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Interview
Pilzexperte Wolfgang Bivour: "Gute Chancen haben Sammler in Kiefernwäldern"

Christina Sleziona / 17.10.2019, 07:30 Uhr - Aktualisiert 17.10.2019, 10:15
Frankfurt (Oder) (MOZ) Pfifferlinge finden Pilzliebhaber dieses Jahr zwar nur selten. Dafür sprießen andere Arten derzeit umso mehr. Warum der Pilzboom nach dem trockenen Sommer doch noch kam und was man beim Sammeln beachten sollte, erzählt Pilzexperte Wolfgang Bivour.

Herr Bivour, warum sprießen nun doch die Pilze?

In der Tat wachsen gerade manche Arten in solchen Mengen, wie ich es nur selten erlebt habe. Das liegt vor allem daran, dass es im September und Anfang Oktober ausreichend geregnet hat. Ohne Wasser wäre das nicht möglich. Ich vermute, dass einige Arten gerade durch die Trockenheit der vorangegangenen Zeit dazu angeregt wurden, vermehrt Fruchtkörperanlagen zu bilden, die dann nur noch auf eine günstige Witterung gewartet haben. So genau weiß das aber niemand.

Welche Pilzarten wachsen denn in Brandenburg gerade zuhauf?

Verschiedene Champignon-Arten haben sich schon vor drei Wochen vermehrt gezeigt. Darunter auch besonders der giftige Karbol-Champignon. Es gibt auch wieder viele Birkenpilze, Butterpilze, Steinpilze und Maronen. Doch auch der Gartenschirmpilz und der Pantherpilz wachsen vermehrt. Da beide giftig beziehungsweise stark giftig sind, sollte man hier besonders aufpassen. Sie sind die Doppelgänger des Parasol- und des Perlpilzes. Was in den Wäldern der Region aber fehlt, sind die Pfifferlinge. Für sie kam der Regen wohl zu spät. Mit einem nennenswerten Erscheinen rechne ich nicht mehr.

Wo in Brandenburg wachsen momentan die Pilze am besten?

Das ist lokal sehr unterschiedlich. Schließlich hängt das Pilzwachstum mit der Niederschlagsverteilung, dem Baumbestand und den Bodeneigenschaften zusammen. Fest steht: Fast überall ist der Tisch zum Teil reich gedeckt. Nur im Nordwesten Brandenburgs brauchen die Pilze wohl noch ein wenig Zeit.

In welchen Gebieten lohnt es sich am ehesten zu suchen?

Wälder mit hohem Grasbewuchs sind nicht so ertragreich. Mehr Chancen hat der Sammler dafür in Kiefernwäldern oder in lichten Laubwäldern. Besonders an moosbewachsenen Stellen lohnt sich ein genauer Blick.

Was sollte beim Sammeln beachtet werden?

Es sollten unbedingt luftige Sammelbehältnisse – also Körbe – für den Transport verwendet werden. In einer Plastiktüte werden sie gedrückt. Da Pilze vor allem Eiweiß enthalten, können dadurch giftige Zersetzungsprodukte entstehen, wie bei vergammeltem Fleisch. Außerdem sollten die Pilze fest sein und gesund aussehen; nicht schwammig und schimmlig. Der gröbste Dreck sollte bereits beim Sammeln abgeputzt und der Pilz nach Madenfraßspuren untersucht werden. Wenn man sich nicht sicher ist, ob der Pilz essbar ist, sollte man ihn lieber stehen lassen oder ihn einem Experten zeigen.

Wie viele Pilzarten gibt es in Deutschland?

Etwa 5000 bis 6000 Pilzarten gibt es in Deutschland. Die meisten von ihnen sind ungenießbar. Etwa 200 sind Speisepilze. Und nur ein sehr geringer Teil ist giftig.

Wie viele Pilze darf ein Sammler mit nach Hause nehmen?

Steinpilze, Birkenpilze, Rotkappen und Pfifferlinge sind nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Sie dürfen nur in geringen Mengen zum eigenen Verzehr gesammelt werden. Das sind maximal ein bis zwei Kilogramm. Nach dem Waldgesetz dürfen aber auch die anderen Arten nur für den Eigenverbrauch in kleineren Mengen mitgenommen werden. Dass Pilze gesammelt werden, kann jedoch kein Waldbesitzer verbieten. Es sei denn, man befindet sich in einem Naturschutz- oder Aufforstungsgebiet.

Was sollte bei einer Pilzvergiftung getan werden?

Leider kommt es immer wieder zu Vergiftungen, weil Sammler ihre Kenntnisse überschätzen. Der Vergiftete sollte dann sofort ärztlichen Rat einholen und möglichst Pilzreste zur Rettungsstelle mitnehmen, damit die verursachende Pilzart und somit das Gift bestimmt werden kann. Wenn möglich, sollte schon mal Erbrechen hervorgerufen werden, allerdings nur durch mechanische Reizung – keinesfalls Salzwasser oder Milch trinken, wie es in alten Pilzbüchern noch zu lesen ist.

Richtiges Verhaltenim Notfall

Der Giftnotruf der Charité unter Telefon 030 19240 ist das zuständige Giftinformationszentrum für die Region Berlin-Brandenburg, das Anrufer und Anruferinnen bei Vergiftungen oder Vergiftungsverdacht 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr berät.

Bei Lebensgefahr sollte aber zuerst der allgemeine Notruf 112 angerufen werden.

Erste Hilfe bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung bieten auch die Experten vom Brandenburgischen Landesverband der Pilzsachverständigen unter Telefon 033208 51605 an. Sie geben zudem Tipps zum richtigen Verhalten im Verdachtsfall. Unter der Internetseite www.blp-ev.de finden sich zahlreiche Informationen rund um das Thema Pilz. ⇥sle

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