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Urban Gardening
Der Wertewandel beginnt im Hochbeet

Der Gemeinschaftsgarten Giesinger Grünspitz (oben) liegt zwischen zwei Straßen. In einer Ecke davon gärtnern Anwohner (rechts). Urbane Gärten sollen Wurzeln schlagen, fordert ein 2014 verfasstes Manifest.
Der Gemeinschaftsgarten Giesinger Grünspitz (oben) liegt zwischen zwei Straßen. In einer Ecke davon gärtnern Anwohner (rechts). Urbane Gärten sollen Wurzeln schlagen, fordert ein 2014 verfasstes Manifest. © Foto: Green City
Ulrike Schleicher / 13.04.2019, 14:00 Uhr
Ulm (MOZ) Gärtnern in der Stadt ist auf dem Vormarsch und hat nichts mit Romantik zu tun. Viel mehr geht es um veränderte Ansprüche an die Stadt und ihre Verhältnisse.

Nur noch das lebensgroße Nashorn aus Schrauben, Muttern und vielen anderen Metallteilen erinnert daran, dass hier einmal ein Gebrauchtwagenhandel war. Eine Insel aus Blech zwischen der Martin-Luther- und der Tegernseer Landstraße im Münchner Stadtteil Giesing. Seit 2014 aber wachsen auf dem 2000 Quadratmeter großen Grundstück nicht nur die alten Kastanienbäume weiter vor sich hin, es sprießen auch Frühlingszwiebeln, Kräuter, Tomaten, Blumen, Bohnen und vieles mehr. Gewachsen ist zudem eine Infrastruktur: Zwei Holzpavillons stehen da, unter denen man geschützt vor Regen und Sonne ist, eine Kegelbahn lädt zum Spielen ein, eine Sitzecke – im Sommer grün berankt – verspricht einen lauschigen Sitzplatz.

Der Giesinger Grünspitz, wie das Areal heißt, gehört zu einem der zahlreichen städtischen Gartenprojekte in München. Die bayerische Landeshauptstadt ist Vorreiter: Lange bevor Gärtnern in der Stadt (Urban Gardening) zu einer Bewegung wurde, offerierte die Verwaltung den Bürgern Kraut- und Schrebergärten, unterstützte die Begrünung von Plätzen, Innen- und Hinterhöfen finanziell.

Der Grünspitz ist auf Wunsch der Bürgerschaft entstanden. "Die Anwohner wollten ursprünglich nur einen Treffpunkt zum Gärtnern", sagt Irene Nitsch. Die kleine Frau ist Projektmanagerin bei Green City, einem Verein, der seit mehr als 25 Jahren in München und Umgebung klimafreundliche Projekte unterstützt und begleitet.

Schließlich habe sich auf dem Gelände des Gebrauchtwarenhandels eine gut beschützte Nische gefunden, die sich zum Gärtnern angeboten habe, die aber erst einmal vorbereitet werden musste. "Da war alles mit Brombeeren überwuchert und wir haben tonnenweise Schnapsfläschchen und anderen Müll entsorgt”, erinnert sich die 60-Jährige. Außerdem habe man Material für die Hochbeete gebraucht. Nicht etwa aus dem Baumarkt, sondern aus Dingen, die sonst im Abfall landen.

Irene Nitsch zeigt auf die unterschiedlichen Kisten aus Holz: "Jemand konnte 100 ehemalige Betten aus einer Jugendherberge auftun.” Inzwischen steht das Gärtnern nicht mehr im Vordergrund. Die Ecke befindet sich abgeschlossen hinter einem Zaun. Ein Grund dafür ist das nahe gelegene Stadion des TSV 1860 München. "Wir haben regelmäßig Besuch von vielen Fußballfans, die hier wild pinkeln – obwohl es Dixiklos gibt. Es ist aber auch ein gut geschützter Ort vor Wind und Wetter." Auf dem freien Gelände gebe es Kinderbeete, in denen eher Blumen und Kräuter gepflanzt werden.

Ansonsten ist das Areal ein Treff für die Bürger geworden und wird vielfältig genutzt, sagt Irene Nitsch. "Es finden Floh- und Tauschmärkte statt, Feste, Filmvorführungen und Workshops für Fahrradreparaturen." Bürger jeden Alters, Familien, Rentner, Jugendliche, auch geflüchtete Menschen und Religionsgemeinschaften, Kindergärten und Schulen nutzten Fläche und Beete. Und selbstverständlich sei über das Stadtteilmanagement auch die Verwaltung eingebunden.

