Am Hauseingang von Piano Schulz in Lebus hängt die Keramik eines – Bläsers. "Ja, ich habe Waldhorn geblasen und war vor meiner Lehre Mitglied im deutsch-polnischen Jugendorchester in Frankfurt (Oder)", klärt Harald Schulz auf. Doch beruflich zog es ihn zu den Tasteninstrumenten. Er erlernte Mitte der 1970er-Jahre im thüringischen Eisenberg den Beruf des Klavierbauers, arbeitete dann in einem Leipziger Werk. "Doch ich wollte aus der Fließbandarbeit raus. Der einzige Weg war der zum Klavierstimmer." Und so kam der junge Harald Schulz, dessen Großvater, Mutter und ein Onkel Tischler(meister) waren, nach Eberswalde zu Orgelbauer Günter Schulze. Nichtsahnend, dass er schon als 19-Jähriger in die Selbstständigkeit gehen würde.
Denn sein Chef starb und Schulz übernahm vor 40 Jahren – am 1. April 1980 – dessen Werkstatt. "Ich war ein junger Piepel und habe mir gesagt: Das mache ich jetzt." Selbst die Jugendzeitung "Junge Welt" schrieb über den damals jüngsten Gewerbetreibenden der DDR. "Ich war nicht lange stolz darauf. Denn mir fehlte das betriebswirtschaftliche Wissen", blickt Schulz auf den Beginn. Außerdem musste er innerhalb von drei Jahren den Meisterabschluss vorweisen, um das Gewerbe behalten zu können.
Für das Meisterstück hatte er die Wahl: ein Klavier selbst bauen oder ein "wirklich grottenschlechtes" aufarbeiten. Schulz entschied sich für die zweite Variante, weil er sicher war, im Handwerk zu bleiben und künftig keine Klaviere zu bauen. Und er wollte nicht nur auf einzelne Arbeitsschritte spezialisiert sein.
Sein künftiges Meisterstück fand er in einem Kinderheim im südlichen Landkreis Oder-Spree. Das sollte er zuvor mal reparieren, ließ es aber. "Das Klavier war nicht mehr spielfähig und von der Grundsubstanz wirklich schlecht. Es fehlten Seiten und Wirbel, die Resonanzböden hatten Risse. Aber es war eines vom renommierten Herstellers August Förster aus Löbau", beschreibt der Klavierbauer. Genau das Richtige für die Abschlussarbeit. Und so war es "ein Leichtes", alle Vorgaben zu erfüllen: Teile aufarbeiten, ersetzen und neu bauen bzw. einbauen. Das Klavier stimmen. Die Oberfläche aufarbeiten. Mit Holz, Gusseisen, Tuchen, Filzen und Kunststoff umgehen. Damit alle Arbeitsabläufe und Fertigungsprozesse demonstrieren. Und den sicheren Umgang mit Dutzenden von Spezialwerkzeugen nachweisen. Klavierbauer benötigen unter anderem Kröpfeisen zum Biegen von Drähten, und Spatienrichter für die Korrektur der Tastaturabstände. Abgespielte Hammerköpfe und die kleinen filigranen Kapselachsen darin auszuwechseln sowie Hämmerchen einleimen, waren nur zwei von zig Arbeitsschritten.
Lackierung ist nicht sein Ding
Die Aufarbeitung war oft schwieriger, als ein neues Klavier zu bauen, gerade weil viele Teile schon so abgenutzt waren. Andererseits: Ein neues Instrument zu kaufen, wäre teuer geworden: Schulz hätte alles erst besorgen und aus eigener Tasche bezahlen müssen – ein Klavier besteht aus 12 000 Teilen. Es gab zu DDR-Zeiten den allbekannten Knackpunkt, den Schulz schmunzelnd mit den Worten beschreibt: "Es war spannend, alles Material zu beschaffen." Stimmwirbel, auf denen die Saitenenden aufgerollt werden, wurden nur im Westen produziert, ebenso der Saitendraht. "Das haben wir uns im Tausch organisiert." Schwer fiel ihm die abschließende Lackierung des Instruments. "Das ist mir nicht so von der Hand gegangen."  An die abschließende Prüfung nach drei Monaten Arbeit im Mai 1987 erinnert sich Harald Schulz nur zu genau: an seine Aufregung, wie die Prüfer nahezu ins Klavier geklettert seien und an Fragen: "Das Klavier glänzt so. Wie viel Verdünner haben Sie denn in den Lack gegeben?, wurde ich gefragt. An der Antwort haben die Prüfer erkannt, ob ich wirklich alles allein gemacht habe", schildert er. Sein Meisterstück kam gut benotet durch, und Schulz war mit 26 Jahren Meister.
