In den Glaspalästen dieser Welt werden überlebenswichtige Entscheidungen getroffen von Menschen, deren Überleben nicht davon abhängt. Und vor den Türen dieser Paläste stehen sich die Menschen die Beine in den Bauch, über deren Zukunft gerade entschieden wird. So ist es auch an diesem Montagabend am Potsdamer Platz. Rund 200 Menschen, Eberswalder Bahnwerker, Unterstützer der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft und Sympathisanten haben vor dem Bahn-Tower mit Bannern, Kerzen und Trillerpfeifen Stellung bezogen. Sie rühren sich die nächsten drei Stunden nicht vom Fleck. Sie sind gekommen, um den Bahn-Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Grube daran zu erinnern, dass hinter den schwarzen Zahlen, die sein Aktienkonzern schreiben will, Menschen stecken, für die ein Arbeitgeber Verantwortung übernehmen muss.
Warten, immer nur Warten. Ein Jahr ist nun vergangen, seitdem der Schließungsbeschluss bekannt gegeben wurde. Wer von den ehemals 500 Mitarbeitern konnte, hat das sinkende Schiff längst verlassen. Und so passt es, dass die flackernde Zahl am Boden aus Friedhofskerzen besteht. Die zierliche Ute Koepke ist 58 Jahre alt und hat ihr ganzes Arbeitsleben im Eberswalder Bahnwerk verbracht. Erst mit neun anderen Mädels Schlosserin gelernt, dann Beschrifterin. Sie will sich unter keinen Umständen geschlagen geben. Deshalb hält sie seit zwei Stunden allen Armschmerzen zum Trotz das Banner. "Ich tue alles für mein Werk", sagt sie. "Wir kämpfen für unseren Betrieb."
Und oft heißt kämpfen ausharren und Gesicht zeigen. Auch wenn die Entscheider die Gesichter gar nicht sehen können, weil sie bei Fruchtsäften irgendwo hoch oben in diesem Bahn-Tower sitzen, während die Demonstrierenden die Hälse gen Himmel recken und mit Sprechchören auf sich aufmerksam machen wollen. "Wo seid ihr Eberswalder?", ruft einer durch sein Megaphon. Die Belegschaft antwortet:"Wir sind hier."
Und wie sie da so zwischen dem Sony-Center und dem Nobelhotel Ritz Carlton stehen und für ihr Recht kämpfen, wirken sie fast wie ein schönes Überbleibsel aus alter Zeit. Diese Gewerkschafter, denen der Bahn-Vorstandsvorsitzende Rüdiger Grube später sagen wird, dass die Welt eine andere geworden ist. So kommen natürlich auch gleich ein paar Hobbyfilmer, Jungs in den neuesten Nike-Schuhen, die ihre Smartphones auf die Demonstranten richten. Jungs, die es gar nicht richtig verstehen können, warum dort Menschen in roten Demo-T-Shirts und mit Gewerkschaftsmützen auf den Köpfen auf dem Potsdamer Platz stehen, anstatt den Feierabend in irgendeinem Einkaufscenter zu verbummeln.
"Als der Schließungsbeschluss kam, war ich wütend und geplättet", sagt Ingo Demmel. Der 52-Jährige arbeitet bereits in der vierten Generation in dem Betrieb. Selbst ist er seit 1980 dabei, hat erst Fahrzeugschlosser gelernt und ist mittlerweile Referent im Qualitätsmanagement. Er und viele andere können einfach nicht verstehen, warum das Werk geschlossen werden soll. Denn Arbeit gebe es mehr als genug, berichten die Bahnwerker. Noch in diesem Jahr würden weit über hundert Güterwagen für die Autoindustrie umgebaut. Arbeit, die mit der aktuellen Mitarbeiterzahl gar nicht schaffbar ist, sodass sogar Verstärkung aus Wittenberge kommen musste.
Um 21.30 Uhr ist es dann endlich so weit. Erst machen die Fahrer die Lichter der unter dem Tower geparkten Limousinen an, dann kommen Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke, Bahn-Vorstandsvorsitzender Rüdiger Grube und Betriebsratsvorsitzender Ulf Boehnke durch die Drehtür. Viel Positives zu berichten haben sie nicht. Man sei mit einem privaten Investor im Gespräch, falls dieser das Werk übernehme, könne ein Teil der Belegschaft bleiben, die endgültige Entscheidung solle nun spätestens Ende Oktober fallen. Das alles wird unter Buhrufen verkündet. "Wir können nicht mehr", ruft eine Bahnwerkerin. "Unsere Nerven liegen blank."