Das Selbermachen zusammen mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit bilde inzwischen die Klammer des urbanen Gärtnerns. Und sei Ausdruck eines Wertewandels einer ganzen Gesellschaftsschicht. Sagt Daniel Überall, Mitarbeiter des Münchner Instituts "Anstiftung", das städtische Garteninitiativen fördert und über Landwirtschaft in Städten forscht. "So gut wie bei jedem Projekt entwickeln sich nebenher auch Reparaturcafés und Fahrradwerkstätten", ist die Erfahrung des Kommunikationswissenschaftlers.

Der Garten sei Ergänzung. Viel mehr gehe es inzwischen um Kreativität und Kultur und um Gestaltung der Stadt. "Vorgefertigte Räume werden nicht mehr  akzeptiert", sagt Überall. Selbst Hand anlegen, laute die Devise. Ideologien fehlen. Oder wie es die Soziologin Christa Müller beschreibt: "Die politischen Formen der Generation Garten zeichnen sich weniger durch Forderungskataloge als durch Performanz, durch punktuelle und symbolische Interventionen im öffentlichen Raum aus." Ein weiterer Aspekt: Konsum. Cafés und Geschäfte fehlen, was gewünscht sei und geschätzt werde.

Ganz nebenbei veränderten sie auch die Strukturen innerhalb der Gesellschaft. So etwa im interkulturellen Garten, wo ein Rollentausch stattfindet: "Der Geflüchtete aus Syrien zeigt dem Ingenieur aus Deutschland, wie man Samen sät, wie man Pflanzen pflegt, sodass man ernten kann." Das steigere das Selbstbewusstsein auf der einen und den Respekt auf der anderen Seite. Abgesehen vom Nutzen des gegenseitigen Kennenlernens.

Trotz des offensichtlichen Wertewandels – Überall schätzt, dass die meisten in der Natur und in der körperlichen Arbeit einen Ausgleich zum digitalen Alltag suchen. "Es sind erfahrungsgemäß viele Medienschaffende darunter."

Standardisieren ließen sich die Projekte nicht. "Sie sind individuell." Allenfalls gebe es Gartentypen – etwa interkulturelle Gärten, welche mit Öffnungszeiten und ohne, Projekte, bei denen alles Gemeingut ist.

Appell an die Kommunen

Was in München vergleichsweise funktioniert, klappt es woanders oft noch nicht. Beileibe nicht jede Kommune akzeptiere solche Initiativen, weiß Überall. Man müsse sich durchkämpfen zu Leuten in den Verwaltungen, die offen seien für dieses Denken. Und allzu oft stünden die Flächen nur zeitlich begrenzt zur Verfügung. "Das erzeugt Frust."

Als Appell an Kommunen, verbindliche Regeln für Gemeinschaftsgärten zu fassen, wurde 2014 das "Manifest" verfasst. Darin fordern die Initiatoren unter anderem: "So wie in der ,autogerechten’ Stadt alle das Recht auf einen Parkplatz hatten, sollte in der gartengerechten Stadt allen ein fußläufiger Zugang zur Stadtnatur garantiert werden."

Die Zahl der Projekte steigt trotz der vielen Unwägbarkeiten. So habe es 2012 rund 180 Gemeinschaftsgärten gegeben – "heute sind es etwa 700. Ein Trend ist es also nicht", sagt Überall. Der Nachhaltigkeitsgedanke setze sich langsam durch. So orientieren sich Wohnbaugenossenschaften immer mehr an neuen Begrünungskonzepten, Kommunen fordern bepflanzte Dächer. Und Stuttgart hat seit 2014 einen Urban-Gardening-Beauftragten.

Die Protagonisten

DanielÜberall ist Kommunika­tionswirt, arbeitete bis 2007 in unterschiedlichen Werbeagenturen. Im Gründungsteam von Utopia.de, der Online-Community für nachhaltigen Lebensstil, wurde die Passion zur Profession. 2011 startete er die Initiative Stadtimker und baut in München die "Solidarische Landwirtschaft Kartoffelkombinat" mit auf und ist im Vorstand des Netzwerk Klimaherbst. Daniel Überall ist seit 2012 Mitarbeiter der Anstiftung und verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Er selbst hat kaum Zeit zum Gärtnern.

Irene Nitsch Die Wirtschaftswissenschaftlerin ist 60 Jahre alt und war 27 Jahre lang Projektmanagerin in einem internationalen Technologiekonzern. Seit 2015 ist sie beim Verein Green City in München und koordiniert urbane Gartenprojekte wie etwa Bio-Gemüseanbau im öffentlichen Grün. Das Ziel: den motorisierten Individualverkehr und den Ausstoß klimaschädlicher Gase zu reduzieren und die Stadt grüner und lebenswerter zu machen. Infos unter anstiftung.de und greencity.de

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