Doch statt Jubel gab es beim Staatskonzern Tristesse – mal wieder. Der Streit im Bahn-Vorstand war eskaliert und gipfelte in der Entlassung von Finanz- und Güterverkehrsvorstand Alexander Doll. Der Verdacht steht im Raum, dass Doll lediglich ein Bauernopfer ist und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer den falschen Mann gefeuert hat.
Doll war über den Verkauf von Arriva gestolpert. Eigentlich sollte das Tochterunternehmen vier Milliarden einbringen – das hätte die Bahn zum Stopfen ihrer Haushaltslöcher genutzt. Doch Doll entdeckte Unstimmigkeiten. Er fand heraus, dass der Staatskonzern weitaus weniger Geld bekommen hätte. Unter anderem deshalb, weil die DB beim Kauf eine Garantie für Pensionsansprüche abgegeben hatte. Die müsste sie beim Verkauf auszahlen. Nun warfen Scheuer und der Aufsichtsrat dem Finanzvorstand vor, sie zu spät informiert zu haben. Doll sei untragbar.
Doch das ist wohl nicht der entscheidende Grund, weshalb Doll seinen Posten räumen musste. Informierte Verkehrspolitiker äußern den Verdacht, dass er Bahnchef Lutz zu gefährlich wurde. Doll war es, der die Berateraffäre ins Rollen und den Vorstand damit in Bedrängnis brachte. Er deckte auf, dass weder der Aufsichtsrat noch der Eigentümer über Beraterverträge informiert worden waren.
Es wird deshalb gemunkelt, dass Doll dem Bahnchef ein Dorn im Auge war. Es gilt als wahrscheinlich, dass Lutz von den Problemen beim Arriva-Verkauf gewusst hatte. Immerhin war er acht Jahre lang selbst Finanzvorstand und kannte die Bücher genau. Statt Doll zu schützen, lieferte er ihn aus. Zunächst versuchte der Bahnchef, seinem Nachfolger das Finanzressort zu entreißen: Doll sollte nur noch für den Güterverkehr zuständig sein. Das ist erstaunlich, da Doll ein ausgewiesener Finanzfachmann ist. Was hätte der Ex-Banker noch entdeckt?
Wer bei all dem eine schlechte Figur abgibt, ist Bundesverkehrsminister Scheuer. Der CSU-Mann hatte dem Bahnchef ein Ultimatum gestellt, das am Freitag ablief. Die Bahn sollte endlich pünktlicher werden, die DB Regio mehr Ausschreibungen gewinnen und der Güterverkehr auf Vordermann gebracht werden. Doch diese Ankündigungen erwiesen sich als reine PR-Show. Das Ultimatum blieb ohne Konsequenzen. Zumindest für den Bahnchef. Stattdessen ist Lutz einen unliebsamen Kollegen losgeworden.
Wer glaubt, dass der Rauswurf des Finanzvorstands dem Bahnchef Zeit verschafft, irrt. Der Druck auf ihn wird steigen. Was von der Affäre um den geschassten Doll beim Bahnfahrer im Gedächtnis hängen bleibt, ist die Frage: Wie soll ein völlig verkrachter Vorstand ein marodes System zukunftsfähig machen?