Herr Dohler,  wann werden Brandenburger Haushalte über die Gasleitungen von EWE auch Wasserstoff geliefert bekommen?
Wasserstoff wird zunächst  von der Industrie genutzt werden und im Transport, besonders im Schwertransport. So sieht es die Wasserstoffstrategie vor, und dort  kann Wasserstoff auch am sinnvollsten verwendet werden.  Der Einsatz für die Wärmeversorgung von privaten Kunden wird noch längere Zeit  dauern. Da gibt es andere Lösungen, etwa Wärmepumpen oder Solarthermie, die derzeit besser geeignet sind.
Andere Anbieter überlegen bereits, einen bestimmten Anteil dieses Gases dem Erdgas beizumischen.  Hat EWE das nicht vor?
Ich kann mir vorstellen, dass es ähnlich wie beim Benzin,  wie bei E10, eine Beimischungsquote für Wasserstoff gibt. Man könnte zehn Prozent des Erdgases durch Wasserstoff ersetzen und die CO2-Emissionen damit um zehn Prozent senken.  Dann müssen wir uns aber auch fairerweise fragen, woher dieser Wasserstoff kommen soll. Es wird anfangs nur eine begrenzte Menge davon geben und sie sollte dort eingesetzt werden, wo es am sinnvollsten ist – in Industrie, Transport und Energiespeicherung.
EWE beteiligt sich in Niedersachsen  am Projekt "Hyways for Future". Worum geht es?
Das ist ein Projekt des Bundesverkehrsministeriums. EWE will bis zu 90 Millionen Euro investieren, davon wären 20 Prozent förderfähig. Wir wollen dort über Elektrolyseure Wasserstoff herstellen, Tankstellen errichten und dann gemeinsam mit Kommunen Fahrzeuge anschaffen –  für den Öffentlichen Nahverkehr, die Müllabfuhr oder die Straßenreinigung. Der Grundgedanke ist eine Markt-aktivierung. Wir wollen zunächst einen Bedarf schaffen – dann können wir auch weiter in die Herstellung von Wasserstoff investieren.
Setzt EWE  auf grünen Wasserstoff, der mit erneuerbarer Energie aus Wasser hergestellt wird oder auch auf solchen aus Erdgas?
Wir müssen perspektivisch grünen Wasserstoff ins System bringen, sonst erreichen wir keinen nachhaltigen Klimaeffekt. In der Übergangsphase kann es sinnvoll sein, klimaneutralen Wasserstoff zu verwenden. Das bedeutet, dass bei seiner Gewinnung aus Erdgas das Kohlendioxid oder der Kohlenstoff in fester Form abgespalten und gespeichert wird. Die Speicherung steht in Deutschland in der Kritik. Es sind eher Länder wie Norwegen, die darüber nachdenken.  Man müsste diesen Wasserstoff dann importieren.
Welche Chancen sehen Sie  für Pkw mit Wasserstoff?
Ich sehe in Deutschland im Moment eher den Bedarf für Schwerverkehr, Öffentlichen Nahverkehr, Züge oder Schiffe. Länder wie Japan oder Südkorea gehen da einen anderen Weg. Was sich am Ende aber durchsetzt, das muss man dem Markt überlassen. Da sollte die Politik technologie-offen herangehen. Beim Wasserstoff gibt es auch noch ein großes Potenzial für Kostensenkung.
Was muss aus Ihrer Sicht geschehen, damit Wasserstoff zu Öl und Gas konkurrenzfähig wird?
Ein bedeutender Faktor, der den Preis bestimmt, ist die Energie, die zu seiner Erzeugung eingesetzt werden muss. Der Strompreis ist durch viele Abgaben und Umlagen – wie die EEG-Umlage  – heute sehr hoch. Außerdem bewegt sich die Technologie noch auf Labormaßstab. Durch eine Skalierung auf industrielle Dimensionen  lassen sich Kostensenkungen von 60 Prozent und mehr pro Kilogramm Wasserstoff erreichen. Die Politik muss den Strompreis für die Wasserstofferzeugung entlasten. Und es müssen Bedingungen geschaffen werden, die großtechnische Anlagen möglich machen.
Laut Wasserstoffstrategie der Bundesregierung sollen bis 2030 industrielle Produktionsanlagen bis zu fünf Gigawatt Gesamtleistung entstehen. Halten Sie das für machbar?
Absolut. Ich könnte mir vorstellen, dass zehn Gigawatt machbar sind, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
EWE engagiert sich für Mobilität mit Wasserstoff im Nordwesten Deutschlands. Was hat die Region Brandenburg/Rügen in dieser Hinsicht zu erwarten?
Es soll weitere Bewerberrunden für solche Projekte geben. Dort könnten wir schauen, ob wir uns als Partner einbringen.  Wir wollen in Brandenburg in Windkraft investieren, wir betreiben hier Gasspeicher und haben das Thema Mobilität und Wasserstoff im Konzern. Wir würden uns auch gern in Brandenburg im Bereich Wasserstoff engagieren.
Wie viele Windkraftanlagen besitzt das Unternehmen gegenwärtig in Brandenburg?
