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Immer mehr Patienten nutzen Apps, um sich über Krankheiten zu informieren / Deutschland hinkt noch hinterher

Diagnose-Apps
Dr. Google war gestern

Hajo Zenker / 30.11.2018, 10:00 Uhr
Berlin (MOZ) Gesundheits-App statt „Dr. Google“: Krankenkassen und Ärzte setzen verstärkt auf die Nutzung von Smartphone-Programmen, um Patienten seriöse Informationen über den eigenen Gesundheitszustand an die Hand zu geben. Und den Medizinern die Arbeit zu erleichtern. Denn in Sachen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz hinkt Deutschland gewaltig hinterher.

Bin ich krank? Und wenn ja: Was habe ich? Diese Frage stellen sich viele Deutsche. Immer wieder. Und nutzen deshalb „Dr. Google“. Dass die Suchmaschine die Ergebnisse nicht nach fachlicher Kompetenz anzeigt und ganz oben zudem gekaufte Einträge stehen, durchschauen viele nicht. Jeder zweite Deutsche, zeigen Untersuchungen der Uni Bielefeld, hat Schwierigkeiten, für die eigene Gesundheit notwendige Informationen zu finden, zu bewerten und zu nutzen. Laut Bertelsmann-Stiftung informieren sich 58 Prozent der Deutschen vor einem Arztbesuch im Netz. Die Hälfte ist der Ansicht, dass das wachsende Angebot an Gesundheitsinfos Patienten verunsichere und verwirre.

Auch Jens Baas, Chef der größten deutschen Krankenkasse TK, weiß: „Vielen fällt es schwer, seriöse von weniger seriösen Quellen zu trennen.“ Aber unklare Beschwerden träten meist zu unpassenden Zeitpunkten auf, in der Nacht oder am Wochenende. „Der Weg über die Suchmaschine ist dann zwar der schnellste, führt jedoch selten zu einer seriösen Einschätzung der eigenen Lage.“

Man habe sich deshalb auf die Suche nach einem Angebot gemacht, mit dem man den Versicherten eine echte Hilfe bieten könne. „Denn es gibt sehr viele schlechte Anbieter.“ Und sei schließlich auf das Berliner Startup Ada Health gestoßen. Das setzt auf Künstliche Intelligenz (KI).

Die App Ada kennt mehrere tausend Krankheiten und Symptome. Täglich kommen 30 000 neue Fälle hinzu. Weltweit hat die kostenlose App bereits fünf Millionen Nutzer. Ada funktioniert wie ein Chat. „Der Nutzer beantwortet Fragen zu seinen Symptomen, bis genügend Informationen für eine qualifizierte Einschätzung vorliegen“, erklärt Mitgründer Martin Hirsch. Als Ergebnis werden Diagnosemöglichkeiten präsentiert – sortiert nach Wahrscheinlichkeit. Und versehen mit dem Hinweis, ob man sich selbst helfen kann, einen Arzt konsultieren sollte – in die Notaufnahme muss. Anfang 2019 soll Ada dann in eine TK-Doc-App integriert werden: Nach der Bewertung mittels Künstlicher Intelligenz kann der Versicherte bei Bedarf das Ergebnis über die App telefonisch, per Mail, per Text- oder Video-Chat mit einem Arzt besprechen. Rund um die Uhr. Ada ist eine Diagnose-Unterstützung. „Das letzte Wort hat der Arzt.“

Aber der, sagt Professor Jürgen Schäfer, Leiter des Zentrums für unerkannte und seltene Erkrankungen am Universitätsklinikum Marburg, kann so sicherer entscheiden. Indem er etwa einen Hinweis auf eine seltene Erkrankung bekommt. „Es gibt mehr als 10 000 Diagnosen, allein 7000 seltene Erkrankungen. Das sind Dimensionen, die ein einzelner Arzt gar nicht mehr verarbeiten kann.“

Zuvor hatte bereits die AOK Nordost eine Kooperation mit Ada begonnen – die insbesondere dem ländlich geprägten Raum zugutekommen soll. Derzeit werden AOK-Versicherte und Ärzte zu Akzeptanz und Nutzungsverhalten der App befragt. Die Voraussetzungen für den KI-Einsatz seien günstig. „Die teilweise prekäre Versorgungslage in den ländlichen Regionen im Nordosten, aber auch die im Großraum Berlin angesiedelten hochkarätigen Forschungseinrichtungen und innovativen Start-ups bilden dafür eine ideale Ausgangssituation“, meint KI-Forscher Professor Thomas P. Zahn, der das Gesundheitswissenschaftliche Institut Nordost leitet.

Die Frage „Mensch und/oder Maschine“ wird von den Anbietern unterschiedlich beantwortet. So entwickelte man an der Uni Heidelberg ein selbstlernendes Programm, das im Mai damit Schlagzeilen machte, anhand von Fotos Hautkrebs besser erkannt zu haben als eine Gruppe von Ärzten. Das soll es bald auch als KI-App geben.

Das Universitätsklinikum Heidelberg bietet mit AppDoc Patienten aus Baden-Württemberg die Möglichkeit an, Fotos von verdächtigen Hautstellen hochzuladen. Innerhalb von 48 Stunden erhält man eine Ersteinschätzung inklusive Handlungsempfehlung von Fachärzten. Möglich ist das, weil sich nun auch in Deutschland die Telemedizin ausbreitet, seitdem der Deutsche Ärztetag im Mai beschlossen hat, dass Mediziner Patienten auch ausschließlich per Video behandeln dürfen.

Das Problem vieler Apps ist, dass die Nutzer dafür zahlen müssen, weil die gesetzlichen Kassen die Leistungen nicht erstatten. Doch auch da tut sich etwas. Wer etwa an einem Tinnitus leidet, kann die App Tinnitracks nutzen. Die filtert die individuelle Tinnitus-Frequenz aus Musikstücken heraus, die man gern hört. Auf diese Weise werden überaktive Nervenzellen nicht mehr angesprochen und können sich „beruhigen“, die Lautstärke des Tinnitus-Tons kann sich reduzieren. Die App ist im Leistungskatalog diverser Kassen, wie DAK, IKK classic, SBK und TK, angekommen.

Bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen und dem Einsatz der KI hinkt Deutschland bisher ein gutes Stück hinter, sagt die neueste Studie der Bertelsmann-Stiftung. „Mediziner in Israel beispielsweise setzen systematisch Künstliche Intelligenz etwa zur Früherkennung von Krebserkrankungen ein“, so Vorstand Brigitte Mohn.  Und in China wird KI „generalstabsmäßig im Gesundheitswesen eingeführt“, sagt Martin Hirsch von Ada. „Aber immerhin sind die Dinge bei uns in Bewegung gekommen.“

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