Allerdings haben die Schweden das Racing-Game nicht neu erfunden. Man hat das Gute, was die Serien in den vergangenen Jahren ausmachte, fortgeführt und das, was sich auch bei der Konkurrenz bewährte, geschickte mit einfließen lassen. Und bestimmte Abläufe sind ohnehin gesetzt im Genre. Etwa, dass der Neuling natürlich nicht gleich in die dicksten Karren einsteigen darf und dass er sich zu aller erst einen Namen machen muss. Aber was heißt "er": Die Hälfte der wählbaren Charaktere ist mittlerweile weiblich, wie die männlichen Kollegen von Kopf bis Fuß tätowiert und in Habitus und Sprache ebenso lässig. Die Genderfrage wäre somit neuzeitlich gelöst.
So beginnt es also wie immer, der Einsteiger darf sich aus einer Reihe von Gebrauchtwagen einen schönen aussuchen und muss zusehen, dass er Geld und Ehre verdient. Beides ist unerlässlich, um in Rang und Ansehen aufzusteigen und damit Einladungen zu besonderen Events zu erhalten. Und natürlich braucht’s den Schotter, um die Karren einerseits konkurrenzfähig zu halten und andererseits optisch in einen Zustand zu versetzen, der Eindruck schindet. Auf beiden Feldern klotzt das Game statt zu kleckern. Die grafischen Möglichkeiten in Sachen Farben, Decals etc. sind schier unendlich. Deren Aussehen beeindrucken sicher auch jene, die bisher die optischen Spielereien eher vernachlässigt haben. Dem steht die Tuning-Abteilung in nichts nach. In mehrere Kategorien unterschieden können die Boliden leistungsmäßig nach oben offen aufgebrezelt werden. Bestimmte Einstellungen, auch beim Setup, sind gar während der Rennen möglich. Das ist schon ganz großes Kino. Aber wie immer: Die Konkurrenz schläft nicht und in sofern hat der Wettstreit um das leistungsfähigste Auto nie ein Ende.

Rennen Tag und Nacht

Anders als die Vorgänger zerfällt das Game in zwei Teile. Es gibt einen Tag und einen Nachtmodus. Ersterer ist für Flow, zweiterer für Show. Will sagen, tagsüber muss man die Kohle verdienen, nachts erfährt man sich das Ansehen, was höhere Ränge und bessere Rennen ermöglicht. Das Problem, wenn über Palm City, das verdächtig einem Miami gleicht, die Sonne untergeht, vergessen die Cops ihr "to serve and protect"-Image und werden zu gnadenlosen Häschern. Das kennt der Fan aus vielen NfS-Vorgängern. Tricky wird es vor allem dann, wenn die Ordnungsmacht eingreift, während das Rennen noch läuft. Zwar ist die KI der Konkurrenten nie überbordend gut, doch in einer halbwegs offenen Welt der Strecke zu folgen, schneller als die anderen zu sein und noch den bewussten Remplern der Polizei auszuweichen führt mitunter zu hektischen Minuten. Damit kaschiert das Game sicherlich, dass man unter normalen Umständen den anderen stets davonfahren kann. Denn "Heat" ist weit entfernt von einer Sim. Arcade-Feeling schlägt hier bis zum Bodenblech durch, was zuweilen auch eigenartige Reaktionen der Fahrzeuge mit sich bringt.
Die Races am Tage verlaufen dagegen fast gesittet. Mal abgesehen davon, das man fast alles, was sich an Aufbauten auf den Straßen befindet, umnieten kann. Ein Schadensmodel findet sich nicht. Es wird durch einen Lebensbalken des Autos ersetzt, der sich in der Werkstatt oder beim durchfahren von Tankstellen wieder auflädt. Und auch die Cops lassen einen in Ruhe.
Geplant wird zu jeder Tageszeit mittels einer großen Karte, auf der die Events dargestellt sind. Ebenfalls erfolgt über die Map die Navigation. Das hat sich beispielsweise ja schon bei Forza bewährt. Von dort kennt man auch die Möglichkeit, durch Radarfallen oder mit der Zerstörung von Werbeschildern Boni einzusammeln.
Ebenfalls durchaus auf dem Niveau der Mitbewerber bewegt sich die Grafik. Flüssig, mit Weitsicht, sehr sehenswerte Spezialeffekte - hier gibt’s nichts zu meckern. Dazu wurde das Straßenbild gekonnt dem einer US-Stadt angepasst, was für jede Menge Authentizität sorgt. Lediglich der Umstand, dass, wie schon beschrieben, Palmen, Laternen etc. bei Berührung wie Strohhalme umknicken, will nicht so recht ins Gesamtbild passen. Denn auch der Sound ist NfS würdig. Das tiefe Brabbeln oder hohe Kreischen kommt beeindruckend aus den Boxen. Und der Tuner kann gar, wie im echten Leben, am Klang des Auspuffes noch Feinarbeit leisten.
Ohne Frage, im 25. Jahr ist mit Need for Speed: Heat wieder ein großer Wurf gelungen. Die Serie wird mit geschickten Neuerungen fortgeschrieben, gleichzeitig hält man an Bewährtem fest.
Need for Speed: Heat; Elextronic Arts
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