Um seine Frau zu beeindrucken, fuhr der Maschinenbauingenieur Jan Teut vor zehn Jahren auf das damals neu errichtete Windrad an der B 2 hinauf. Er zeigte ihr den Ausblick und begeisterte sie für die Technik. Doch es kam wie es kommen musste - bei der Rückfahrt fiel der Fahrstuhl aus. Also mussten die beiden den nicht ganz ungefährlichen Abstieg über die Leiter wagen.
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Jetzt hat der Windbetreiber Teut ebenjenes Windrad wieder abreißen lassen, um an seine Stelle ein neues zu errichten. Die Ehe hat trotzdem gehalten, denn Gattin Grit durfte jetzt symbolisch den Startknopf für das windreiche Pilotprojekt an gleicher Stelle drücken. Pro Jahr soll die Strommühle 8,5 Millionen Euro Kilowattstunden liefern. Wenn die Lüftchen pfeifen, produziert sie damit in der Stunde so viel, wie ein Vier-Personen-Haushalt pro Jahr verbraucht.
Doch die Ausbeute ist nicht die Innovation an dem Modellversuch. Vielmehr geht es um die Turmkonstruktion. Bei seinen sonstigen Windkraftanlagen hat Jan Teut sogenannte Hybridtürme bauen lassen. Dabei handelt es sich um einen im Boden verankerten Betonunterbau, auf den die Stahlrohre aufgesetzt sind. Der neue bei Pinnow besteht nun ganz aus Stahl. Nur das Fundament bleibt weiter aus Beton.
Hintergrund waren zunehmende Transportprobleme in Deutschland. Denn durch die immer höher werdenden und effizienteren Anlagen wächst auch der Innendurchmesser der unteren Turmbereiche. Er liegt derzeit bei fast zehn Meter. Und irgendwann passen die beim Schwertransport nicht mehr unter den Brücken hindurch. Die jetzt neu verwendeten Stahlsegmente werden dagegen einfach per Laster angefahren und miteinander verschraubt. So wie beim Baukastenprinzip. Ohne Polizei-Eskorte. Die Montagezeit reduziert sich um vier bis sechs Wochen. Die Kosten bleiben gleich. Der Verkehr wird entlastet.
Entwickelt wurde der neue High-Steel-Tower von der Eberswalder Firma Senvion und der Leipziger SIAG Industrie GmbH. Beide suchten nach einem geeigneten Standort für die weltweite Baupremiere und fragten bei Teut an. "Ich bin davon überzeugt", so der Chef des Unternehmens. Auch in Welsow und Mürow sollen später die gleichen Typen aufgebaut werden.
Noch eine Neuerung: Bei starkem Nord-Wind fährt die Strommaschine ihre Leistung etwas herunter, um den Lärm zu reduzieren und die Anwohner dadurch zu schützen. Denn der Schall würde sonst zu stark Richtung Pinnow gehen und für Lärmbelästigung sorgen. Die Genehmigungsbehörde und die Gemeinde Pinnow waren mit dieser Variante einverstanden.
Der Austausch des alten Windrads gegen das neue soll aber auch ein Repowering-Test sein. Darunter versteht man den Technikwechsel in der Windkraft bei ausgedienten Anlagen. Die neue Generation hat eine ungleich bessere Leistung, ist aber meist höher. Dadurch wiederum werden weniger Stromspargel pro Windfeld gebaut. Der Turm bei Pinnow ragt genau 200 Meter in die Luft. Der Rekord in Deutschland und der Welt soll inzwischen bei 230 Metern liegen. "Es geht uns bei dem Prototypen aber nicht um die so befürchtete Höhe", so Jan Teut bei der Einweihung. Denn die Ausbeute einer solchen Maschine wachse nicht grundsätzlich im Verhältnis zur Größe. "Für mich persönlich ist auch die neue Technik interessant."