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Haushalt
Gefahr für Kinder durch Herd und Kocher

Aus Kinderperspektive: Stefanie Märzhäuser von der Kinderchirurgie der Charité am überdimensionalen Herd.
Aus Kinderperspektive: Stefanie Märzhäuser von der Kinderchirurgie der Charité am überdimensionalen Herd. © Foto: Carsten Koall/dpa
Maria Neuendorff / 03.07.2019, 11:00 Uhr - Aktualisiert 03.07.2019, 11:51
Berlin (MOZ) Paul wollte magnetische Kräfte haben wie X-Men. Also schluckte der Siebenjährige Magneten. Seine Eltern bemerkten nichts.

Als er ihnen Tage später davon erzählte, fuhr die Familie sofort in die Notaufnahme. "Da hatte er schon ein Loch in der Darmwand", berichtet Stefanie Märzheuser, die Oberärztin der Klinik für Kinderchirurgie der Berliner Charité.

Märzheuser muss regelmäßig Nachtschichten am OP-Tisch verbringen, weil Eltern die Gefahren in den eigenen vier Wänden unterschätzen. Mehr als eine Million Kinder in Deutschland verletzen sich jährlich bei einem Unfall. "66 Prozent der Unfälle mit Kleinkindern passieren zu Hause", erklärt Märzheuser, die Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder e.V. ist.

Um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, hat die Organisation anlässlich des Tages der Kindersicherheit am kommenden Montag im Foyer des Berliner Virchowklinikums eine Riesenküche aufgebaut. Erwachsene sollen aus der Kinder-Perspektive nachfühlen können, welche Gefahren im Haushalt lauern. Etwa 1,70 Meter große Mütter finden sich plötzlich in Augenhöhe mit einem riesigen leckeren Muffin im Backofen wieder. "Da kommt man als Kind schwer dran vorbei", findet Märzheuser.

Auch sie kann die rotglühende Oberfläche des überdimensionalen Herdes nicht sehen.  "Wenn die Kinder mit der Hand da draufgreifen, haben sie zudem eine längere Nervenleitung als Erwachsene, um zu reagieren." Die Folge sind extreme Verbrennungen.

Zudem sollten Eltern darauf achten, dass Kabel von Wasserkochern nicht vom Tischrand baumeln. "Es passiert selten, dass die Kinder direkt zum Kocher greifen, viel häufiger ziehen sie sie vom Tisch."

Das große Volumen und das häufig sehr heiße Wasser führen zu schwersten Verletzungen. Die seien nicht nur furchtbar schmerzhaft, sondern können das ganze weitere Leben prägen, wenn beispielsweise Narben im Gesicht zurückblieben, sagt Märzheuser. "Doch auch schon eine Tasse Tee kann ausreichen, um 20 Prozent der empfindlichen Kinderhaut zu verbrühen."

Doch während Verbrühungen einer BAG-Umfrage zur Folge nur acht Prozent ausmachen und damit so häufig vorkommen wie Verkehrsunfälle, stehen Stürze mit 59 Prozent an der Spitze der Unfallstatistik. Neben dem Klassiker Sturz vom Wickeltisch werden die aus Kinderautositzen  häufiger, berichtet Märzheuser. "Viele Eltern lassen sie wie einen Korb über der Schulter baumeln, das Kind rutscht hieraus."

Aber auch Hochbetten, mit denen Eltern eine Zwischentage in besonders hohe Kinderzimmer ziehen, bergen Gefahren. "Wenn dann tagsüber die Leiter nicht weggestellt wird und der Dreijährige seinem großen Bruder hinterher klettert, reicht oft schon der Fall von der fünften Sprosse für eine komplizierte Ellenbogenfraktur, die viele Stunden operiert werden muss", sagt die Kinderchirurgin.

Grundsätzlich gilt: Bei Kindern im Alter bis vier Jahre reichen keine Warnungen. Da müssen die Eltern einfach da sein und die Gefahrenquellen aus dem Weg räumen. Wenn Kinder alleine zu Hause spielen und eine Bank vor dem Fenster ihnen ermöglicht, dass sie den Griff erreichen, dann haben die Eltern einen Fehler gemacht. Gerade erst vor kurzem ist wieder ein siebenjähriger Junge aus dem zehnten Stock eines Berliner Wohnhauses gestürzt.

Gefährliche Pulver und Sprays

Nicht zum Tod, aber zu schwersten Verätzungen der Speiseröhre können schon ein Schluck Rohrreiniger oder eine Prise Backofen-Spray führen. Reinigungsmittel sollten niemals in Reichweite von Kindern aufbewahrt werden, sagt Märzheuser. Es helfe auch nicht, sie neben die Kosmetika ins Bad zu stellen.

Auch Knopfzellen-Batterien schlucken Kinder immer häufiger. "Die produzieren dann Strom im Körper. Wenn sie weiter Richtung Luftröhre und Wirbelsäule wandern, können auch wir irgendwann nichts mehr machen."

Paul hat überlebt. Die Chirurgen operierten neun Magneten aus seinem Körper. "Ein absoluter Rekord", sagt Märzheuser. "Wir haben ihn ,Magneto’ getauft."

Eltern müssen Ruhe bewahren

Ein Unfall, der Schmerzen verursacht, ist auch für Eltern extrem belastend. Doch aufgeregte, panische, schreiende oder weinende Eltern können nicht angemessen auf die Notsituation reagieren. Wertvolle Zeit für das Kind geht verloren. Es wird zusätzlich verunsichert und bekommt Angst.

Weinende Eltern erschüttern die Kinderseele zutiefst – ". . . wenn Mami oder Papi weinen, dann muss es mir ja furchtbar schlecht gehen!" Deshalb ist die wichtigste Grundregel nach Unfällen: Ruhe bewahren. ⇥red

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