Dass Versicherte wegen der finanziellen Notlage Lebens- und Rentenversicherungen angreifen, beobachtet man auch bei Policen Direkt, dem Marktführer im Zweitmarkt für Lebensversicherungen. "Wir haben in den vergangenen vier Wochen eine Vervierfachung der Anfragen registriert. Es melden sich vor allem Gewerbetreibende wie Floristen, Fahrlehrer und Gastronomen, die ihre Lebensversicherung verkaufen wollen", berichtet Pressesprecher Rafael Kurz.
Im ersten Quartal habe es insgesamt bereits so viele Anfragen gegeben wie im gesamten vergangenen Jahr. Im Jahresmittel werden laut Policen Direkt bundesweit drei Prozent der bestehenden Lebensversicherungen mit einem Volumen von zwölf Milliarden Euro gekündigt.

Jeder Fünfte würde sparen

Wenn die aktuelle Einkommenssituation anhält, sehen laut DIA-Umfrage 17 Prozent der Befragten, die  bisher keine Einsparungen vorgenommen haben, Einschränkungen bei der privaten Altersvorsorge für nötig, 14 Prozent würden bei anderen Versicherungsverträgen sparen.
Versicherer nehmen die derzeitige Entwicklung jedoch nicht als starken Trend wahr: "Im Bereich der privaten Lebens-/Rentenversicherung beobachten wir seit März eine moderate Zunahme der – teilweise befristeten – Beitragsfreistellungen", erklärt  Christian Arns, Abteilungsleiter Konzernkommunikation der Debeka, auf Nachfrage dieser Zeitung. Es werde insgesamt nicht mit größeren Veränderungen der Vertragsverhältnisse in Brandenburg gerechnet.
Einen Anstieg gar von Kündigungen sieht man auch nicht bei der Allianz Lebensversicherung. "Es gibt keinen Run", betont Franz Billinger, Leiter Kommunikation. Konkrete Zahlen würden erst zum Ende des Jahres und dann für alle Sparten vorliegen, erklärt Christian Ponzel vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Bei Kündigung gehen Ansprüche verloren

"Kündigen ist das Letzte, was ein Versicherer tun sollte, weil alle Ansprüche verloren gehen", betont Ponzel. Auf der Homepage des Gesamtverbandes werden Alternativen zusammengefasst. Sie reichen von der Beitragsfreistellung über das Ruhenlassen des Vertrages, das Einfrieren dynamischer Tarife und die Umstellung der Zahlungsweise bis zur Verrechnung der Überschüsse mit Beiträgen oder der Herabsetzung der Versicherungssumme.
Franz Billinger sagt für die Allianz Lebensversicherung: "Wir bieten individuell an, die laufenden Zahlungen für eine Übergangszeit zu stunden – und zwar vorübergehend über die in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen getroffenen Regelungen hinaus länger und formlos. Das hilft Kunden in einem finanziellen Engpass, zugleich bleibt der Versicherungsschutz bestehen."
Stundungen können derzeit ohne Vorliegen eines bedingungsgemäßen Anlasses formlos für bis zu sechs statt drei Monate genehmigt werden, wenn der Vertrag seit mindesten drei Monaten besteht. Als zusätzliche Kulanzregelung können bis Ende Juni weitere Versicherungen gestundet werden.

Stundung bei vollem Versicherungsschutz möglich

Auch Lebensversicherer der Ergo Vorsorge können ihre bestehenden Verträge in der Altersvorsorge sowie unter anderem Verträge der Renten- und Kapitalversicherung stunden lassen bei weiterhin vollem Versicherungsschutz. "Wir stunden auf Kundenwunsch zunächst bis zum 30. September diesen Jahres, maximal jedoch für sechs Monate", erklärte eine Ergo-Pressesprecherin. Frühester Beginn der Stundung war der 1. März, spätester Beginn ist der 1. Juni. "Sechs Wochen vor Ablauf der Stundung erhält der Kunde einen Brief über vertragsindividuelle Lösungen, wie es bestmöglich weitergeht."
Wer seine Lebensversicherung auf dem Zweitmarkt verkaufen will, sichert sich bei Policen Direkt neben dem Rückkaufswert einen Mehrerlös. "Kunden, die eine finanzielle Notlage überbrücken wollen, können ihren Vertrag auch mit einem Policendarlehen beleihen", nennt Rafael Kurz eine weitere Option, falls Soforthilfen bei Gewerbetreibenden nicht reichen oder gar keine finanzielle Unterstützung greift.
Policendarlehen bietet für Lebens- und Rentenversicherungen (ausgenommen u.a. betriebliche Altersversorgung und Risikolebensversicherungen) auch die Debeka an. Wer sofort Geld benötigt, kann sich Überschussguthaben auszahlen lassen oder eine Teilauszahlung des angesparten Kapitals in Anspruch nehmen.

Vor allem Familien mit Einbußen


In der Umfrage von INSA Consulere im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) gaben 20 Prozent der Befragten an, im März/April weniger Einkommen gehabt zu haben, weil das Gehalt aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung beziehungsweise die Einnahmen aus selbstständiger Tätigkeit teilweise oder ganz entfallen sind.

Während nur 17 Prozent der Ein-Personen-Haushalte betroffen waren, steigt der Anteil kontinuierlich bis auf 28 Prozent bei Haushalten mit vier Personen an.

Ebenso hatten Teilzeitbeschäftigte deutlich häufiger (31 Prozent) Einkommensminderungen hinzunehmen als Vollzeitbeschäftigte (24 Prozent). keb