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Oldtimer
Der letzte DKW F9-Sportwagen in Chemnitz

Experiment geglückt! Frieder Bach im letzten und nagelneuen DKW F9-Sportwagen in Chemnitz. Bach hat das Fahrzeug, das ursprünglich im Jahre 1938 am Rennen Berlin-Rom teilnehmen sollte, nach einer Zeichnung von 1940 zum Leben erweckt.
Experiment geglückt! Frieder Bach im letzten und nagelneuen DKW F9-Sportwagen in Chemnitz. Bach hat das Fahrzeug, das ursprünglich im Jahre 1938 am Rennen Berlin-Rom teilnehmen sollte, nach einer Zeichnung von 1940 zum Leben erweckt. © Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Eberhard Görner / 26.07.2020, 04:30 Uhr
Chemnitz In der Idee leben heißt, das Unmögliche behandeln, als wenn es möglich wäre." Goethes Gedanken aus seinen "Maximen und Reflexionen" treffen auf Frieder Bach zu. Er ist ein ausgewiesener Kenner der sächsischen DKW- und Auto-Union-Geschichte.

Welcher Audi-Besitzer von heute weiß schon, dass die vier Ringe auf seinem Kühler die geniale Fusion von vier Autowerken Anfang der 1930er-Jahre repräsentieren: Audi & Horch in Zwickau, DKW in Chemnitz und Wanderer in Zschopau. Der Erfinder dieser Auto-Olympiade-Ringe war Carl Hahn, der Vater von Carl H. Hahn, welcher als Vorstandsvorsitzender von VW nach dem Zusammenbruch der DDR den Zwickauer VEB Sachsenring erfolgreich in das neue VW-Werk in Mosel bei Zwickau überführt hat. Dort ist man inzwischen führend innerhalb des VW-Konzerns im Bau von Elektroautos.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Autoindustrie der Bundesrepublik das Rennen gemacht: VW in Wolfsburg, Audi in Ingolstadt, Mercedes in Stuttgart, BMW in München. Aber ohne die visionären Vorleistungen der sächsischen Autobauer gäbe es das alles nicht. Um diese Geschichte dem Vergessen zu entreißen, hat Frieder Bach in den zurückliegenden 30 Jahren Sachsens Auto-Erinnerungskultur vorangetrieben.

In seinen zahlreichen Büchern lässt er die Atmosphäre einer Zeit entstehen, in der Enthusiasten mit handwerklicher Tradition eine völlig neue Technik entwickelten. Er erschließt das Netzwerk kleiner Familienbetriebe, die neben den großen Fahrzeugproduzenten Tradition und Erneuerung zu verbinden vermochten. Bei seinen jahrelangen Recherchen stieß er zufällig auch auf die Grob-Skizze eines Langstrecken-Sportwagens, der wegen des Zweiten Weltkrieges nicht gebaut werden durfte. Es ging um einen Rennwagen mit Alukarosserie. Der Konstrukteur Günther Mickwausch und seine Mitstreiter "folgten den konstruktiven Leitlinien des Leichtbaus und der strömungsgünstigen Karosseriegestaltung", erklärt Bach in seinem Beitrag "Kurze Beschreibung des weiten Weges zur Stromlinienkarosse".

Dieses Fahrzeug der Auto-Union war vorgesehen für eine Langstreckenfahrt von Berlin nach Rom, die 1938 infolge des deutschen Einmarsches in der Tschechoslowakei nicht gestartet wurde und im Folgejahr dem Beginn des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fiel. Bei Kriegsende waren die Stromlinienwagen nicht mehr existent. Bach schreibt: "So wie alle sportlichen Fahrzeuge des größten sächsischen Automobilherstellers im Krieg vernichtet wurden oder im Nebel der Nachkriegswirren verschwanden, gingen auch die Unterlagen verloren, bis auf die wichtigste der Zeichnungen, die zwischen Unterlagen über den serienmäßig letzten Frontantriebswagen der Auto Union Chemnitz als Kopie in vermutlich mehreren Exemplaren überlebte. Bei wiederholter Betrachtung der Konturen der Zeichnung verdichteten sich in mir immer mehr die Gedanken, welcher Weg praktikabel wäre, um dieses phantastische Fahrzeug, wie 1940 geplant, Realität werden zu lassen, denn diese Karosseriegestaltung hat auch knapp 80 Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Faszination verloren!"

Mit seinem Sohn nahm Bach das Experiment in Angriff, nach Fotos, Aktennotizen, Protokollen und Zeichnungen aus der Entstehungszeit den Dreizylinder-Wagen herzustellen als kompromisslos stromlinienförmigen zweisitzigen offenen Rennsportwagen mit allen wichtigen technischen Details. Er nahm Kontakt mit Fachleuten auf, um Fragen der Herstellung einer Karosse zu klären. Schnell wurde deutlich, eine private Realisierung des Projektes war utopisch. "Lösungen, die zunächst nicht sichtbar waren", erinnert sich Bach, "klären sich durch Zufälle. In einem Gespräch mit einem jungen Mann, anlässlich des Schulanfangs meiner Enkelin, stellte sich heraus, dass selbiger Mitarbeiter des Chemnitzer Frauenhofer-Institutes für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik ist und für ein neues Blechbearbeitungsverfahren ein Referenzobjekt mit komplizierter Formgebung suchte. Das Betrachten der F9-Sportwagen-Zeichnung am nächsten Tag ergab, dass er gefunden hatte, was er suchte. Die nächsten Schritte waren die Absegnung durch die Verantwortlichen des Institutes und die Umwandlung der Zeichnung  in eine Computerdarstellung zur Herstellung der Blechteile auf der vom Institut gebauten Blechbearbeitungsmaschinerie."

Das Experiment war erfolgreich. Am 19. Mai 2020 um 11 Uhr rollte der letzte Audi-Union Sportwagen aus Chemnitz mit Frieder Bach am Steuer ins Chemnitzer Stadtzentrum und von dort zum Sächsischen Fahrzeugmuseum.

Frieder Bachs Bücher

Im kleinen Mironde-Verlag in Niederfrohna bei Chemnitz erschien die dreibändige Reihe "Fahrzeugspuren in Chemnitz": Teil 1: Zur Historie des Chemnitzer Fahrzeugbaus, Teil 2: Fahrzeugschicksale und Teil 3: Motorsport 1900–1990 sowie  "Kenner fahren DKW: Prototypen-Weltrekordler-Seltenheiten 1918 bis 1950" und seine Hommage an den F9, "Der sächsische Konkurrent des ,Volkswagens’".

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