Neben der Meisterausbildung lief der Arbeitsalltag weiter. Schulz erweiterte und führte in Eberswalde von 1991 bis 1996 ein gut ausgestattetes Musikhaus, betreute 40 Kultureinrichtungen – seit damals die Uckermärkischen Bühnen ubs in Schwedt. Viel war er in Schulen unterwegs. Dass  Musikunterricht bis Mitte der 1990er-Jahre auf verschiedenstes Art und Weise gefördert wurde, schlug sich eine Zeitlang im Kauf von Ins­trumenten nieder. Mit dem Umzug nach Lebus im Jahr 2000, wo er auf dem Grundstück seiner Eltern mit seiner Frau ein Haus baute und sich in einer früheren Werkstatt seinen eigenen Arbeitsbereich und Ausstellungsraum einrichtete, begann ein neues Kapitel. Sein Meisterstück zog nicht mehr mit. "Ich hatte es mindestens zehn Jahre, wollte es nicht hergeben. Aber dann hatte ich mich für einen Flügel im neuen Haus entschieden und habe das Klavier verkauft".
Zum Austausch und um etwas zu bewegen, wirkt der Lebuser schon fast 30 Jahre in der Innung der Musikinstrumentenbauer Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, ist stellvertretender Ober­innungsmeister. Bereits 1990 fand Schulz zum neu gegründeten Bund Deutscher Klavierbauer, der 500 west- und 100 ostdeutsche Meisterbetriebe vereint. Zwei Jahre wirkte er im Vorstand und prüfte im Werkzeugausschuss Spezialwerkzeuge für seinen Berufsstand. "Das waren Prototypen, die die Industrie in Auftrag gegeben hatte und die nach der Prüfung möglichst in Serie gehen sollten. Das hat großen Spaß gemacht." Einen sich nach vorn verjüngenden Spezial-Schraubendreher, um an die versteckten Hammernusskapseln zu kommen, besitzt er noch heute.
Trend geht hin zu Digitalpianos
Der Kreis der Klavierbaumeister ist klein geworden. Von einst 30 Mitlehrlingen seien noch vier im Beruf, schätzt Schulz. Was die Zukunft anbetrifft, ist er skeptisch. Er nimmt seit etwa zehn Jahren einen Trend wahr: "Käufer interessieren sich mehr für Digitalpianos, nicht so sehr für akustische Instrumente, die  70 bis 100 Jahre halten und die sie an nachfolgenden Genera­tionen weitergeben könnten. Es wird Massenware gekauft. Aber geht es nicht um ein Hobby, für das man gern bezahlt?", fragt er. In diese Entwicklung passt eine andere Beobachtung: Die Aufträge werden weniger, seit der Bund 2004 mit der Handwerkerrechtsnovelle entschieden hat, die Meisterpflicht auch für selbstständige Klavierbaumeister aufzugeben. "Man merkt bei vielen Kunden, dass sie nur auf das Geld schauen und ihnen das Können eines Meisters nicht so wichtig ist. Für unsere Branche ist das nicht zukunftsträchtig." So wurschtelt er sich durch mit der Reparatur und Restaurierung von Konzertklavieren, wird bei Tischlerarbeiten von seiner Schwester Karin Bator unterstützt. Zudem betreut er neben den ubs in Schwedt unter anderem das Brandenburgische Staatsorchester. Ab und an verkauft er ein Instrument aus seiner Verkaufsausstellung – Klaviere und Flügel aus 100 Jahren.
Ein besonderes Instrument hat seinen Platz nicht in Lebus gefunden, sondern in der Frankfurter Konzerthalle. Denn Harald Schulz vermietet seit gut zehn Jahren einen Konzertflügel Steinway & Sons B-211: Götz Alsmann, Ulrich Tukur, Heinz-Rudolf Kunze und Bodo Wartke zählen zu seinen Kunden. Er fährt den Flügel zum Konzertort, stimmt das Instrument zu den Proben und vor dem Auftritt und lernt interessante Leute kennen. Spielt er selbst noch Klavier? "Selten, wenn man den ganzen Tag mit 100 Dezibel auf die Tasten schlägt", gesteht Harald Schulz. Da ist ihm ein Cembalo viel lieber. Das ist so schön leise – und spielt gleich mal eine Melodie an.