Durch die neuen Servicestellen in den Kassenärztlichen Vereinigungen sollen Patienten binnen vier Wochen einen Termin beim Facharzt bekommen. Die Mediziner indes kritisieren das Prozedere als bürokratisch und zweifeln die Notwendigkeit an.
Mit drei Mitarbeitern startet die Hotline am Montag in Potsdam. Fünf Tage in der Woche, jeweils zwei Stunden, sollen freie Termine bei Fachärzten in sämtlichen Landesteilen vermittelt werden. Doch zu große Erwartungen will Christian Wehry, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg, gar nicht erst aufkommen lassen. "Bei diesem Service sind keine Wünsche möglich", sagt er. "Und er gilt für dringliche Fälle, ohne freie Arztwahl." Ausgenommen seien zudem Termine bei Hausärzten, Kinderärzten, Psychotherapeuten und Zahnärzten
Mit diesem Angebot steht die märkische KV noch ganz gut da, in anderen Bundesländern sind die Telefone lediglich einmal wöchentlich freigeschaltet. Auch das bisherige Aufkommen freier Termine schätzt Wehry als zufriedenstellend ein. Rund 400 Mediziner hätten der Kassenärztlichen Vereinigung seit Ende November ihre Kapazitäten gemeldet. Vor allem am Dienstag und Donnerstag, so hat Wehry erfahren, gibt es noch Lücken.
Der Ärztevertreter macht jedoch keinen Hehl daraus, dass man die Servicestelle als "überflüssiges Bürokratiemonster" ansieht. Dies sei eine gesetzliche Vorgabe, die umgesetzt werden musste, betont Wehry. "Die Stimmung unter den Ärzten, von denen viele am Limit sind, ist dementsprechend nicht gerade euphorisch." Er empfiehlt, lieber direkt beim Arzt nachzufragen.
Ähnlich äußern sich die Berufsverbände. "Dieses Angebot hat sich die Politik auf die Fahne geschrieben, obwohl es in der Praxis nicht funktionieren wird", sagt Thomas Maruniak, Vorsitzender des Landesverbandes der Augenärzte. So werde Patienten nach dem Terminvergabesystem auch eine 60-minütige Anfahrt zum zugewiesenen Arzt zugemutet. "Da stellt sich die Frage, wer sich das antut."
Maruniak hat gleich gar keine Termine der KV übermittelt - wie viele andere Augenärzte im Land. "Wir sind zeitlich mehr als ausgelastet", sagt der Augenarzt aus Schöneiche (Oder-Spree). "Außerdem haben sämtliche Kollegen schon das Budget erreicht." Ohnehin kann Maruniak keine unzumutbaren Wartezeiten erkennen. Binnen sechs Wochen erhalte bei ihm jeder Patient einen Termin, akute Fälle würden am gleichen Tag behandelt.
Dagegen monieren Gesundheitspolitiker und Krankenkassen, dass Menschen vor allem im ländlichen Raum viel Geduld aufbringen müssen, um sich bei einem Facharzt vorstellen zu können. Monatelange Wartezeiten werden unter anderem aus der Lausitz oder der Uckermark gemeldet. So sorgte der Fall einer Cottbuser Augenärztin vor rund zwei Jahren für bundesweite Empörung, die nach Angaben von Patienten 50 Euro für einen Express-Termin verlangte. Dies hatte die Medizinerin bestritten.
Auch aufgrund dieser Entwicklungen hat die Bundesregierung 2015 ein neues ärztliches Versorgungsgesetz beschlossen. So schätzt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CSU) die darin enthaltenen Terminservicestellen als Instrument zur Stärkung der Patientenrechte ein. Nach einer Erhebung der AOK Nordost hat sich die Lage in Brandenburg dagegen etwas entspannt. Im Schnitt mussten 14 Prozent der Patienten länger als vier Wochen auf einen Termin beim Facharzt warten. (Mit Adleraugen)
Die KV-Servicestelle ist montags, dienstags, donnerstags und freitags von 9 bis 11 Uhr sowie mittwochs von 12.30 bis 14.30 Uhr unter 0331 98229989 erreichbar.