Der 49-Jährige bewirtschaftet einen Familienbetrieb in Trebbus im Kreis Elbe-Elster. Nach der Wende haben Vater Günter und Mutter Karin den Hof aufgebaut. Mit 15 Hektar Land aus der LPG und anfangs drei Kühen. Olaf Krüger, gelernter Schmied, machte noch einmal eine Landwirtschaftsausbildung und führt heute den Betrieb. 123 Milchkühe stehen im Stall. Eine Spitzenkuh bringt es  auf 100 000 Liter Milch im Leben. Ein Kuh-Leben dauert fünf bis sechs Jahre. Mehrmals am Tag werden die Tiere gemolken – einige kommen auf über 50 Liter Milch am Tag.
Der Erzeugerpreis, den Krüger für sein Produkt erhält, schwankt, auch ohne die Corona-Pandemie. Ein ganzes Jahr lang hat er mal nicht mehr als 27 Cent bekommen, erinnert er sich. Das war hart. Vor der Pandemie, noch im März, lag der Erlös bei 30,06 Cent für den Liter. Das ist der sogenannte Grundpreis. Mit Zuschüssen für gentechnikfreie Milch, für Fettwerte, für eine bestimmte Qualität kann der Bauer einige Zehntel-Cent dazuverdienen.
Der Preis habe sich seit 1994 im Prinzip nicht verändert, meint Krüger – damals lag er bei 53 Pfennigen. Nur seine Kosten seien gestiegen – Versicherung, Strom. Steigende Kosten, schwankende Erlöse: Der Weg aus diesem Dilemma heißt – effizient sein, mehr produzieren. Der Trebbuser Familienbetrieb erreichte in den 1990er-Jahren 7000 Liter pro Kuh und Jahr. Heute sind es mehr als 10 000 Liter pro Tier und Jahr.
Um gut wirtschaften zu können und die steigenden Anforderungen an das Tierwohl zu erfüllen, hat  Olaf Krüger investiert. Der große holzverkleidete Stall ist Baujahr 1992. Vor zwei Jahren hat der Landwirt ihn umgebaut. Insgesamt 700 000 Euro hat das gekostet. Dafür gab es Förderung: 40 Prozent für bauliche Veränderungen, 20 Prozent für neu angeschaffte Technik.  Die Kühe haben nun großzügigere Liegeplätze mit Gummimatten – wo zuvor 60 Tiere untergebracht waren, sind es jetzt 54.

Laser findet die Zitzen

An der Decke hängen Ventilatoren für die Lüftung und gelbe Bürsten zum Striegeln. Ein Reinigungsroboter putzt die Gänge.  Weniger Schmutz in den Gängen heißt sauberere Liegeplätze. Saubere Liegeplätze bedeuten saubere Euter. Das ist wichtig für die Melkroboter. Zwei davon hat Olaf Krüger angeschafft. Es sind rote Kästen, computergesteuert, mit Lasersensoren. Laser finden die Zitzen, und das Melkgeschirr dockt automatisch an. Die Kühe laufen von selbst zum Roboter, wenn die Milch im Euter drückt. An einem Transponder am Hals identifiziert der Roboter das Tier. Er misst die Temperatur, erkennt, ob eine Kuh krank ist, registriert Mengen und Qualität der Milch, meldet automatisch Probleme. Olaf Krüger spart die Technik viel Handarbeit und Zeit. Er hat den Zustand seiner Tiere sowie Mengen und Qualität der Milch im Blick. Nachteil: "Der Roboter ruft mich auch nachts um zwei an, wenn er ein Problem hat."
Die Milch wird jeden zweiten Tag per Tanklaster abgeholt. Olaf Krüger liefert seine Milch  an die Elsterland Milchliefergenossenschaft e.G., die zur Bayrischen Milchindustrie eG (BMI) mit Sitz in Landshut gehört. Die Genossenschaft, ein Zusammenschluss von Landwirten, verkauft an die Molkerei in Jessen (Sachsen-Anhalt). Diese produziert vor allem Käse und gehört gleichfalls zu BMI. Krüger bekommt alles abgenommen, was er produziert.  Den Abnahmepreis erfährt er aber erst im Nachhinein. In den Lieferverträgen, die oft über mehrere Jahre geschlossen werden, stehen keine Preise.  Der Landwirt kann auf Webseiten der Molkerei eine Preisprognose sehen – ob die am Ende zutrifft, das weiß er nicht.

