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Wildunfälle
Todesfalle für Tiere

Ein nach einem Unfall verendeter Fuchs liegt am Rand einer viel befahrenen Straße.Überraschend viele kleine Tiere sind in Wildunfälle verwickelt.
Ein nach einem Unfall verendeter Fuchs liegt am Rand einer viel befahrenen Straße.Überraschend viele kleine Tiere sind in Wildunfälle verwickelt. © Foto: dpa
Burkhard Keeve / 04.01.2019, 07:00 Uhr
Oberhavel (MOZ) Tiere kennen keine Verkehrsregeln. Immer und überall können sie plötzlich auf der Straße auftauchen. Das musste in der Nacht zu Mittwoch auch ein Autofahrer auf der Landstraße zwischen Summt und Lehnitz erfahren.

Da tauchten kurz nach 23 Uhr auf einmal zwei Rehe in seinem Scheinwerferlicht auf. Zwar stieg der erschrockene Fahrer noch auf die Bremse, doch einen Zusammenstoß konnte er nicht mehr verhindern. Nach Angaben der Polizei war der Aufprall so heftig, dass die beiden Tiere verendeten. Der Fahrer blieb zum Glück unverletzt, nur sein Wagen wurde in Mitleidenschaft gezogen und musste schwer beschädigt abgeschleppt werden.

Kein Einzelfall. Im Schnitt kracht es statistisch gesehen knapp drei Mal pro Tag im Landkreis Oberhavel bei Wildunfällen. Die Dunkelziffer ist hoch. Längst nicht alle Verkehrsteilnehmer melden einen Crash. Zwar gehen die meisten Wildunfälle relativ glimpflich und meistens nur tödlich für die Tiere aus, doch nicht immer bleibt es bei zerbeultem Blech und kaputten Scheinwerfern. So starb zum Beispiel Heiligabend eine 46-jährige Autofahrerin auf der A 10 zwischen Potsdam-Nord und Spandau, als ihr Wagen mit einem Tier kollidierte und sich das Fahrzeug überschlug.

Laut dem Deutschen Jagdverband (DJV) sterben jährlich dutzende Menschen bundesweit bei Wildunfällen, mehr als 3 000 Menschen verletzten sich dabei. Der Sachschaden wird mit rund einer halben Milliarden Euro beziffert. Eine immense Summe. Laut Jagdstatistik kollidiert in Deutschland alle 2,5 Minuten ein Reh, ein Wildschwein oder ein Hirsch mit einem Fahrzeug. Der Deutsche Jagdverband kommt auf jährlich 200 000 bis 250 000 Wildunfälle. Vermutlich seien es aber fünfmal so viele.

Die Tiere können nichts dafür. Sie queren ohne Vorwarnung eine Straße, weil sie auf der Suche nach Futter, Lebensraum oder in der Brunftzeit auf Partnersuche sind. Zum typischen Verhalten gehört auch, dass sie besonders aktiv in der Morgen- und Abenddämmerung sind. Sehr unfallträchtig sind daher Straßen wie die Strecke zwischen Lehnitz und Summt, die durch den Wald, oder entlang von unübersichtlichen Feldrändern führen.

Wildunfälle können aber zu jeder Tages- und Nachtzeit passieren und nahezu überall. Also auch dort, wo kein Schild vorsorglich vor „Wildwechsel“ warnt. Mehr als tausend Mal nahm 2017 die Polizei in Oberhavel einen Wildunfall auf. Besonders schwere Unfallfolgen gibt es auf Landes- und Bundesstraßen, weil dort mit hoher Geschwindigkeit gefahren wird. Schon bei Tempo 60 ist das Aufprallgewicht erschreckend hoch. Selbst aus dem vergleichsweise leichten Reh mit seinen 20 Kilogramm Gewicht wird dann ein Brocken mit einem Aufprallgewicht von 800 Kilogramm. Zu regelrechten Geschossen werden die größeren Kaliber. Ein Damhirsch besitzt bei einer Kollision mit 60 Stundenkilometern (km/h) ein Aufprallgewicht von 2,5 Tonnen, ein Wildschein von 3,5 Tonnen und ein ausgewachsener Rothirsch sogar von fünf Tonnen. Da bleibt es meistens nicht nur bei einem Totalschaden. Bei Tempo 60 bleibt aber oft noch Zeit, schnell genug zu reagieren. Der Bremsweg beträgt 35 Meter und der Wagen steht. Bei 100 Stundenkilometern verlängert sich der Bremsweg auf 79 Meter.

Es ist daher auch nur wenig beruhigend, dass bei Wildunfällen zu 85 Prozent das Reh der Gegner auf der Straße ist. Überraschend ist hingegen, dass auch kleine Tiere wie Feldhase, Fasan, Fuchs und Marder relativ häufig in Unfälle verwickelt sind. Das hat der Deutsche Jagdverband herausgefunden, nachdem er 40 000 Datensätze aus dem Tierfund-Kataster ausgewertet hatte.  Dieses Kataster gibt es seit Ende 2016. Es ermöglicht nach DJV-Angaben erstmals „eine einheitliche und ortsgenaue Aufnahme von Wildunfälle“.

„Jeder kann mithelfen, Straßen für Mensch und Tier sicherer zu machen – einfach unsere Tierfund-App benutzen“, wirbt DJV-Präsidumsmitglied Wolfgang Heins.

Mehr Informationen unter: www.tierfund-kataster.de

Abblenden, bremsen, hupen

■ Wenn Wild an oder auf der Straße steht, abblenden, bremsen, hupen. Grelles Scheinwerferlicht macht Tiere orientierungslos.

■ Mit Nachzüglern rechnen. Wildschweine und Rehe leben oft gesellig.

■ Wenn die Kollision nicht mehr zu vermeiden ist, gilt die Regel: Besser ein kontrollierter Aufprall als ein unkontrolliertes Ausweichen. Auto also in der Spur halten und nicht in den Gegenverkehr oder den Baum lenken.

■ Nach dem Crash die Unfallstelle sichern.

■ Verletzte versorgen, gegebenenfalls die 112 anrufen.

■ Das tote Tier – mit Handschuhen – von der Fahrbahn ziehen. Verletztes Wild nicht berühren (Stress für das Tier und Verletzungsgefahr).

■ Polizei (110) oder Jäger benachrichtigen und Wildunfall bestätigen lassen.⇥(bu)

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