Das Firmenmotto schraubt die Erwartungen der Kunden und Ansprüche der Mitarbeiter hoch: "Mit Herz und Verstand – Qualität aus Meisterhand" wirbt Dachdeckermeister Marco Riemelt seit dem Jahr 2000 für seine und die Arbeit der Kollegen. Damals hatte er – 26 Jahre alt – die Firma seines Vaters Klaus-Dieter in Wriezen übernommen und sie in die Marco Riemelt Dachdecker GmbH umgewandelt. Mit aktuell 25 Mitarbeitern auf dem Bau und drei Bürokräften ist die Handwerksfirma inzwischen eine der größten der Region.
Seinen Anfang genommen hat der berufliche Weg von Marco Riemelt 1990. Er entschied sich für die Ausbildung zum Dachdecker beim Kreisbaubetrieb. Als 14 Tage vor Ausbildungsbeginn wegen der Wirren der Zeit der Lehrlingsvertrag aufgelöst wurde, ging der 16-Jährige doch bei seinem Vater in die Lehre. "Wir waren uns beide in organisatorischen und arbeitstechnischen Fragen gleich einig", berichtet Marco Riemelt über keine Selbstverständlichkeit, wenn zwei Familiengenerationen zusammenarbeiten. Die Firma war mit insgesamt sechs Mitarbeitern klein, so dass "ich gleich mit aufs Dach durfte und nicht Kaffee kochen und fegen musste wie Lehrlinge in anderen Betrieben". Dass er praktisch von Anfang an mitarbeiten durfte, sollte sich einige Jahre später auszahlen.
Weil sein Vater aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten musste und seine Liebe zum Beruf gewachsen war, entschied sich Marco Riemelt, nicht erst nach den vorgeschriebenen sechs Gesellenjahren seine Meisterausbildung zu beginnen, sondern durfte dies mit einer Sondergenehmigung bereits eher. Neun Monate lernte er in Vollzeit in Lüneburg alles, was einen Dachdeckermeister ausmacht. Riemelt als der bei Weitem Jüngste in der Klasse hatte theoretisch keine Probleme. In der Praxis galt es nur eine Hürde zu überwinden: "Oben in Schleswig-Holstein werden fast überall Hohlpfannenziegel verarbeitet. Die kannte ich nicht. Aus diesen Ziegeln eine Firstscheibe auszuschneiden, war dann schwierig. Seitdem habe ich das nur wenige Male wieder gebraucht", erzählt der heute 46-Jährige.
Mit der Hohlpfanne musste er ebenso bestehen wie bei den weiteren Arbeitsproben zum Schiefer, Flachdach und mit Dachdeckerarbeiten. Dann konnte er sich an sein Meisterstück setzen: eine eingebundene Biberschwanzkehle in Doppeldeckung ungleichhüftig, die zu den hohen Künsten eines Dachdeckers gehören. Nach dem Anfertigen der Zeichnungen und Erstellen eines Angebotes war eine 20 Quadratmeter große Fläche zu decken und die Anschlüsse zu fertigen. Bei dieser Technik werden Biberschwanzziegel in die angrenzenden Dachflächen eingebunden. Dabei liegen die Ziegelreihen teilweise drei- und vierfach überdeckt.
Zu viel Bruch kostet Punkte
"Die Biberschwänze müssen so ausgeschnitten und dünner gemacht werden, dass keine Hand dazwischen passt und es optisch ansprechend aussieht", erklärt Marco Riemelt. Bei der Bearbeitung der Ziegel darf nicht zu viel Bruch entstehen – das gibt Punktabzug durch die Prüfer.
Die Schwierigkeit des Merkmals "ungleichhüftig" liegt darin, dass die Dachflächen mit unterschiedlichen Gradzahlen aneinanderstoßen. "Die Ecken müssen so gearbeitet werden, dass die Steine drunter passen und keine sogenannten Kreuzfugen entstehen. Sonst kann Wasser eindringen". Von Arbeitsproben und Meisterstück zeugen heute nur noch wenige Fotografien, die in Riemelts Büro hängen, genauso wie sein Meisterbrief von 1998.
Im Alltag sind Biberschwanzkehlen nur selten nachgefragt, wird eher zu Zinkkehlen gegriffen. Aber im Denkmalbereich findet man sie vor allem noch. "Kehlen sind zehnmal teurer als einfache Biberschwanzarbeiten. Aber ein Bauherr im Nachbarort Schulzendorf hat im vorigen Jahr doch mal investiert", erzählt Mario Riemelt, und es schwingt ein wenig Stolz mit, diese Arbeiten ausführen zu dürfen.
Diesen Stolz auf sein Handwerk und seine Arbeit, sagt er, den hat er aus seiner Meisterausbildung mitgenommen. Er war auch ein Grund, die Firma seines Vaters weiterzuführen und sie zu entwickeln. "Wir verarbeiten sogar Kunststofffolie auf Flachdächern. Das ist noch fast exotisch", weiß der Meister, der aus Zeitgründen nicht mehr selbst auf Dächern mitarbeitet. Das Repertoire an Leistungen reicht inzwischen von Tonziegel-  und Schieferdächern über Bitumen- und Faserzementdächern bis hin zu Dachklempnerarbeiten und Firstschmuck. Viele Aufträge entstehen aus der Zusammenarbeit mit den Hausbauanbietern Town&Country und Roth Massivhaus. Dazu kommen öffentliche Aufträge oder von Autofirmen. Wärme- und Schallschutz werde gerade rund um den neuen BER-Flughafen verstärkt nachgefragt. "Wer breit aufgestellt ist, hat es leichter. Das hat man in der Corona-Zeit gemerkt", betont der 46-Jährige.
Diese Entwicklung ist nur eine von vielen in den vergangenen 20 Jahren. Technik hat vieles leichter gemacht, zum Beispiel der Kran, der die Steine aufs Dach hebt, und der  spezielle Schlitten, der sie direkt bis zum Dachdecker bringt. Absauger haben lästige Staubentwicklung reduziert. "Heute weiß ein Lehrling auch schon nicht mehr, wie Dachlatten genagelt werden. Das geht alles mit Akku-Werkzeug", schmunzelt Marco Riemelt. Mit den Jahren habe ebenso die Spezialisierung der Teams zugenommen und damit einhergehend der Qualitätsanspruch. "Es geht nicht nur ums Geldverdienen", betont der Meister, obwohl er bemerkt, dass Handwerk wieder "goldenen Boden" hat – zum Beispiel der fehlenden Fachkräfte wegen.
Praktische Fähigkeiten wichtig
Weil Riemelt weiß, "uns kann kein Roboter ersetzen", bildet er aus, bisher waren es 15 Lehrlinge, sechs arbeiten seitdem weiter im Betrieb. Die jungen Leute werden wie damals er fachpraktisch gleich mitgenommen, wie die Gesellen zu Schulungen geschickt. Seine Erfahrung: "Fachtheorie ist für die Prüfung wichtig, aber noch viel wichtiger sind später die praktischen Fähigkeiten." Gegenwärtig bilden sich zudem zwei Gesellen zum Dachdecker- und Zimmerermeister weiter.
Was er ebenfalls merkt: "Ich bin manchmal mehr Sozialarbeiter als Firmenchef". Wenn in den Familien jemand arbeitslos wird, erfährt er dies genauso wie andere Sorgen. Oder wenn sich Mittzwanziger bei ihm melden, die endlich ihr Leben in den Griff bekommen und einen Beruf erlernen wollen. Er gibt ihnen die Chance.