnen wird ein anderer Sitz angeboten. Ich habe neulich in einem unserer Züge erlebt, wie eine ältere Dame einen Platz am Gang gebucht hatte und fragte, ob sie nicht doch am Fenster sitzen könne, wo nicht so viel Durchgangsverkehr ist. Der Zugbegleiter hat sie dort platziert, wo sie allein in einer Zweierreihe am Fenster sitzen konnte.
Um überfüllte Züge zu vermeiden, warnt der Navigator bei einer Auslastung von 50 Prozent. Wie hat sich das System bewährt?
Die Menschen halten sich sehr gut an die Anzeige. Nach der Freischaltung hatten wir keinen Fall, dass der Zug wegen zu vieler Passagiere die Fahrt nicht hätte fortsetzen können. Größtenteils buchen die Passagiere die Züge bei einem orangenen Auslastungssymbol nicht mehr und greifen auf weniger ausgelastete zurück. Bei einem roten Symbol ist keine Buchung mehr möglich. Wir werden deshalb weiter darauf setzen.
Das System beruht aber auf Freiwilligkeit. Sollte man nicht besser jede zweite Sitzreihe blocken, damit der Abstand gewährleistet wird?
Das ist kein praktikables System, das der Realität gerecht wird. Wir können den Menschen nicht vorschreiben, wie sie miteinander zu reisen haben. Eine fünf- oder sechsköpfige Familie muss doch miteinander reisen können.
Was halten Sie von dem Vorschlag, einen Wagen nur für Risikogruppen zur Verfügung zu stellen?
Das halte ich nicht für realistisch. Denn Risikopatienten haben unterschiedliche Anforderungen. Wie soll der Wagon ausgestaltet sein? Sollen zwei oder drei Sitzreihen freigelassen werden? Diesen Anforderungen können wir als großes Verkehrsunternehmen, das tagtäglich viele Menschen befördern muss, nicht gerecht werden.
Sie hatten Ihr Angebot auf 75 Prozent der Züge reduziert. Wie viele sind es jetzt?
Wir haben das Angebot in den vergangenen Wochen Schritt für Schritt erhöht und fahren in Deutschland jetzt wieder alle touristischen Ziele an. Und auch die internationalen Angebote haben wir wieder deutlich ausgebaut. Gerade in diesem Sommer möchten wir attraktive und umweltfreundliche Reisemöglichkeiten in den Urlaub anbieten. Dazu haben wir drei neue Linien eingeführt. Ein ICE fährt vom Südwesten in den Nordosten, also von Stuttgart über Berlin nach Binz. Ein ICE von München nach Norddeich Mole und ein dritter von Berlin nach Innsbruck.
Wie viele Tickets wurden aufgrund der Pandemie storniert?
Wir haben die Stornierung und flexible Nutzung von fünf Millionen Fahrten ermöglicht. Die Fahrkarten, die vor dem 13. März gekauft wurden und womit die Reise bis zum 4. Mai erfolgen sollte, können noch bis Ende Juni eingereicht und gegen einen Gutschein eingetauscht werden. Dieser ist drei Jahre lang gültig. Bei späteren Fahrten können die Reisenden ihre Tickets noch bis Ende Oktober flexibel nutzen.
Wie lange müssen die Kunden auf Ihren Gutschein warten?
Viele haben ihr Ticket online in einen Gutschein umgewandelt. Das war der schnellste Weg. Wer einen anderen Weg gewählt hat, den bitten wir um etwas mehr Geduld. Hier kann es bis zu vier Wochen dauern, bis der Gutschein zugestellt wird.
Durch die gesenkte Mehrwertsteuer fallen die Preise um 1,9 Prozent. Erwarten Sie, dass dadurch mehr Leute in den Zug steigen?
Das ist natürlich unsere Hoffnung. Klar ist, wir werden die Mehrwertsteuersenkung an unsere Kunden weitergeben. Damit haben wir den Effekt, dass der seit dem 1. Januar geltende Einstiegspreis von 17,90 Euro auf 17,50 Euro fällt. Das ist ein sehr attraktiver Preis vor allem für jüngere Zielgruppen.
Sie haben in den vergangenen Wochen Ticket-Aktionen gestartet. Sind weitere geplant?
Wir haben erneut ein Sommer-Ticket für jüngere Reisende geplant. Für 70 Euro können die Unter-18-Jährigen und für 90 Euro die 18- bis 26-Jährigen vier Fahrten kaufen. Pro Fahrt sind das dann 17,50 beziehungsweise 22,50 Euro. Das Ticket ist online vom 24. Juni an bis 15. August buchbar. Junge Reisende können damit bis Ende September unterwegs sein. Im vergangenen Jahr wurde das sehr gut nachgefragt. Wir haben 130 000 Sommertickets verkauft.

Bundesweite Kampagne für Urlaubsziele startet


Michael Peterson ist seit knapp einem Jahr DB-Fernverkehrsvorstand. 2014 kam der ehemalige Berater zum Unternehmen und führte zunächst das Produktmanagement Fernverkehr. Als späterer Marketingvorstand optimierte der 49-Jährige den Komfort Check-in. Unter seiner Leitung startet am Dienstag eine Tourismuskampagne der Bahn, die Lust auf Urlaub in der Heimat machen soll. Touristische Ziele wie die Müritz werden mit Bahn-Informationen verknüpft. Erstmals gibt es dazu eine Kooperation mit den 16 Bundesländern. Mehr Infos unter bahn.de/entdeckedeutschland