Corona-Krise ist für Wolfgang Sengewisch eine große Herausforderung, aber auch eine Chance.
So musste der Geschäftsführer des ostdeutschen Nudelherstellers Möwe Teigwarenwerk aus Waren (Müritz) Mindestabstände an den Produktionslinien einrichten und dem Handel wegen der hohen Nachfrage zeitweise deutlich mehr Nudeln liefern.

Hartweizen aus der Heimat

„Das haben wir aber geschafft, indem wir in Spitzenzeiten die Wochenenden durchproduziert haben“, sagte Sengewisch der Deutschen Presse-Agentur. Beim zweiten Lockdown habe der Handel besser vorgesorgt und größere Lagerbestände angelegt. Um die Rohstoffwege kürzer zu halten, profitieren die Warener inzwischen davon, dass Hartweizen auch in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt angebaut wird.
Seit fast 70 Jahren werden an der Müritz Spaghetti, Sternchen und andere Nudeln hergestellt. Jeder Ostdeutsche kannte vor 1989 das Logo, weil „Möwe“ Hauptproduzent in der DDR war. Auch die schnelle Privatisierung durch die Treuhand vor 30 Jahren hat das Unternehmen überstanden – mit einigen Verlusten, wie Sengewisch resümiert. So sollte die Marke „Möwe“ schon beim Verkauf an eine holländische Gruppe 1991 verschwinden. Später verkauften die Holländer das Werk an die Birkel-Gruppe in Süddeutschland, die mit dem Logo aber auch nichts anfangen wollten. Bevor das Werk ganz geschlossen wurde, übernahm es 2011 der heute 67-jährige Sengewisch.

Produktionssteigerung und mehr Beschääftigte

Inzwischen wurde die Produktion von 10.000 Tonnen wieder auf 12.000 Tonnen erhöht und die Vielfalt verbreitert. Mit 45 Beschäftigten arbeiten wieder zehn Leute mehr als damals in dem Werk. „Wir haben uns behauptet“, sagte der Geschäftsführer. Die Holländer sind ganz aus dem Nudelmarkt ausgestiegen, die süddeutschen Ex-Eigentümer wurden erst an Spanier, dann an Italiener verkauft.
Die Corona-Pandemie hat den in den letzten Jahren leicht gesunkenen Appetit der Deutschen auf Nudeln im Jahr 2020 noch einmal kräftig steigen lassen. Wie aus Daten des Onlineportals Statista (Hamburg) hervorgeht, wurden 2019 in Deutschland 9,3 Kilogramm Nudeln pro Einwohner verbraucht, 2020 waren es 11,1 Kilogramm und 2021 wird mit 10,2 Kilogramm pro Einwohner gerechnet.

Exportzuwachs der Pasta-Industrie

Auch die Italiener stellen den Appetit der Deutschen auf Nudeln mit Zufriedenheit fest: Die Deutschen haben der italienischen Pasta-Industrie ein kräftiges Exportwachstum im Corona-Jahr 2020 beschert. Im Vergleich zum Vorjahr 2019 stiegen nach Angaben des italienischen Branchenverbandes die Ausfuhren von Pasta aus dem Mittelmeerland in die Bundesrepublik um rund 20 Prozent. „Deutschland ist für uns Exportmarkt Nummer eins“, sagte Luigi Scordamaglia vom Lebensmittelverband Filiera Italia Ende Januar der dpa.
„Möwe“ hat aber nicht nur die Pasta im Blick. Das Unternehmen hat den Asia-Markt in Deutschland beobachtet und über fast ein Jahr hinweg „Instant-Nudeln“ entwickelt. Diese gehen an Chinarestaurants und andere Asia-Anbieter und müssen nicht mehr aus China importiert werden.
Die größten Hoffnungen setzt Sengewisch aber in die Verarbeitung von Hartweizen aus der Magdeburger Börde und anderen Regionen in der Mitte Deutschlands, einem vom Bund geförderten Projekt für regionale Rohstoffe. Von dort kenne man die Eigenschaften des Rohstoffs besser als bei überregionalen Lieferanten, wie Kanada oder bisher auch aus Italien. So könne man auch „den ökologischen Fußabdruck verkleinern“.

Export nach Schweden ausbauen

Damit wäre der bisherige Standortnachteil – „Möwe“ ist der nördlichste Hersteller von Teigwaren in Deutschland - bald kleiner. „Künftig wird es vor allem regionale Hersteller geben“, ist der Nudel-Experte überzeugt. Dazu gehöre auch, dass die Warener ihren Exportanteil nach Schweden weiter ausbauen wollen. In diese Richtung habe man dann einen Standortvorteil.