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Autofahrer
Sicherheitstraining: Geübt in der Spur bleiben

Christina Sleziona / 21.11.2019, 06:45 Uhr - Aktualisiert 21.11.2019, 07:49
Linthe (MOZ) Ein harter Ruck reißt den Hintern meines Autos nach rechts und mir die Kontrolle aus der Hand. Jetzt heißt es schnell reagieren, doch zu spät: Trotz Vollbremsung bekomme ich das Auto nicht mehr beherrscht. Nach etwas über einer halben Drehung und gute 40 Meter Schlitterpartie später kommt mein Auto auf der rutschigen Fahrbahn endlich doch zum Stehen – und ich kann wieder aufatmen.

Zum Glück war das nur eine Übung. Wäre mir das außerhalb des Sicherheitstrainings passiert, hätte ich nicht nur andere Straßenteilnehmer ernsthaft verletzen können, ich läge auch selbst im Graben. Hier im ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin Brandenburg in Linthe sind Wasserstrahlen jedoch meine einzigen Hindernisse. "Ab einem gewissen Punkt muss man sich der Situation ergeben", erklärt Fahrsicherheitstrainer Frank Burdach via Funk noch während meiner halben Blech-Pirouette. Wichtig sei jetzt vor allem, bis zum Schluss so nachdrücklich wie möglich auf der Bremse zu bleiben.

Früh, weich und wenig lenken

Gesagt, getan. Doch was ist schief gelaufen? Bei der folgenden Auswertung wird es klar: Ich war zu schnell und gleichzeitig nicht schnell genug. "Wenn Ihr Fahrzeug ausbricht, müssen Sie so schnell wie es geht gegenlenken, um in der Spur zu bleiben", betont Frank Burdach. Doch nur so viel wie nötig. "Früh, weich und wenig", lautet das Credo des Trainers – besonders beim Ausweichen. Was das bedeutet, lernen wir Teilnehmer gleich zum Anfang des Trainings auf der Slalomstrecke: Hier gilt es, mehreren Leitkegeln auszuweichen. Dass das nicht immer so einfach ist, wenn man ruckartig und großzügig lenkt, bekommen einige mit einem umfallenden Kegel zu spüren. Wenig überraschend für Frank Burdach. Die ausladenden Bewegungen werden vor allem durch ein Problem verursacht: Die meisten, wie auch ich, lenken nur mit einer Hand am Steuer. Das führe automatisch zu ungenauerem Fahrverhalten, betont der Trainer. Er empfiehlt vor allem die "Viertel vor drei"-Stellung beider Hände. "So hat man mehr Kontrolle und kann präziser ausweichen", erklärt Frank Burdach. Und tatsächlich: Wie empfohlen zu fahren, ist zwar eine Umstellung, so lässt sich das Auto aber viel besser um die einzelnen Kegel lenken.

Die neue Haltung hilft auch bei der nächsten Übung in der Kurve. Hier gilt es vor allem herauszufinden, wie zum Beispiel bei Glatteis das Ausbrechen des Hecks verhindert oder zumindest minimalisiert werden kann. Bei neueren Fahrzeugen hilft dabei vor allem das eingebaute Elektronische Stabilitäts-Programm, kurz ESP. Durch einen gezielten Bremsimpuls auf einzelne Räder stabilisiert es das Fahrzeug. Das Auto gerät so nicht ins Schleudern. Allein auf die Technik sollte man aber nicht vertrauen, sagt Frank Burdach. "Ab einer gewissen Einfahrtsgeschwindigkeit in die Kurve kann das Auto nur noch ausbrechen. Daher mein Tipp: Lieber schon vor der Kurve bremsen und erst innerhalb beschleunigen."

Ein Fehler, der mir auch bei der am Anfang beschriebenen Ausbruchssimulation der Hinterachse teuer zu stehen kommt: Ich bin zu schnell eingefahren. Die Anzeige an der Ausfahrt verkündet mir in großen, gelben Ziffern meine Ausgangsgeschwindigkeit: 36 km/h. Der Versuch war auf 30 Kilometer pro Stunde angesetzt. Ich war nur sechs Stundenkilometer zu schnell eingefahren und schon konnte selbst die Vollbremsung meine Schlitterpartie nicht mehr verhindern.

Schnell, hart und beständig bremsen

Wie wichtig es in jedem Falle ist, sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten, wird uns Fahrschülern erst in der Übung zum Bremsweg wirklich bewusst. Jeder einzelne unserer elf Mann starken Gruppe unterschätzt ihn signifikant. Schon allein innerhalb der Reaktionszeit von etwa einer Sekunde hat das Auto bei einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometer bereits an die 15 Meter zurückgelegt. Bis die Vollbremsung – die schnell, hart und nachdrücklich sein sollte – das Auto zum Stehen bringt, sind es bereits an die 40 Meter. Ein vernichtendes Ergebnis, haben wir alle schließlich um die 20 Meter geschätzt. Für einen potenziellen Fußgänger wäre diese Fehleinschätzung tödlich gewesen.

Ist der Fahrer nun schneller unterwegs als für die Fahrbahn angemessen, erhöht sich der Bremsweg noch einmal bedeutend. Ein Ausweichmanöver sollte man in so einem Fall nur starten, wenn das Hindernis überschaubar ist und sich nicht bewegt, betont der Trainer. Wild, Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer seien davon also ausgeschlossen. Dass aber ein Ausweichmanöver trotz Vollbremsung überhaupt funktioniert, ist dem Antiblockiersystem (ABS) des Autos zu verdanken. Es verhindert das Blockieren der Räder beim Bremsen. Ohne das ABS wäre das gleichzeitige Lenken und Bremsen nicht möglich.

Ich versuche mich noch einmal bei der Ausbruchssimulation. Diesmal fahre ich allerdings 30 Stundenkilometer statt den anfänglichen 36. Und tatsächlich klappt diesmal alles: Meine Lenkbewegungen sind schnell und präzise genug, um auf der Spur zu bleiben. Auch dem Hindernis vor mir muss ich nicht mehr ausweichen. Ich komme mit dem Auto genau davor zum Stehen.  Besser hätte es nicht laufen können.

Am Ende des etwa neunstündigen Fahrsicherheitstrainings bin ich merklich geschafft. Auf dem Heimweg fahre ich etwas langsamer als davor. In kurzer Zeit habe ich gelernt, wie entscheidend selbst kleine Geschwindigkeitsunterschiede sind. Trotzdem fühle ich mich sicher. Das Auto, so viel weiß ich jetzt, kann teils mehr, als ich ihm zutraue. Man darf sich selbst nur nicht überschätzen.

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