Es sind diese Geschichten, die den Mitarbeiterinnen der "Silbernetz"-Telefonseesorge derzeit selbst an die Nieren gehen. Denn sie wissen: Schon vor der Corona-Epidemie gab es in Deutschland rund acht Millionen Menschen über 60, die unter Einsamkeit leiden. Denjenigen, die deshalb die Hotline für ältere Menschen wählten, gaben sie häufig den Rat, Nachbarschaftseinrichtungen zu besuchen, sich einem Verein anzuschließen oder selbst ehrenamtlich aktiv zu werden. Ratschläge, die angesichts der Corona-Krise sinnlos geworden sind.
"Die Situation hat sich in den vergangenen drei Wochen komplett verändert", sagt "Silbernetz"-Gründerin Elke Schilling. Ihre Berliner Hotline ist seit zwei Wochen nun auch deutschlandweit geschaltet. Seit der Corona-Krise rufen fünf Mal mehr Menschen an als sonst. Darunter sind viele Erstanrufer, die vorher ins Theater gingen,  Fotokurse besuchten und Gemeinschaftsreisen unternahmen und ehrenamtlich in der Suppenküche gearbeitet haben. "Auch die, die vorher sehr aktiv am gesellschaftlichen Leben teilgenommen haben, sind jetzt auf sich zurückgeworfen", betont Schilling.
Ihre letzte Anruferin war eine quicklebendige 97-Jährige, die ihre Besorgungen bisher immer noch selbst erledigt hatte. Der Sohn kommt nun nicht mehr am Wochenende zu Besuch. "Ich befürchte, dass mir das alles auf die Seele fällt", habe die Frau ihre Angst beschrieben. Elke Schilling konnte einfach nur zuhören und ihr anbieten, eine sogenannte "Silbernetz"-Freundin zu vermitteln, eine ehrenamtliche Gesprächspartnerin, die sie einmal die Woche für eine Stunde anruft. "Da habe ich wenigstens einen Termin, auf den ich mich noch freuen kann", nahm die 97-Jährige dankend an.
Die Krankenkasse KKH fürchtet denn auch noch mehr Ältere mit Depressionen. In der Generation 60 plus sei die Zahl der Versicherten mit ärztlich diagnostizierten Depressionen sowieso schon von 2008 bis 2018 um fast 35 Prozent gestiegen. Hochgerechnet auf ganz Deutschland seien das bereits 3,3 Millionen Betroffene. Da die Senioren zur Corona-Risikogruppe gehörten, hätten sie nicht nur besonders stark mit Ängsten zu kämpfen, sondern müssten noch mehr als andere auf persönliche Kontakte verzichten, um sich nicht anzustecken. Vor allem Frauen seien gefährdet, denn sie seien etwa doppelt so häufig von einer sogenannten Altersdepression betroffen wie Männer, so die KKH.
Dass überhaupt pauschal Senioren zur Risikogruppe erklärt werden, findet Altersforscher Andreas Kruse aus Heidelberg inakzeptabel. Die Älteren seien doch "eine außerordentlich differenzierte Gruppe". Wenn man die Alten komplett wegsperre, "fehlen zudem Lebenswissen und Engagement" im öffentlichen Raum. In jedem einzelnen Fall sollte mit Unterstützung von Ärzten und Pflegekräften entschieden werden, ob der Gang in die Öffentlichkeit angezeigt sei oder nicht. Dafür seien allerdings "hervorragende Testmöglichkeiten" und ausreichend Schutzkleidung unabdingbar, so der Gerontologe.

Mangel an Schutz ist groß

Daran aber scheint der Mangel groß. In der ambulanten und stationären Langzeitpflege habe man die Betroffenen "allein und ohne ausreichende Schutzausstattung" gelassen, kritisiert der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Der Schwerpunkt des Nachschubs habe bisher offenbar bei den Krankenhäusern und Arztpraxen gelegen. Dabei würden in Deutschland 2,6 Millionen pflegebedürftige Menschen zu Hause und 820 000 in Pflegeheimen betreut.
