Es sind beeindruckende Zahlen: Acht Milliarden Złoty (knapp zwei Milliarden Euro) haben über 150 zumeist ausländische Firmen seit 1997 in die Sonderwirtschaftszone Küstrin-Słubice investiert. Rund 36 000 Arbeitsplätze sind dadurch entstanden, dass vorwiegend deutsche aber auch viele andere westeuropäische und sogar chinesische Unternehmen den Vorteil nutzten, dass sie jahrelang verringerte Steuern zahlen brauchten und dazu auch noch die relativ niedrigen Löhne ausnutzen konnten.
Und es gab noch einen Schachzug, dessen sich das Nachbarland bediente: War die Sonderwirtschaftszone Küstrin-Słubcie ursprünglich nur für die beiden Grenzorte gedacht, weil die Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren dort tatsächlich noch über dem Landesdurchschnitt lag, entstanden im Laufe der Zeit über 30 sogenannte "Unterzonen", damit die Investoren auch in andere Orte gehen konnten.
Speziell für den Volkswagen-Konzern wurde etwa 2005 die Unterzone in Posen errichtet, weil es dort mehr qualifizierte Arbeitskräfte gibt. In dem Werk werden täglich 750  Caddies und weitere Kleintransporter für die deutsche Marke produziert.
"In Orten wie Küstrin und Slubice gibt es heute de facto keine Arbeitslosigkeit mehr, dafür leben und arbeiten hier in der Region inzwischen bis zu 20 000 Ukrainer" berichtet Andrzej Kail. Der heute 48-jährige Marketingdirektor hat nach seinem Studium an der Frankfurter Europa-Universität in der Sonderwirtschaftszone angefangen und hautnah erlebt, "wie sich seither die Zeiten geändert haben". Für den offiziellen Mindestlohn, der in Polen 2050 Złoty (etwa 500 Euro) beträgt, finde man heute kaum noch Arbeitskräfte. "Qualifiziertes Personal erwartet das Doppelte oder Dreifache des polnischen Durchschnittslohns, der bei 4000 Złoty liegt", sagt er.
Für die einschneidendste Veränderung hat jedoch im vergangenen Jahr die Warschauer Regierung mit dem Beschluss gesorgt, "dass ganz Polen zur Sonderwirtschaftszone wird", wie es Ministerpräsident Mateusz Morawiecki begründete.
Besonders in den Osten des Landes, wo die Arbeitslosigkeit noch immer deutlich höher ist als in den großen Balllungszentren und entlang der Grenze zu Deutschland sollen Investoren gelockt werden. Dort beträgt die mögliche Steuerbefreiung künftig bis zu 50 Prozent der Investitionssumme, während in den Wojewodschaften Lebuser Land und Westpommern maximal noch 35 Prozent möglich sind. Aber auch diese Höchstsätze sind künftig an Qualitätskriterien gebunden.
"Die Unternehmen müssen mindestens sechs von zehn Kriterien erfüllen", erläutert Kail. Dazu gehören etwa Ausgaben für Forschung und die Kooperation mit Hochschulen zur Entwicklung innovativer Produkte, die Einhaltung von Umweltschutzvorgaben sowie Qualifizierungsmaßnahmen und Sozialausgaben für die Mitarbeiter.
Schließlich wurde die territoriale Zuständigkeit der bisher 14 Sonderwirtschaftszonen auf das gesamte Land ausgedehnt. "Wir sind jetzt für 35 Landkreise und 238 Gemeinden in drei Wojewodschaften verantwortlich", berichtet Andrezj Kail, "eine Menge Arbeit", wie er hinzufügt. Andererseits habe man inzwischen auch mit viel mehr polnischen Investoren als früher zu tun, die sich auch um Steuererleichterungen bemühen. Die Regierung ist sehr optimistisch, was die künftige Entwicklung angeht. Für 2019 wird mit neun Milliarden Złoty (2,1 Milliarden Euo) gerechnet, die neu ins Land geholt werden können.
Tatsächlich sind in der Praxis auch andere Tendenzen zu beobachten. "Es gibt inzwischen Firmen, deren Steuererleichterung ausgelaufen ist und die sich um keine neue mehr bemühen, obwohl sie weiter produzieren", erläutert der Marketing-Direktor. Am deutlichsten drückt sich dies in der Zahl der Beschäftigten innerhalb der Sonderzone aus. Waren in Küstrin vor zwölf Monaten noch 3900 Jobs regis­triert, so sind es derzeit nur noch 3260. In Słubice sind es 1800, nachdem die Zahl zuvor über 2000 lag. Freilich sind Firmen, die ihre Steuern voll bezahlen, auch sehr willkommen. Ein Ausdruck für die gute Entwicklung beider Grenzstädte sind auch die vielen neu gebauten Eigenheime.
In einer Konjunkturumfrage, die die deutsche Außenhandelskammer in Warschau kürzlich durchführte, bewerteten mehr als die Hälfte der deutschen Investoren (58 Prozent) die Aussichten der polnischen Wirtschaft für 2019 mit "unverändert gut". 14,7 Prozent rechnen sogar mit einer weiteren Verbesserung, 27 Prozent dagegen mit einer Verschlechterung.Während auf einer Skala von 1 bis 5 die Qualifikation und die Produktivität der polnischen Arbeitnehmer mit 3,8 beziehungsweise 3,6 die höchsten Noten erhielten, gab es für die "politische und soziale Stabilität des Landes" sowie die Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik nur eine 2,4.