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Frankfurter Institut IHP forscht auch in der Lausitz

Forschung zum Anfassen: Im Photonic-Labor werden Technologien für ultraschnelle Datenkommunikation entwickelt. Gerhard Kahmen leitet das IHP. In dessen Reinraum werden Schaltkreise gefertigt  -  Hunderte passen auf eine Siliziumscheibe, einen Wafer.
Forschung zum Anfassen: Im Photonic-Labor werden Technologien für ultraschnelle Datenkommunikation entwickelt. Gerhard Kahmen leitet das IHP. In dessen Reinraum werden Schaltkreise gefertigt  -  Hunderte passen auf eine Siliziumscheibe, einen Wafer. © Foto: Ina Matthes/MOZ
Ina Matthes / 30.07.2020, 04:15 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Es war ein besonderer Start: Zwei Monate nachdem Gerhard Kahmen seinen neuen Job angetreten hatte, brach die Corona-Pandemie aus. Kahmen ist seit Januar neuer Wissenschaftlich-Technischer Geschäftsführer des Leibniz-Instituts  für innovative Mikroelektronik IHP in Frankfurt (Oder).

Das Institut habe die Pandemie-Zeit sehr gut bewältigt, sagt er. Forschungsarbeiten und der Reinraum, eine kleine Chipfabrik, laufen. Inzwischen ist die Mehrheit der Beschäftigten unter Hygieneauflagen wieder aus dem Homeoffice zurückgekehrt. Der neue Chef hat die ganze Zeit über am IHP gearbeitet.

Die Pandemie beschreibt er als Herausforderung, über die er  nicht viele Worte verliert.  Der 49-jährige Professor schaut lieber nach vorn: Künstliche Intelligenz, Quantenelektronik, autonomes Fahren, Internet der Dinge, schneller Mobilfunk und Datensicherheit – das sind die großen Zukunftsthemen.

"Es ist für die Region und Deutschland extrem wichtig, an der Spitze dabei zu sein", sagt Kahmen. Das IHP forscht bereits auf diesen Feldern. Es entwickelt zum Beispiel Sensoren für die Kommunikation zwischen Fahrzeugen, für die  Kontrolle von Wasserqualität und für die Telemedizin. Dazu zählt beispielsweise ein drahtloses EKG. Ein kleines Gerät erfasst den Herzschlag, indem es das für einen Menschen nicht sichtbare, unmerkliche Heben und Senken der Haut aufzeichnet. Die gewonnenen Daten können dann gesendet werden – zum Beispiel an Kliniken.

Um solche Sensoren geht es auf dem Innovationscampus Cottbus, einer Kooperation von fünf Forschungseinrichtungen in der Lausitz, an der das IHP beteiligt ist. Rund 7,5 Millionen Euro Fördermittel des Bundes stehen dafür bis 2021 bereit.  Ziel ist es, Forschungsergebnisse den Firmen in der Region zur Verfügung zu stellen, aber auch Ausgründungen auf den Weg zu bringen.

Auch für Tesla interessant

Das Frankfurter Institut  ist bereits seit Jahren mit einem gemeinsamen Labor für Sensornetzwerke an der Brandenburgisch Technischen Universität (BTU) in Cottbus vertreten. Gerhard Kahmen lehrt als Professor für Halbleitertechnologie  an der Uni. Die Beziehungen in die Lausitz will er stärken. Aber auch in Frankfurt sollen Gründungen angeschoben werden. Dafür hat das Institut eine Tochterfirma ins Leben gerufen.  Tesla könnte gleichfalls ein interessanter Partner werden – beim autonomen Fahren.  Das Institut forscht seit Langem beispielsweise an Radarsystemen.

Auch eine andere Spitzenstellung wollen die Frankfurter verteidigen: ihren Weltrekord. Seit Jahren hält das IHP den Weltrekord bei der Schaltzeit des Herzstücks eines jeden Chips, des Transistors. Genauer gesagt handelt es sich um einen  Transistor auf Siliziumbasis. Solche Rekord-Bauteile sind interessant für Sensortechnik und schnelle Kommunikation. Für ihre Arbeit an extrem schnellen Datenübertragungen sind die Wissenschaftler vor allem  bekannt. Und für die Fähigkeit, Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in Anwendungen zu bringen: in Chips.

Die werden im Reinraum gefertigt. Diese kleine Chipfabrik, 1000 Quadratmeter groß,  wächst gerade um 500 Quadratmeter. Gebaut wird seit Sommer 2018 bei laufendem Betrieb.  "Trotz Corona und verschiedenen bautechnischen Herausforderungen liegen wir mit dem Bauvorhaben nach wie vor gut im Plan, mit einem geringen Verzug um nur wenige Wochen gegenüber dem ursprünglichen Plan", sagt Kahmen. Die 14,3 Millionen Euro für die Erweiterung kommen vom Bund, dem Land und aus Mitteln des Europäischen Strukturfonds. Anfang 2021 soll der neue Reinraum in Betrieb gehen. Mit Technik, die die Möglichkeiten für Forschung und Schaltkreisfertigung noch einmal steigert.

Rund 350 Menschen  aus 30 Nationen sind an der Forschungseinrichtung beschäftigt. Etwa die Hälfte davon sind Frankfurter. So wie nun auch Gerhard Kahmen.   Im  November, noch vor dem offiziellen Amtsantritt, zog er mit seiner Familie aus München nach Brandenburg. In Frankfurt (Oder) fühlt er sich inzwischen zuhause.  "Ich freue mich über die Herzlichkeit, mit der wir in der Stadt und von unseren Nachbarn aufgenommen wurden."

Zur Person

Geboren  wurde Gerhard Kahmen 1971 in Braunschweig. Er studierte Elektrotechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und promovierte in den Ingenieurwissenschaften an der Universität Ulm. Kahmen hat unter anderem bei Motorola gearbeitet und zuletzt in leitenden Positionen bei dem Elektronikkonzern  Rohde & Schwarz in München, wo er für die Chipentwicklung verantwortlich war.  Seit 2005 kennt er das IHP, 2014  wurde er Mitglied in dessem wissenschaftlichen Beirat.⇥ima

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