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Corona-Krise
Virtuelle Osterzeit - Gottesdienst, Gebet und christliche Gemeinschaft online

Hochschulpfarrer Pater Max Cappabianca hält während der Corona-Krise online den Kontakt zu seinen Studierenden. Gemeinsam produzieren sie wöchentlich einen Gottesdienst auf YouTube.
Hochschulpfarrer Pater Max Cappabianca hält während der Corona-Krise online den Kontakt zu seinen Studierenden. Gemeinsam produzieren sie wöchentlich einen Gottesdienst auf YouTube. © Foto: Pater Max Cappabianca
Louisa Theresa Braun / 05.04.2020, 03:15 Uhr - Aktualisiert 06.04.2020, 14:02
Berlin (MOZ) Die Corona-Krise zwingt uns dazu, auf Dinge zu verzichten, die uns wichtig sind: soziale Kontakte, Hobbys, Kultur, jede Form von Gesellschaft, die das menschliche Zusammenleben normalerweise ausmacht. Für Gläubige sind das auch Gottesdienste, Kirchenbesuche und Gemeindeleben.

Gerade in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern trifft uns die Krise. Im Christentum ist das die Fastenzeit, in der sich viele Menschen dafür entscheiden, auf etwas zu verzichten. Warum? "Wir leben in einem Überfluss und jeder Verzicht ist eine Weise, den Wert von allem neu zu lernen, eine Neusensibilisierung", erklärt Pater Max Cappabianca, Pfarrer der Katholischen Studierendengemeinde in Berlin.

In dieser Zeit von Ausgangsbeschränkungen und "Social Distancing" wird vielen Menschen bewusst, wie lieb ihnen ihr normaler Alltag ist. Der Vergleich mit der Fastenzeit hat jedoch Grenzen: Wir verzichten nicht freiwillig, wir konnten uns nicht darauf vorbereiten und vor allem wird die Corona-Krise nicht nach vierzig Tagen vorbei sein. "Menschen werden sterben", sagt Cappabianca. "Wenn wir aus dieser Krise rauskommen, werden wir nicht weitermachen können wie vorher."

Auch die Isolation von Freundinnen und Freunden sowie der Familie ist keine normale Fastenerfahrung. "Im Alleinsein werden wir auf uns selbst zurückgeworfen. Manche Menschen erleben das als Geschenk, andere erschrecken davor", sagt Cappabianca. Gerade die Fastenzeit sei für das christliche Gemeindeleben sehr wichtig. Neben den Kirchenbesuchen gehören in vielen Gemeinden Exerzitien und andere Gemeinschaftsaktionen zum Repertoire dieser Tage.

Spirituelle Impulse finden sich seit einigen Wochen daher vermehrt im Internet. Während es im 21. Jahrhundert populär geworden ist, soziale Medien zu "fasten", ist die Vernetzung in der digitalen Welt nun die einzige Möglichkeit, Sozialleben aufrechtzuerhalten, ohne andere zu gefährden. Das haben auch die Kirchen erkannt: In wenigen Wochen ist das Angebot an Online-Messen förmlich explodiert. Viele Gemeinden streamen Gottesdienste aus verwaisten Kirchen, der Papst spendet den Segen "Urbi et Orbi" statt vor Tausenden von Menschen nur noch vor der Kamera, zusammen gebetet wird dafür per Live-Chat.

Christliche YouTuber, Podcast-Producer und Online-Communitys gab es vor der Krise schon, doch die Not hat viele Gläubige erfinderisch gemacht. Gerade in Zeiten der Krise, des Alleinseins, lohnt sich ein Blick auf spirituelle Online-Angebote, die die erzwungene "Zeit für sich" ausfüllen – nicht nur für Gläubige.

