Pro: „Besonderes Interesse der Zuschauer“ von Justus Demmer
Die Hochzeit von Georg Friedrich Prinz von Preußen (35) mit Sophie Prinzessin von Isenburg (33) wird am 27. August im rbb-Fernsehen übertragen. Wir freuen uns darauf, das Groß-Ereignis auf diesem Weg vielen Menschen zeigen zu können, die nicht selbst mit dabei sein können. Solche Live-Sendungen sind einerseits Alltag im Fernsehgeschäft, andererseits aber immer auch eine besondere Anstrengung für alle Beteiligten.
Die Hochzeit in Potsdam rechtfertigt nach unserer Überzeugung diese Anstrengung. Nicht etwa, weil hier „der Adel“ heiratet. Der wichtigste Grund ist der regionale Bezug der Hochzeit. Die Familie der Hohenzollern ist wie wenige mit der Region historisch verbunden. Die Hochzeit des „Chefs“ der Hohenzollern vor der Kulisse eines der bedeutendsten touristischen Ziele in Brandenburg, begleitet von einer Vielzahl prominenter Gäste: Das stößt aus Sicht es rbb bei unseren Zuschauerinnen und Zuschauern auf besonderes Interesse. Deshalb übertragen wir live.
Die Live-Übertragungen von besonderen Ereignissen im Fernsehen des rbb sind so vielfältig wie die Region und das Leben. Große Live-Sendungen im rbb zeigten in den vergangenen Monaten zum Beispiel Frauenfußball aus Potsdam, das Finale des Sechstagerennens aus dem Velodrom, den Karnevalszug aus Cottbus und das Requiem für Erzbischof Sterzinsky.
Für die kommenden Wochen sehen unsere Planungen ausführliche Live-Übertragungen unter anderem von den Gedenkfeiern zum Mauerbau, vom Auftritt der Berliner Philharmoniker in der Waldbühne, vom Wahlabend in Berlin oder auch von der Hengstparade aus Neustadt an der Dosse vor. Dazu kommen live eingespielte, aber zeitversetzt ausgestrahlte Ereignisse wie jüngst die Elblandfestspiele aus Wittenberge. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Sie zeigt: Es geht weder einseitig zu, noch werden Themen, die nicht der Unterhaltung zuzurechnen sind oder die nicht mit Glanz und Glamour daherkommen, ausgespart.
Die Hochzeit aus Potsdam reiht sich nach den bisherigen Planungen auch finanziell in diese Reihe ein, sie stellt eine besondere, aber im Vergleich zu anderen Live-Übertragungen keine außergewöhnliche Anstrengung dar. Deshalb freuen wir uns darauf und sind sicher, dass es vielen Zuschauerinnen und Zuschauern auch so geht.
Contra: „Ein vernünftiges Maß finden“ von Stefan Ludwig
Fernsehen ist ein Bewegtbild-Medium. Es zeigt auch gerne Bilder, die bewegen. Das ist seine Stärke: Emotionen aus nächster Nähe in die Wohnungen transportieren zu können. Insoweit ist die Absicht des Rundfunks Berlin-Brandenburg, Bilder einer aufwendigen Hochzeit publik zu machen, fachlich zumindest noch nachvollziehbar.
Doch hier geht es um das Maß: Drei Stunden lang möchte der Sender mit entsprechendem Personal-, Technik- und damit Kostenaufwand auf Live-Sendung gehen, um eines zu dokumentieren: das Ja-Wort eines Bürgers. Diese Einordnung gilt auch, wenn der Bürger dem adligen „Haus Hohenzollern“ entstammt und der Ururenkel des letzten deutschen Kaisers ist. Es handelt sich also um eine höchst private Angelegenheit. Es geht auch nicht um eine Person der Zeitgeschichte. Dieses Attribut lässt sich bestenfalls noch dem einstigen Monarchen zuordnen.
Der Versuch, die Eheschließung mit sogenannten „Traumhochzeiten“ in Monaco oder Großbritannien zu vergleichen und vielleicht so den Live-Tross von Kamerapersonal bis Co-Moderator zu legitimieren, birgt wenigstens einen Pferdefuß: In den genannten Staaten hat der Adel zumindest noch eine verfassungsrechtlich relevante, wenn auch mehr oder weniger repräsentative Funktion in die Moderne hinüberretten können. In Deutschland dagegen spielt der Adel diesbezüglich keine Rolle mehr. Gleichwohl kann ich mir eine Berichterstattung vorstellen. Ein Beitrag, etwa in „Brandenburg aktuell“ beziehungsweise der „Abendschau“, könnte sowohl das regionale Informationsbedürfnis als auch das bestehende Interesse an boulevardesken Neuigkeiten befriedigen.
Erinnern wir uns an Debatten um Arbeit und Finanzierung des Rundfunks. Häufig hat der rbb auf den hohen Kostenaufwand verwiesen, den ihm Live-Übertragungen verursachen. Er muss das Geld, bezahlt aus den nicht gerade geringen Fernsehgebühren der Bürger, auch erhalten. Sonst kann der Sender seinen Auftrag nicht erfüllen. Doch gerade deshalb muss es erlaubt sein, auf einer angemessenen Verwendung der knappen Ressourcen zu bestehen.
Anstatt sich in den medialen Sog eines unzeitgemäßen Adels-Kults hineinziehen zu lassen, könnte der rbb das Geld für Sinnvolleres einsetzen. Zum Beispiel, um die Programmaufbereitung für Menschen mit Behinderungen zu verbessern und die oft als zu gering kritisierte Präsenz in der Weite des Landes sowie die Bürgerbeteiligung auszubauen, etwa durch mehr Live-Sendungen zu direkter Demokratie. Die Parlamentsberichterstattung hat ebenfalls Reserven. Während heutzutage meist nur einstündige Zusammenfassungen eines Sitzungstages erfolgen, konnten sich die Bürger lange Zeit live ein Bild vom politischen Handeln machen – ein Angebot, das der rbb seinerzeit mit Kostenargumenten fast vollständig zurückgefahren hat.
Der rbb verweist auf Erwartungshaltungen. Die Bedürfnisse der Zuschauer sind zwar das Maß – aber nur fast aller Dinge. Zu einer unreflektierten Übernahme prognostizierter Wünsche ist der Sender nicht verpflichtet. Er muss auch den Nachrichtenwert gewichten. Noch hat der rbb Gelegenheit, ein vernünftiges Maß im Umgang mit dem Thema zu finden.
Ihre Meinung ist gefragt: Finden Sie die Übertraguung der Hochzeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gut? Oder teilen Sie die Kritik, dass der Kult um Adelshochzeiten unangemessen ist? Schreiben Sie uns Ihre Meinung über die Kommentar-Funktion.