Zahl der Molkereien halbiert

Ein großer Teil der Landwirte in Deutschland verkauft seine Milch auf diese Art. Olaf Krüger ist zufrieden, dass er einen Abnehmer hat. Die Zahl der Molkereien in Deutschland hat sich seit 1991 mehr als halbiert. Auch die der Milchbauern sank. Krüger konkurriert mit Betrieben, die 1000 Kühe und mehr halten. 35 bis 36 Cent Grundpreis für den Liter würde er brauchen, um gut zu wirtschaften. Könnten die Bauern nicht höhere und stabile Preise verlangen, wenn sie die Milchmenge reduzieren, statt immer mehr zu produzieren?
"Das macht nur Sinn, wenn alle mitmachen," sagt Olaf Krüger. Daran glaubt er nicht. Außerdem, wer sollte die Mengen festlegen?  Und dann  gebe es auch die Konkurrenz aus dem Ausland – aus Polen, Tschechien. Auf deren Lieferungen könnten die Molkereien umschwenken, befürchtet Olaf Krüger.
Der Trebbuser Landwirt hält seinen Hof durch Kreislaufwirtschaft und Mischkalkulation rentabel. 350 Hektar bewirtschaftet er. Das Futter für die Kühe baut er selbst an, mit der Gülle düngt er die Äcker. Darauf wachsen außerdem  Weizen, Raps, manchmal Sonnenblumen, die als Marktfrüchte verkauft werden. Krüger ist Mitglied der Freien Bauern, der deutschlandweiten Berufsorganisation der bäuerlichen Familienbetriebe, und sein Betrieb gilt als mustergültig: modern und solide. Das hat einen Preis: Olaf Krüger bewirtschaftet den Hof gemeinsam mit seinem Bruder Michael, die Verwandtschaft hilft mit. Ein zehn Stunden Arbeitstag ist für Krüger eher die Ausnahme. Meist arbeitet er mehr. "Hätte ich Angestellte, könnte ich die Zeit gar nicht bezahlen."

Bundeskartellamt: Das Preisrisiko tragen vor allem die Erzeuger


Für kaum ein anderes landwirtschaftliches Produkt schwanken die Erzeugerpreise so stark wie für die Milch. Teils sind sie nicht einmal kostendeckend. Das ist nicht erst seit der Corona-Pandemie so.  Um die Überproduktion in Europa zu regulieren, führte die Europäische Union in den 1980er-Jahren Mengenbegrenzungen ein – die Milchquote. Sie wurde 2015 abgeschafft. Zugunsten des Marktes.

Aber einen freien Markt für Milch, sagen Kritiker, gibt es nicht. Rund 70 Prozent der Milch in Deutschland gehen an genossenschaftliche Molkereien. Das gängige Prinzip ist, dass die Molkereien ihren Produzenten sämtliche Milch abnehmen. Den Preis erfahren die Erzeuger rückwirkend – je nachdem, wie die Molkerei ihre Produkte verkauft.

Das Bundeskartellamt hat diese Praxis 2012 und 2017 kritisiert: Das Preisrisiko trügen vor allem die Erzeuger.  Landwirte sind vertraglich oft über Jahre an eine Molkerei gebunden. Molkereien müssen nicht durch bessere Konditionen um Lieferanten werben.

Befürworter des gegenwärtigen Systems argumentieren mit der Abnahmegarantie. Außerdem seien die Genossenschaftsmolkereien in der Hand von Bauern. Kritiker, wie die Freien Bauern als Vertreter der Familienbetriebe, fordern, dass die Politik Verträge mit Menge und Preis verpflichtend festschreibt. Milchindustrieverband und Deutscher Bauernverband lehnen das als "staatliche Einheitslösung" ab. Aber auch dort wird über Veränderungen diskutiert. Das gegenwärtige Modell ist  zu träge, um auf schwankende Absatzmengen von Milch und Milchprodukten zu reagieren. ima