Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Computerspiele
Schaulaufen der Games-Branche in Poznan

Verkleidungen den Charakteren entsprechend sind in der Gamesbranche gang und gäbe.
Verkleidungen den Charakteren entsprechend sind in der Gamesbranche gang und gäbe. © Foto: Grupa MTP
Achim Fehrenbach / 22.10.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 22.10.2019, 08:21
Poznan (freier Autor) Auf dem Messegelände in Poznan herrscht großes Gewusel. Jugendliche tanzen gruppenweise zum Rhythmus von Musikspielen oder sitzen gebannt vor Computerbildschirmen. Am Messestand des futuristischen Spiels "Cyberpunk 2077" warten Fans geduldig auf die nächste Vorführung, gleich nebenan testen Besucher das Spiel "Bee Simulator", in dem sie Blütenstaub sammeln oder Futter suchen. Zwei Messehallen weiter kämpfen Esportler um Trophäen, während nebenan Cosplayer ihre selbstgefertigen Kostüme präsentieren. Die Atmosphäre ist laut, bunt und fröhlich.

Die Poznan Game Arena (PGA) ist eine der größten Computerspielmessen Europas. Rund 80.000 Spielefans kamen letzte Woche in die polnische Großstadt, um neue Techniktrends zu erleben, Games auszuprobieren und gemeinsam ihr Hobby zu feiern. Zugleich fand in Poznan auch die Game Industry Conference (GIC) statt, bei der mehrere tausend Spieleentwickler Vorträgen lauschten und Kontakte knüpfen. PGA und GIC bewiesen einmal mehr, dass die Computerspielbranche boomt: Für 2019 rechnen Marktanalysten der Firma Newzoo mit einem weltweiten Umsatz von rund 150 Milliarden US-Dollar. In Deutschland wuchs der Umsatz im ersten Halbjahr 2019 um 11 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro, meldet der Branchenverband Game. Allerdings werden nur noch rund 4,3 Prozent des Umsatzes mit Computerspielen gemacht, die in Deutschland produziert werden. Die polnische Games-Branche ist da durchaus dynamischer: Sie wächst nicht nur dank aufwendig produzierter Blockbuster wie "Cyberpunk 2077", "Dying Light 2" oder "Sniper: Ghost Warrior", die weltweit ein Millionenpublikum erreichen. Sondern auch, weil es in unserem Nachbarland immer mehr kleine und mittelgroße Studios gibt, die qualitativ hochwertige Spiele produzieren. Was mittelbar auch damit zu tun hat, dass Games in Polen ein besseres Image haben und stärker gefördert werden als in Deutschland. Schon als Barack Obama im Jahr 2011 den damaligen polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk besuchte, überreichte ihm dieser ein Exemplar von "The Witcher 2" – als Beispiel für die Kreativität des Landes.

Kontakte zwischen Deutschland und Polen

Die deutsche und die polnische Spielebranche sind allerdings mehr als nur Konkurrenten: Sie profitieren vom Austausch an Arbeitkräften und Ideen. "Berlin-Brandenburger Unternehmen schauen mit Interesse auf den Markt in Polen", sagt Irene Preuss, Leiterin von BerlinBalticNordic.net (BBN), einer Initiative von media:net, dem größten Netzwerk von Medien- und Digitalfirmen aus der Hauptstadtregion. Hervorgegangen ist BBN aus der Initiative "Berlin meets Poland", das ab 2014 Kontakte zwischen beiden Seiten knüpfte. Bei der Game Industry Conference in Poznan war media:net mit einem großen Stand vertreten – als Werbung für Spiele aus der Region, aber auch als Rekrutierungsplattform für internationale Fachkräfte. Zu den Berliner und Brandenburger Firmen vor Ort zählten unter anderem die Übersetzungsspezialisten von Altagram, das Mobile-Studio Kolibri Games sowie Honig Studios, die gerade das gewaltlose Schleichspiel "El Hijo" entwickeln.

Aus Frankfurt/Oder waren allerdings keine Studios vor Ort – was schlicht und einfach daran liegt, dass es in der Stadt derzeit keine entsprechenden Firmen gibt. Generell gebe es in Brandenburg derzeit nur wenige reine Spieleentwickler, sagt Maria Wagner, Leiterin des media:net-Ablegers games:net. "Das ist also ein zartes Pflänzchen, das sich entwickelt und unter anderem von games:net und der Wirtschaftsförderung Brandenburg unterstützt wird." Dass es in Frankfurt/Oder und Umgebung noch keine Spielestudios gibt, hat aus Sicht von Georg Stadtmann vor allem mit mangelnden Abstrahleffekten zu tun. "Es wäre schön, so etwas zu haben. Aber es muss ja von irgendwoher kommen", so Stadtmann, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Europa-Universität. "An der Viadrina gibt es Kulturwissenschaftler, Juristen und Betriebswirte, aber keine Informatik", erläutert Stadtmann. "Das heißt, in der Stadt fehlt das Know-how für die Spieleprogrammierung."

Erfolgreicher Esport

In seinen Seminaren beschäftigt sich Stadtmann unter anderem mit dem Phänomen Esport. Die Turniere und Ligen in Disziplinen wie "League of Legends", "Fifa" oder "Fortnite" gewinnen derzeit besonders rasant an Popularität. Bei der Poznan Game Arena feierte die polnische Esport-Liga ihr Saisondebüt, auch mehrere deutsche Fußball-Bundesligisten haben mittlerweile eigene Esport-Abteilungen. Mit seinen Studierenden untersucht Stadtmann beispielsweise das Geschäftsmuster von "Fortnite": Dessen Macher verdienen jedes Jahr Milliarden US-Dollar mit dem Verkauf sogenannter In-Game-Items, also etwa digitalen Uniformen. "Wir wollen also herausfinden, warum das Spiel so erfolgreich ist und ob man diese Muster und Geschäftspraktiken auch in anderen Branchen einsetzen kann", sagt Stadtmann. "Letztendlich geht es nicht nur um die Spieleindustrie, sondern auch darum, was wir von ihr für andere Branchen lernen können."

Dass Frankfurt/Oder eines Tages von der wachsenden Games-Industrie profitieren könnte, hält Stadtmann durchaus für möglich: "Falls wir das Fach Informatik an der Viadrina hätten, wäre das ein Anfang. Die Räumlichkeiten für Spielestudios sind in der Stadt jedenfalls vorhanden."

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG