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Smarte Wetterstation
Der Garten und der Klimawandel

Thomas Sabin / 07.05.2019, 08:30 Uhr
Berlin (MOZ) Die Sonne brennt seit Wochen vom Himmel. Den Landwirten drohen hohe Ertragsausfälle. Ihre Felder sind ausgetrocknet.

Ein Jahr liegt die große Dürre nun zurück. Ulrich Schneider, Vorsitzender der Agargenossenschaft im brandenburgischen Hermersdorf, sprach damals von der schlechtesten Ernte seit 20 Jahren, von Existenzangst, von einer ungewissen Zukunft. Für Schneider war klar: Schuld ist der Klimawandel.

Der Juli 2018 war einer der heißesten und trockensten Monate seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Die Dürre, ein Wetterextrem, das besonders in Brandenburg und Niedersachsen den Landwirten zu schaffen machte, könnte öfter auftreten. Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt solange sich der Planet weiter erwärmt.

In Hoppegarten bei Berlin steht in diesem Frühjahr die Wolkendecke dicht. Es herrscht Windstille. Die Thermometer zeigen acht  und neun Grad Celsius. Sven Wachtmann hat gleich mehrere in und um Haus und Garten installiert. Der Fortschritt hält immer mehr Einzug auf dem Grundstück des Gartenbau-Ingenieurs. Wachtmann baut sich einen Klimagarten. Bereits auf dem Dach seines Carports fallen kleine Gerätschaften ins Auge.

Wachtmann ist ein Gartenmensch und der Natur sehr verbunden. "Schon als Kind hat mich das interessiert", sagt er und schaut durch seine schmale Brille. Im Kleingarten seiner Eltern und durch den Unterricht im Schulgarten sei seine Leidenschaft entstanden. "Es fasziniert mich, mit der Erde und den Pflanzen zu arbeiten, und zu beobachten, was daraus entsteht."

Zuerst machte der 44-Jährige eine Ausbildung zum Gärtner, später studierte er Gartenbau und seit 2002 ist er stolzer Besitzer der Firma GrünConcept GmbH – ein Lebenstraum, den er verwirklichen konnte. Sein Wissen fließt in die Arbeit des Betriebes mit ein. Nebenbei ist er ehrenamtlich im Berliner Landesverband der Gartenfreunde tätig und dort für die Fachberatung zuständig. "Mein Hobby ist zu meinem Beruf geworden und bis heute geblieben", sagt er mit zufriedener Mine.

Zurzeit bewegt ihn das Thema Klimawandel. Auch deshalb "haben wir im Vorjahr die Aktion ´Klimagärten in Berlin´ gestartet", erklärt er. In dem Projekt geht es darum, den eigenen Garten für die Zukunft fit zu machen, ihn dem Klima anzupassen. "Es geht speziell darum, auf extreme Wetterlagen einzugehen. Wir versuchen, Lösungen zu finden." Ein Teil davon: die smarte Wetterstation.

Um herauszufinden, wie sich das Klima verändert und wie man sich anpassen kann, benötigt man Wetterdaten. Friederike Otto, Klimawissenschaftlerin und Leiterin des Environmental Change Institute an der Universität Oxford, hat kürzlich das Buch "Wütendes Wetter" veröffentlicht. Darin beschreibt sie unter anderem das neue Feld der Zuordnungswissenschaft (Attribution Science). Otto zählt zu einer Handvoll Wissenschaftlern weltweit, die in Echtzeit berechnen können, wie viel Klimawandel in unserem Wetter steckt. Was sie und ihr Team jedoch für die komplexen Simulationen benötigt, sind Wetterstationen, die wichtige Daten erheben.

Wetterstation für jedermann

Eine Wetterstation kann sich heutzutage jeder in den Garten stellen. Sven Wachtmann hat das getan. Auf dem Dach seines Carports hat er sie installiert. "Die smarte Station ist ein erster, kleiner Schritt hin zu einem angepassten Garten", sagt er. Sie verrät den Ist-Zustand des Wetters im eigenen Garten. Die Station zeigt: wie ist die Temperaturentwicklung, wie die Feuchtigkeit, die Windbewegung und wie die CO2-Belastung. "Man sammelt also Daten. Nach einer gewissen Zeit können daraus Schlüsse gezogen werden", sagt Wachtmann. Um diese Daten zu erfassen, gibt es mehrere Elemente. Eine Hauptstation, die im Haus installiert ist und die drei Außenstationen für die Messungen.

"Wetterdaten von den zuständigen Instituten beziehen sich immer auf einen Punkt, bei der smarten Wetterstation erfahre ich aber, wie das Wetter in meinem Garten ist, wie es sich verhält und wie es in den vergangenen Tagen, Wochen und Jahren war. Je nachdem, wie lange die Station installiert ist", sagt Wachtmann.

Verknüpft ist das Ganze mit einer App. Was man also braucht, ist ein Smartphone, um die Daten abzurufen. Die App zeigt an, wo überall ähnliche Stationen installiert wurden. Die Nutzer können sich untereinander vernetzen und beispielsweise ablesen, wie viel Grad Celsius im Nachbardorf sind.

"Die Wetterstation hilft dabei, die eigene Biosphäre genau zu untersuchen und Veränderungen des Klimas im Garten zu beobachten. Das hilft dann wiederum dabei, darauf einzugehen und den Garten anzupassen", erklärt Wachtmann.

Dass der Klimawandel allgegenwärtig ist und bereits Einzug in unser aller Leben gehalten hat, bestreitet Wachtmann nicht. Er hat sich dazu entschieden, auf die Veränderungen zu reagieren. Kunden und Interessierte berät er rund um das Thema Klimagarten. "Gemeinsam mit der Humboldt-Universität haben wir, der Landesverband der Gartenfreunde Berlin, das Projekt Klimagärten gestartet", sagt er. "Wir klären auf, wie kann man optimal bewässern, wie kann ich den Boden optimieren oder welche Flora und Fauna ist besonders robust."

Trotz Urlaub um den Garten kümmern

Friedericke Otto und ihr Team haben bewiesen, dass manche Wetterextreme, wie zum Beispiel Dürren, durch den menschengemachten Klimawandel immer wahrscheinlicher werden. Ulrich Schneider und andere Landwirte haben das auf ihren Feldern beobachtet. Der Mensch muss sich anpassen. Egal ob in der Wissenschaft, der Landwirtschaft oder im eigenen Garten.

Eine eigene kleine Wetterstation auf dem Carport wäre ein erster Schritt. Ein schöner Nebeneffekt, wenn man im Urlaub ist: "Die Station zeigt, wie ist das Wetter genau bei mir. Hat es auch bei mir geregnet? Oder nur im Nachbardorf? Ist es trocken, könnte ich per Smartphone die Bewässerung anschalten oder einem Nachbarn Bescheid sagen, dass er gießt. Das könnte man mit anderen technischen Erweiterungen noch verbessern", sagt Wachtmann begeistert und klickt durch die Grafiken in der App. Wasser an, Wasser aus – der Garten der Zukunft ist ein Klimagarten.

Die Bedeutung von Gärten

Gärten sind stadtklimatisch wertvoll, unverzichtbar und sozial. So beschreiben die Gartenfreunde des Landesverbandes Berlin die Bedeutung von Gärten in Großstädten. Was das bedeutet, und was man selber in Zeiten des Klimawandels tun kann:

Abkühlung: Gärten schaffen, sofern sie ausreichend mit Wasser versorgt sind, an besonders heißen Tagen eine sogenannte Verdunstungskühle. Gartenböden speichern zudem Niederschlagswasser, das ist gerade bei extremen Regenereignissen enorm wichtig.

CO²-Speicher: Gartenböden und Bäume speicher CO² – mit Blick auf den Klimaschutz kommt dem eine immer wichtigere Rolle zu. Zudem liefert die Produktion von Obst und Gemüse einen Beitrag zum Klimaschutz.

Ort der Begegnung: Ein Klein- oder Gemeinschaftsgarten dient außerdem als soziale und interkulturelle Begegnungsstätte und Bildungsraum. Der Wert der Gärten in der Stadt ist hoch einzuordnen.

Tipps und Trick: Wie man sich in der Gartenanlage oder in der eigenen Parzelle gegen den Klimawandel rüsten kann, wie zum Beispiel mit einer Dach- und Fassadenbegrünung oder mit Notwasserwegen, finden Sie unter: www.klimagaerten.de⇥tsa

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