Auch für Klaus Reinhardt, den Präsidenten der Bundesärztekammer, muss es um ein Mehr an Sicherheit gehen. Das gelte gerade auch für daheim betreute Senioren mit professionellem Pflegebedarf. Hier sei das Risiko besonders hoch, dass infizierte Pflegekräfte "das Virus von einem Pflegebedürftigen zum nächsten tragen". Zu verhindern sei dies nur, "indem die Senioren und die Pflegekräfte professionelle Mund-Nase-Schutzmasken tragen". Auch Ärzte, die intensiv mit Älteren zu tun haben, brauchten die maximale Schutzausrüstung, "und zwar sofort".
Dass der Schutzbedarf für die Älteren tatsächlich besonders hoch ist, unterstreicht auch Professor Hans Jürgen Heppner, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Mit dem Menschen altere auch sein Immunsystem. Die Infektabwehr funktioniere langsamer und schwächer als die bei Jüngeren. Grundsätzlich seien Senioren also anfälliger für Infektionen, insbesondere auch für akute Atemwegsinfekte, wie häufig bei einer regulären Influenza-Grippe und auch jetzt bei Corona zu beobachten. "Zudem liegen bei Hochbetagten häufig viele Vor- und chronische Begleiterkrankungen vor", erklärt Heppner. "Treffen höheres Alter und chronische Erkrankungen zusammen oder sogar mehrere chronische Erkrankungen, erhöht sich das Infektions- und Sterberisiko."
Das erlebten Geriater jedes Jahr im Laufe der Grippesaison: In den vergangenen Jahren betrafen etwa 90 Prozent der Todesfälle aufgrund von Influenza die Altersgruppe 60 plus. Entsprechend ziehen Altersmediziner mit Blick auf das neue Coronavirus gleiche Schlüsse: Die Gruppe der Senioren hat das höchste Risiko, schwer zu erkranken oder auch zu sterben.
Für den Gerontopsychiater Christian Mauerer aus Bayreuth ist es aber mit zusätzlichen Schutzvorkehrungen oder auch nachbarschaftlicher Hilfe beim Einkaufen nicht getan: "Vielmehr sollte jetzt zur Nahrungsmittelversorgung eine emotionale Versorgung dazu kommen." Viele Deutsche hätten doch jetzt Zeit, um Kontakte aufleben zu lassen, sich zu fragen: "Wer bedarf vielleicht eines Anrufs, eines Briefes, eines Päckchens. Ob es die Eltern sind, die Nachbarn, Kontakte, die seit Jahren nicht mehr gepflegt wurden."
Eine andere Anruferin bei "Silbernetz" vermisst denn auch die Besuche der Tochter. Diese stelle die Tüten mit den Einkäufen ein Stockwerk tiefer im Hausflur ab. Über den Gang wird sich noch ein flüchtiger Gruß zugerufen, ohne sich in die Augen zu sehen. Auch Video-Telefonie könne da den Schmerz nicht lindern, weiß Elke Schilling. "Die wenigsten sind online unterwegs."
Auch die praktischen Alltagssorgen nähmen seit Corona zu.  Wie komme ich an mein Rezept, wenn ich bei meinem Arzt niemanden mehr erreiche? Was mache ich, wenn meine Pflegekraft nicht mehr kommt, weil sie selbst erkrankt ist? Die Telefon-Seelsorger versuchen dann, den Kontakt zu Nachbarschaftshilfen zu vermitteln.
Doch auf die Frage, wie man mit den Besuchsverboten in Altenheimen leben soll, haben auch sie keine Antwort. "Alte Menschen haben ein Recht auf lebenserhaltende Maßnahmen, darauf, dreimal täglich Essen zu bekommen, aber ein Recht auf menschliche Nähe gibt es nicht", bedauert eine "Silbernetz"-Mitarbeiterin.
Info Bundesweite "Silbernetz"-Hotline für Menschen ab 60: 0800/470 80 90. Anonym und täglich von 8 bis 22 Uhr.