Die Katholische Studierendengemeinde Edith Stein in Berlin

"Ein Gottesdienst lebt davon, dass die Gemeinde dabei ist – das kann kein Stream ersetzen", sagt Pater Max Cappabianca. Die Studierenden der Katholischen Studierendengemeinde produzieren seit Mitte März einen wöchentlichen Online-Gottesdienst, zusammengeschnitten aus Videos unterschiedlicher Gemeindemitglieder, in denen sie Lesung, Predigt oder Fürbitte halten sowie musizieren ("Katholische Studierendengemeinde Edith Stein" auf YouTube). Dabei decken sie verschiedene Sprachen und ein breites Gedankenspektrum diverser junger Menschen ab. Außerdem gibt es einen täglichen Podcast ("KSG Berlin" auf Soundcloud), in denen sie ihre Gedanken über die Krise teilen; selbstreflexiv, ermutigend und tiefgründig.

Die Sinnsucher

Vor zwei Wochen haben Jürgen Wiebicke, Journalist und Moderator des Philosophischen Radios des WDR, und der Kölner Priester Franz Meurer den Sinnsucher-Podcast (www.sinnsucher-podcast) gestartet. Jeden Tag verbringen sie eine halbe Stunde "Quarantäne" zusammen im Pfarrhaus St. Elisabeth und sprechen über "existenzielle Fragen, die jetzt hochkommen, weil wir so viel freie Zeit haben". In Kölscher Mundart unterhalten sie sich über Angst, das Fegefeuer oder den Tod von Albert Uderzo, stets angereichert mit Weisheiten aus Literatur, Philosophie, der Geschichte und dem alltäglichen Leben.

Die Lingu-Community

Der Lehramtsstudent, Organist und YouTuber Ludwig Martin Jeschke alias Lingualpfeife ist mit 17.000 Abonnenten auf YouTube und einer riesigen Online-Community schon seit Jahren einer der erfolgreichsten christlichen Influencer in Deutschland. Über den YouTube-Kanal "Lingualpfeife – Christliche Online-Community" streamt er Talks und Andachten. Über die App "Discord" bietet die "Lingu-Community"(community.lingualpfeife.de) virtuelle Gebetsräume, in denen die Teilnehmenden per Smartphone zusammen beten und sich austauschen können. Niedrigschwellige Partizipation ist das Prinzip.

Godly Play / Gott im Spiel

Die evangelisch-lutherische Michaelis-Friedens-Kirchengemeinde in Leipzig hat für die Zeit der Corona-Krise nach dem ökumenisch-pädagogischen Konzept "Godly Play / Gott im Spiel" einen wöchentlichen Video-Gottesdienst für Kinder und Eltern auf YouTube gestartet. Jeden Sonntag wird hier eine Geschichte von Jesus erzählt, mit Worten und mit Figuren, die eine Teamerin auf dem Boden auslegt. Immer wieder stellt sie Fragen, gibt Impulse zum Nachdenken, am Ende fordert sie die Zusehenden auf, sich ein Keks und ein Getränk für das "gemeinsame" Abendmahl zu holen. Eine schöne Idee, um Kindern zu Hause die Osterzeit nahezubringen.

Anders Amen

Die zwei lesbischen, miteinander verheirateten evangelischen Pastorinnen Ellen und Steffi präsentieren auf ihrem Anfang 2020 gegründeten YouTube-Kanal "Anders Amen" Vlogs (Video-Blogs) zu den Themen Homosexualität und queeres Leben in der Kirche, ihrem Weg zu einer gemeinsamen Schwangerschaft und jüngst auch zu Corona. Die Videos der beiden Frauen machen die in der christlichen Welt so oft vernachlässigte Existenz nicht-heteronormativer, gläubiger Persönlichkeiten sichtbar, mal witzig und frech, mal nachdenklich und ernst, in jedem Fall authentisch und unterhaltsam.

Die Fülle der Angebote, die Gläubige derzeit online vernetzen, zeigt, dass der von Corona erzwungene Verzicht Potenziale freisetzt, die eine Überzeugung der Christinnen und Christen zum Ausdruck bringen: dass sie auch in dieser Zeit nicht allein sind. Die Form ist virtuell, doch "der Glaube ist eine Realität", sagt Cappabianca.

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