EWE ist vergangenes Jahr als Investor in einen bestehenden Windpark im Landkreis Elbe-Elster eingestiegen, mit zehn Anlagen. Einen weiteren Windpark mit 20 Anlagen betreibt EWE seit mehr als zehn Jahren in der Ostprignitz. Es ist gegenwärtig extrem schwierig, eigene Windparks zu entwickeln. Wir haben verschiedene Projekte in der Genehmigungsplanung. Da erleben wir aber viel Widerstand. Es ist zäh, Genehmigungen zu bekommen. Das ist frustrierend, gerade, weil das Thema Klimawandel weiter ganz oben auf der Agenda steht.
In welche Dimensionen bewegen sich die Ausbaupläne bei der Windkraft in Brandenburg?
EWE plant an verschiedenen Standorten Windkraftprojekte in Brandenburg. Diese sollen teilweise mit Partnern umgesetzt werden, auch eine Bürgerbeteiligung ist für einige Projekte angedacht. Konkrete Aussagen zur Anzahl der geplanten Anlagen oder zum voraussichtlichen Baubeginn lassen sich derzeit aufgrund von politischen Unwägbarkeiten leider noch nicht treffen.
Sie sprechen sich für eine Beteiligung von Kommunen an Windkraft  aus. Wie kann die aussehen?
Ich halte Ausgleichszahlungen an die Gemeinden für fair und richtig, wie sie Brandenburg vorgeschlagen hat. Diesen stehen wir offen gegenüber, sie sollten aber bundesweit gleich sein. Das schafft Planungssicherheit und Vergleichbarkeit, die Betreiber brauchen.
Reicht eine finanzielle Beteiligung aus  für mehr Akzeptanz?
Man kann sicher mehr tun. Das beginnt damit, wie Investoren gegenüber Gemeinden auftreten. Da haben wir den Vorteil, dass wir als mehrheitlich kommunales Unternehmen verstehen, wie Kommunen funktionieren und wie man auf sie zugeht – als Partner, nicht als distanzierter Investor.  Eine Frage ist, was kann man tun, um ein Windprojekt für die betroffene Gemeinde attraktiver zu machen. Dafür sind neben Ausgleichszahlungen vor allem Transparenz und ein intensiver Dialog mit der Kommune, den Bürgern und den örtlichen Verbänden schon in der Planungs- und Bauphase wichtig.
Wo geht die Entwicklung in Brandenburg und auf Rügen hin?
In dieser Region sehe ich viele Chancen für den Ausbau der erneuerbaren Energien, hier gibt es gut nutzbare Flächen dafür.  Auch bei Wasserstoff und dezentralen Wärmelösungen sehen wir Entwicklungsmöglichkeiten. Berlin wächst ins Umland, dafür wollen wir Infrastruktur bereitstellen. Das können Erdgasanschlüsse sein, Quartierslösungen oder Kombinationen von Photovoltaik, Speichern und Mobilitätsangeboten.  Es geht uns dabei um den Kundennutzen.  Wir wollen keine Produkte anbieten, sondern versuchen zu verstehen, welche Dienstleistungen unsere Kunden brauchen – Energie, Mobilität. Das wollen wir zu möglichst günstigen Kosten bereitstellen.
Welche Perspektive hat Erdgas? Sie haben in den vergangenen Jahren Gaskunden in Brandenburg verloren.
Es wird noch eine lange Zeit eine gute Perspektive haben. Wir wollen ja in Deutschland gerade aus der Kernenergie aussteigen. Wir müssen aus der Braun- und Steinkohle aussteigen. Die heute verfügbare Alternative ist Erdgas. Wasserstoff stellt eher die Nachfolgelösung für Erdgas auf mittlere Sicht dar. Auch wenn Erdgas Öl verdrängt, hat das einen ökologischen Nutzen.  Wir speisen außerdem Biogas in unser Netz ein, das hat gerade in Brandenburg Potenzial. Auch Wasserstoff oder Synthesegas lassen sich in das Erdgasnetz bringen. Diese Infrastruktur kann in der Zukunft sehr gut genutzt werden.
Aber Sie verlieren Gaskunden – ist EWE zu teuer?
Wir sind nicht zu teuer, wir stehen im Wettbewerb mit zahlreichen Anbietern. Rund 350 Wahlmöglichkeiten haben die Brandenburger allein bei den Erdgastarifen. Wir bieten Service vor Ort an, betreiben Shops und verkaufen auch CO2-neutrales Erdgas (CO2-Ausstoß wird durch Klimaschutzmaßnahmen ausgeglichen - d. Red).
Wir sind nicht die billigsten, das wollen wir auch gar nicht sein, weil wir Service und nachhaltige Produkte und Dienstleistungen bieten. Dafür gewinnen wir aber beim Strom dazu, so dass wir in Summe sehr zufrieden sind und ein stabiles Geschäft in Brandenburg sehen.

Zur Person


Stefan Dohler Jahrgang 1966, stammt aus Cochem an der Mosel. 2018 wechselte er vom schwedischen Energieversorger Vattenfall, wo er zuletzt Finanzvorstand war, an die Spitze der EWE AG. Er hat Seemann gelernt und Luft- und Raumfahrttechnik sowie Management studiert. 1998 begann Dohler beim Hamburger Energieversorger HEW, einem der Vorgängerunternehmen von Vattenfall. red