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Hinter die Dinge sehen

Stephanie Lubasch / 11.11.2012, 14:57 Uhr
Berlin (MOZ) Ein Mann, eine Frau, ein Supermarkt. Sieben Produkte sollen sie jeweils in ihren Wagen legen, Pizza, Waschmittel, Marmelade. Einen ganz bestimmten Bio-Apfel, ausgewählt aus insgesamt 123 Obst- und Gemüsesorten. Als sie fertig sind, ist ihre Überraschung groß. Genau jene Waren, für die sie sich entschieden haben, finden sich auch im Korb von Mentalmagier Jan Becker. Der Unterschied: Er hat sie schon einen Tag zuvor hinein gelegt.

Übersinnliche Fähigkeiten? Nein, sagt der Hypnosetrainer, die habe er nicht. Womit er sich hingegen bestens auskennt, sind die Mechanismen von Manipulation. Sein im Rahmen einer Fernsehsendung vorgeführtes Supermarkt-Experiment treibt lediglich auf die Spitze, was Werbung und Marketing täglich mit den Menschen machen. Hier das Obst ein bisschen besser ausgeleuchtet, damit es saftiger wirkt, dort den Käse in der vom Konsumenten bevorzugten Augenhöhe platziert - schon hat uns das Unterbewusstsein die Entscheidung für ein Produkt abgenommen.

Das Wissen darum ist eine von Jan Beckers Arbeitsgrundlagen, Psychologie ein wesentlicher Bestandteil seiner Kunst. Natürlich taucht er nicht wirklich ein in die Köpfe anderer, aber er versteht es vorzüglich, ihre Körpersprache zu lesen. "Ich kann Menschen einschätzen, sehen, wie sie ticken", erklärt er. Der Magier als Beobachter - das ist der Kern seiner Geschichte.

Begonnen hat sie mit einem Buch des berühmten Berliner Hypnotiseurs Erik Jan Hanussen übers Gedankenlesen: Becker bekommt es als Zwölfjähriger von seiner Mutter geschenkt. Er liest, versucht, die Tricks selbst nachzustellen - und ist fasziniert. So, sagt er, macht er das bis heute: begreifen durch ausprobieren. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nichts über Magie lerne. Für mich ist das auch keine Arbeit, ich folge einfach meinem Instinkt."

Dass er das Übersinnliche einmal zu seinem Beruf machen will, steht für den gebürtigen Saarländer früh fest. Auch, wenn es so gar nicht ins Weltbild seiner Eltern passt. "Meine Mutter arbeitet bei der Bank, mein Vater als Elektriker", erzählt er. "Dass ich mich für Kunst interessiere, für Magie, dafür musste ich mich früher auf jedem Familienfest verteidigen." Heute ist er fast ein bisschen froh darüber. "Letztlich hat es mir den nötigen Rückhalt gegeben. Ich habe gemerkt, dass mich keiner von meinem Weg abbringen kann."

Zu Beginn des Jahres 2000 stellen sich die ersten größeren Erfolge ein. "Da habe ich gemerkt, dass ich die Leute unterhalten, sie bewegen kann", erzählt Jan Becker. Vor Publikum zu stehen, es zu verblüffen und zu inspirieren: "Da habe ich Feuer gefangen." Sein Show-Debüt als Gedankenleser gibt er auf der Bühne des Hamburger Hansa-Theaters - und von da an steht fest: "Das kann ich, das will ich, dort möchte ich hin!"

Das erkennt auch das Fernsehen. Zwei Stunden lang darf Becker mit einem Kollegen in Günther Jauchs RTL-Sendung "Stern TV" seine Tricks zum Besten geben, läuft mit verbundenen Augen, ohne einen Baum zu streifen, zielsicher durch einen Wald und führt Menschen vor einem Autohaus zu ihren Wagen, ohne diese vorher zu kennen. In einer weiteren RTL-Show verblüfft er durch das Auffinden eine Nadel, die jemand mitten in Berlin versteckt hat. Und für "The next Uri Geller" auf ProSieben versetzt Becker auf dem Potsdamer Platz mal schnell mehrere Dutzend Berliner in Hypnose.

Ein richtig großer Fan dieser Auftritte ist der Magier nicht. "Ich versuche eigentlich, das reduziert zu halten", sagt er. "Im Fernsehen kommen noch mal zwei Ebenen dazu, das macht es dem Zuschauer schwerer, dem Ganzen zu folgen." Ganz davon abgesehen brauche er selbst den Live-Moment: Becker mag es einfach, auf der Bühne zu stehen, den direkten Kontakt zu den Leuten zu haben.

