Seit Polen die Grenze nach Deutschland Mitte März überraschend geschlossen hatte, kann Mariusz Nowara nicht mehr nach Hause. Der pharmazeutisch-technische Assistent arbeitet in der Apotheke in Gartz. Sein Zuhause in dem kleinen Ort Kurow liegt nur wenige Kilometer entfernt hinter der Grenze und ist jetzt doch in einer anderen Welt.

Schmerzliche Familientrennung

"Wenn ich nach Hause fahren möchte, müsste ich zwei Wochen in Quarantäne bleiben. Ich musste mich über Nacht entscheiden, ob ich weiter arbeite oder bei meinen Kindern und meiner Frau bin, aber kein Einkommen mehr habe." Die Stimme versagt ihm, Tränen rollen. Jeder Tag, jede Stunde ohne seine Familie, wird schwerer. Deshalb ist er am Freitag Abend zur deutsch-polnischen Grenze nach Rosow gekommen und hält ein Transparent hoch: "Lasst uns zur Arbeit. Lasst uns nach Hause!"
In Rosow treffen sich an diesem Abend wie in vielen anderen Grenzorten entlang der Oder Menschen, um für die Wiedereröffnung der Grenze für Berufspendler und Familien zu demonstrieren. In Rosow hat Marta Szuster den friedlichen und emotionalen Protest organisiert und fand sofort viele Mitstreiter. Die Initiative entstand spontan über eine Facebookgruppe deutsch-polnischer Grenzpendler. "Wir hatten ja nur zwei Tage Zeit, um unser gesamtes Leben neu zu organisieren. Vielen Polen wurde die Existenzgrundlage fortgerissen", sagt Marta Szuster.
Protest an der Grenze

Bildergalerie Protest an der Grenze

Innerhalb weniger Tage organisiert sie dank vieler Helfer eine Demonstration mit strengen Corona-Beschränkungen. Maximal 20 Personen sind zugelassen. Die vielen anderen Besucher schickt die Polizei nicht zurück, sondern freundlich auf die angrenzende Wiese zum Spazieren. "Unser Amtsdirektor unterstützte mich sofort bei den Vorbereitungen und auch die Polizei in Schwedt war sehr kooperativ", sagt Marta Szuster, die vor einigen Jahren aus Polen ins uckermärkische Mescherin zog und engagiert die deutsch-polnische Gemeinschaft in der Grenzregion belebt.
"Das Amt Gartz lebt von der durchlässigen Grenze", bekräftigt Amtsdirektor Frank Gotzmann, "wir sehen an den persönlichen Schicksalen, wie eng hier Polen und Deutschland zusammengewachsen sind." Im Amt Gartz leben inzwischen viele polnische Familien, die Kinder besuchen Kitas und Schulen in Tantow, Gartz und Schwedt. Die  Eltern arbeiten in deutschen Unternehmen oder pendeln täglich zur Arbeit nach Stettin.

Rechtsanwaltskanzlei in Stettin

Wie Aleksandra Dabrowska. Die Rechtsanwältin lebt seit zwölf Jahren in Hohenselchow und führt in Stettin eine eigene Kanzlei. Seit Wochen kann sie nicht mehr dort arbeiten, weil sie sonst ihre Kinder allein lassen müsste. Es bricht ihr fast das Herz. "Wir möchten arbeiten, ohne auf unsere Familien zu verzichten, ohne Grenzschließung und Quarantänepflicht", fasst Aleksandra die Forderungen der Demonstranten zusammen.
Stella-Marie Malinowski macht gerade an der Talsandschule in Schwedt Abitur. Viele polnische Abiturienten an deutschen Schulen können jetzt in der Prüfungszeit nicht nach Hause.  Deutsche Familien haben sie aufgenommen.
Die Geschwister Jan und Agnieszka Szczygielska, die in Gartz wohnen, drücken ihre Sehnsucht nach ihrem Papa, der in Polen eine Firma hat und nicht zurück nach Hause darf, auf ihre Weise aus. Sie spielen mit Flöte und Violine die Europa-Hymne "Freude schöner Götterfunken". Menschen auf polnischer und deutscher Seite schwenken Europaflaggen und obwohl die polnische Polizei die große Menschenmenge auf ihrer Seite bald zum Auflösen auffordert, harren viele aus, rufen  einander aufmunternde Worte zu und skandieren plötzlich im Chor in Richtung Rosow: "Dziękuję Niemcy". Danke, Deutschland.