Als er 1998 in Neuhardenberg auf den Abschluss der 10. Klasse zusteuerte, habe er überhaupt keine Ahnung gehabt, welchen beruflichen Weg er einschlagen sollte, bekennt Denis Wagner aus Platkow. Der 37-Jährige gehört zu den geburtenstarken Jahrgängen. Anders als heute, wo überall händeringend Lehrlinge gesucht werden, drängelten sich damals noch zig Bewerber um einen Ausbildungsplatz.
Er habe aufs Geradewohl zig Bewerbungen für alle möglichen Berufsrichtungen geschrieben. Vielen Gleichaltrigen blieb nichts anderes übrig, als die Region zu verlassen, um eine Lehrstelle zu finden. Denis Wagner hatte letztlich Glück, begann in der Region eine Tischlerlehre. Er habe schnell gemerkt, dass ihm der Umgang mit Holz liegt, aber mit seinem Ausbildungsbetrieb sei er nicht recht glücklich gewesen, resümiert er. So wechselte Wagner zur Halbzeit noch einmal in einen anderen Betrieb. Da habe er, wie auch die ersten 1,5 Lehrjahre, handwerklich viel gelernt, aber zwischenmenschlich sei in dem Betrieb einiges auf der Strecke geblieben. "Als ich nach drei Jahren den Gesellenbrief in der Tasche hatte, wollte ich erst mal nichts mehr vom Tischlern wissen", blickt er zurück. Sieben Jahre lang habe er sich in verschiedenen Handwerksberufen versucht und sich dann letztlich auf die Stellenanzeige einer Tischlerei beworben.
Ausbildung mit Hindernissen
Die Arbeit sei ihm gut von der Hand gegangen, "aber ich wollte selbst was machen, kreativ arbeiten, mein eigener Chef sein, mit den Kunden die Umsetzung ihrer Wünsche besprechen", erzählt der Platkower. Ihm sei klar gewesen, dass er dafür den Meisterbrief brauche. Also habe er 2009 die Vollzeitausbildung begonnen, bekam Bafög, konnte sich voll aufs Lernen konzentrieren. Dennoch gab es Hindernisse. Nur zwei der vier Teile, die zur Meisterausbildung gehören, wurden in Kursen der Handwerkskammer Frankfurt (Oder) angeboten. Für die anderen beiden Teile fehlten immer wieder genügend Teilnehmer. Er habe dann irgendwann nicht mehr warten wollen, absolvierte sie in Berlin, einschließlich der Fertigung seines Meisterstücks.
"Es gab keine Vorgaben für das Meisterstück", erzählt Wagner. "Man musste lediglich Holzverbindungen nachweisen." Er entschied sich für einen Verkaufs- und Beratungstisch. Etwas, was in jeder Branche – vom Handwerksbetrieb über Serviceunternehmen bis hin zum Bürodienstleister – nutzbar ist. Ursprünglich wollte er eine hochwertige Hobelbank fertigen. Immer wieder habe er gezeichnet, entworfen und sei schließlich bei diesem 1,02 m hohen x 1,60 m breiten und 0,90 m tiefen Tisch  mit Glasplatte gelandet. Ein Betreuer der Berliner Prüfungskommission sei regelmäßig vorbeigekommen, habe sich über den Stand informiert. A und O sei der Nachweis gewesen, dass man das Meisterstück auch wirklich selbst entworfen, kalkuliert und gebaut hat, erklärt Denis Wagner. Dazu gehört auch der Modellentwurf im Maßstab 1:10. Die Verteidigung sei perfekt gelaufen. Er absolvierte  seine Meisterprüfung mit der Note 2. Damit hatte der Oderbrücher die Voraussetzung zur Selbstständigkeit.
2011 begann er als Ein-Mann-Betrieb in einer Mini-Werkstatt auf dem Grundstück seiner Großeltern in Platkow. Schon nach einem halben Jahr suchte er sich den ersten Mitarbeiter, es wurde erweitert. Mittlerweile sind fünf Männer bei ihm beschäftigt. Bei dieser Größe soll es auch bleiben.
Die Tischlerei hat sich vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda etabliert. Die Platkower fertigen vor allem individuelle Wohn-, Bad- und Küchenmöbel, sind zudem auf die Verarbeitung von Plattenwerkstoffen spezialisiert. Dafür hat Wagner fleißig investiert, zunächst in das Werkstattgebäude und schließlich in allerlei Maschinen. Neben den großen Sägen steht auch eine moderne Kantenanleimmaschine in der geräumigen Werkstatt. Um die Kredite bewilligt zu bekommen, scheute sich der energiegeladene Familienvater nicht, auch bis zum Bank-Vorstand vorzudringen und ihn vor Ort zu bitten. Sein Nicht-Locker-Lassen wurde belohnt. Mit der Volks- und Raiffeisenbank Fürstenwalde-Seelow-Wriezen habe er letztlich einen guten Partner gefunden, der an ihn glaubte und die Kredite bewilligte, sagt er dankbar. Der Tischlermeister und sein Team beweisen mit wachsenden Auftragszahlen, dass es eine gute Investition in ein nach wie vor gefragtes Handwerk war. Demnächst wird der Maschinenpark um eine computergesteuerte CNC-Maschine ergänzt. Wagner möchte noch effektiver arbeiten können.
Neben Möbelbau wird repariert
Um nicht ausschließlich auf die nicht immer vorhersehbaren Aufträge für den Möbelbau angewiesen zu sein, kooperiert er auch mit Wohnungsvermietern, erledigt Reparaturarbeiten, baut für sie Türen und Fenster ein. "Es läuft gut", sagt der junge Meister. Die aktuelle Krise hat ihn noch nicht erreicht. "Wir haben weiter gut zu tun." Er könne natürlich nicht sagen, wie das in ein paar Monaten aussieht. Zu seinen Kunden gehören auch öffentliche Einrichtungen und Gastronomiebetriebe. "Wenn das öffentliche Leben weiter stillsteht, wird die Krise auch bei uns ankommen. Dann brechen Auftraggeber weg." Er sei aber ein  optimistischer Mensch und überzeugt, dass es irgendwie weitergeht. Und will deshalb auch privat investieren und vor Ort ein neues Haus bauen.
Die Nähe von Arbeit und Familie sei ihm wichtig. Zu 75 Prozent sieht er es als Vorteil, am Haus die Werkstatt zu haben. Die anderen 25 Prozent – "Die Leute kennen uns und kommen mit Anliegen, wann sie wollen, auch sonntags." – könne er verschmerzen. Dafür habe er mit dieser Konstellation mehr von der Familie. Die wird irgendwann das mühevoll gefertigte Meisterstück täglich vor Augen haben. "Ich hätte sicher einen Abnehmer gefunden, aber das verkaufe ich nicht. Dafür hängt viel zu viel Arbeit und Einsatz dran", erklärt der Handwerksmeister.
Momentan stehe das gute Stück bestens verstaut auf dem Boden. Aber es bekomme dann im neuen Haus einen bleibenden nützlichen Platz – auch als Erinnerung an die Zeit, als sich Denis Wagner entschied, im Handwerk als Selbstständiger durchzustarten. Ein Weg, den er bis heute nicht bereut hat. "Ich wollte immer mit Menschen arbeiten und zugleich handwerklich tätig sein. Das habe ich beides", sagt der immer gut aufgelegte Mann. Und abwechslungsreich sei es auch, da er viele Unikate fertigt und Spezialwünsche der Kunden erfüllt.