Nichtsdestotrotz ist es das Fernsehen, dem der Mann mit der einprägsamen Haarlocke seine große Bekanntheit zu verdanken hat. Bislang vor allem mit positiven Effekten. "Umso mehr Menschen mir zusehen, desto weiter wird meine Idee getragen", resümiert Becker. Der 37-Jährige nämlich zaubert nicht einfach so dahin. Sich bewusst zu machen, was Menschlichkeit bedeutet, die Zeit auf dem Planeten zu genießen und dabei nicht so zu tun, als ob alles unendlich sei - das wäre, wenn man es so nennen möchte, seine Botschaft. Wieder mehr aufeinander zu achten, auch das. "Mein Freund, der Kabarettist Philip Simon, meinte mal: ,Wir sind in den Zeiten der Ich-Festspiele'", sagt Becker ironisch. Im Gegensatz dazu gehe es bei der Hypnose ja darum, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. "Ich muss mich einfach mit dem beschäftigen, der vor mir sitzt."

Wenn der das nicht will, sind allerdings auch dem besten Hypnotiseur die Hände gebunden, wie der Wahlberliner versichert. Überhaupt sei das Bild, das viele Menschen von diesem willkürlich herbeigeführten Tiefschlaf haben, meist ein falsches. "Bei Hypnose geht es zwar um Kontrolle. Aber der Hypnotisierte tut nicht, wie manche glauben, was ich will, sondern was er will."

Wie das geht und was es für Effekte haben kann, zeigt Jan Becker zum einen auf der Bühne. Zum anderen arbeitet er als Coach für Persönlichkeiten aus Sport und Politik. "Das geht los bei Leuten, die nicht mehr rauchen möchten, bis hin zu Sportlern, die zwar Talent haben, aber gehemmt sind. Manchmal reichen schon Entspannungsübungen, dann wieder helfe ich jemandem, sich bewusst zu machen, was er eigentlich will."

Gedankenlesen, glaubt Becker, könne eigentlich jeder. "Schwierig ist es nur, diesen Eingebungen zu folgen." Wie man das schafft, hat er in seinem ersten Buch "Ich kenne dein Geheimnis" zu beschreiben versucht. Sein neues, "Du wirst tun, was ich will", wiederum widmet sich Hypnosetechniken. "Ich finde diese Prozesse so spannend, ich wollte einfach ein Bewusstsein für diese zutiefst menschlichen Themen schaffen", sagt er. Und zu denen zählen eben auch die Manipulationen, denen wir im Alltag ausgesetzt sind. Doch kann man sich vor den Einflüsterungen der Werbefachleute zum Beispiel überhaupt schützen? "Manchmal muss man einfach stopp sagen", rät Becker "einen Schritt zurücktreten und sich fragen, ob man diese Sache jetzt wirklich braucht. Wir tun das viel zu selten."

Nein, nach Hokuspokus klingt das alles nicht. Vielmehr nach Wissen um die Dinge. Magie, definiert es Jan Becker in Anlehnung an den Universalgelehrten Agrippa von Nettesheim(1486-1535), sei eigentlich die Zusammenfassung von allen Wissenschaften. Plus einer Prise Geheimnis vielleicht. Denn: Fast alles können wir uns heute rational erklären. Und doch bleibt einiges davon ein Wunder.

"Das Bedürfnis nach Magie", glaubt Jan Becker darum fest, "ist ein Grundbedürfnis, das kriegt man aus den Menschen nicht raus. Ein Ur-Instinkt. Wir wollen immer staunen, immer etwas erleben, immer hinter die Dinge sehen."

Nach seiner Solo-Show in Stuttgart lädt der Mentalist dazu jetzt auch wieder in seiner Wahlheimat Berlin ein, wo er mit seiner Frau und dem einjährigen Sohn lebt. "Salon der blauen Blume" sind die zwei Abende überschrieben, bei denen Becker den im 18. Jahrhundert von Franz Anton Mesmer entdeckten "animalischen Magnetismus" praktizieren will. Das einstündige Programm im intimen Rahmen, verspricht er mit einem Augenzwinkern, soll für die Zuschauer zu einem Erlebnis werden, wie sie es noch niemals vorher hatten.

"Salon der blauen Blume", 18. und 27.11., 20 Uhr, Soho-House, Torstraße 1, Berlin-Mitte, Karten für 29 Euro

Jan Becker: "Du wirst tun, was ich will. Hypnose-Techniken für den Alltag", Pendo, 256 S., 18,99 Euro

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