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Alles muss aufgegessen werden

Darf auch heute bei keinem jüdischen Pessachfest fehlen – ein Opferlamm, das im Kreise der Familie nach der Schlachtung sofort verspeist werden muss, und zwar restlos
Darf auch heute bei keinem jüdischen Pessachfest fehlen – ein Opferlamm, das im Kreise der Familie nach der Schlachtung sofort verspeist werden muss, und zwar restlos © Foto: dpa
Christian Stiller / 31.03.2013, 08:36 Uhr - Aktualisiert 31.03.2013, 11:35
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ohne das jüdische Pessachfest ist Ostern für die Christen nicht möglich. Beide Feste sind die jeweils höchsten für die jeweiligen Religionen.

Es herrscht ein fürchterliches Gedränge in den Gassen und auf den Plätzen Jerusalems. Wer als Jude etwas auf seinen Glauben hält, darf jetzt an keinem anderen Ort sein. Auch Jesus hat sich mit seinen Jüngern aufgemacht. Und wenn man der Überlieferung in den Evangelien nach Matthäus und Johannes glauben darf, so müssen Jesus bereits Tausende seiner Anhänger erwartet haben, als dieser auf einem Esel in die Stadt hineinreitet. Wie ein König wird er mit Palmwedeln empfangen. "Es war zwei Tage vor dem Pascha und dem Fest der Ungesäuerten Brote", heißt es wiederum im Evangelium nach Markus über Jesu Ankunftszeit in Jerusalem.

Wie Ostern für die Christenheit weltweit das höchste Fest ist, so ist es das Pessachfest im Judentum - damals wie heute. Und somit sind ohne Pessach Ostern, aber auch der Abendmahlsritus nicht denkbar. Zusammen mit dem Wochenfest Schawuot und dem Laubhüttenfest Sukkot gehört Pessach zu den drei wichtigsten israelitischen Wallfahrtsfeiern. Aus der Umgebung, aber auch aus zahlreichen Diasporagemeinden in Ägypten, Kleinasien, dem Zweistromland sowie mittlerweile aus entlegenen Provinzen des Römischen Reiches pilgern gläubige Juden zum Jerusalemer Tempel. Eine gute Woche wird gefeiert - nach dem jüdischen Kalender vom 15. bis 22. Nisan.

Der Name leitet sich ab von dem hebräischen Wort pesach (aramäisch pas-cha/pascha), das mit "Vorübergehen", "Vorüberschreiten" oder "Auslassen" übersetzt wird. Das Fest erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten unter der Führung Moses, und damit an die Befreiung aus der Sklaverei. Erzählt wird diese Geschichte im zweiten Buch Mose, dem sogenannten Buch "Exodus". Danach weigerte sich der Pharao zunächst, die Israeliten ziehen zu lassen, worauf der jüdische Gott Jahwe sein Reich mit zehn Plagen überzieht.

Dabei ist die letzte Plage besonders grausam - ein blutiges Strafgericht Jahwes, vollstreckt an den Erstgeborenen von Mensch und Tier in ägyptischen Familien zu finsterer Nacht. Und damit sich Jahwes Todesengel in der Dunkelheit bei der Massakeraktion besser zurechtfinden können, erhalten die Israeliten den Auftrag, an jenem Abend ein männliches, einjähriges, und dazu noch fehlerloses Lamm zu schlachten. Zur Not geht auch ein junger Ziegenbock.

Damit ist es natürlich nicht getan. Die Tiere müssen auch sofort zubereitet und restlos verspeist werden - ein gesunder Appetit ist hier geradezu überlebenswichtig. Und damit auch wirklich nichts schiefgeht, müssen mit dem Blut der Tiere die Türpfosten bestrichen werden, damit die Todesengel eben auch wissen, an welchen Häusern sie "vorüberzugehen" haben - biblische Überlebensnavigation. Die Forschung erblickt im Bestreichen der Türpfosten mit Tierblut allerdings einen alten Schutzritus noch aus nomadischer Zeit, um Wüstendämonen fernzuhalten.

Die blutige Aktion schlägt voll durch - der Pharao gibt endlich grünes Licht. Wenn dieser Auszug tatsächlich stattgefunden hat, so wird er in der Forschung mittlerweile für den Zeitraum des 13. Jahrhunderts vor Christus verortet. Aufgeschrieben wurde er jedoch erst viele Jahrhunderte später, und zwar während der Zeit im babylonischen Exil (586 bis 539 vor Christus) - jene Zeit, in der das Alte Testament seine heutige Gestalt erhält als große Komposition aus Geschichtsschreibung, Legenden, prophetischen Texten, Stammesriten und Gesetzestexten.

Zum Pesachfest gehört außerdem der Verzehr ungesäuerter Brote, die sogenannten Mazzen - ein Brotritus, den die Forschung wiederum auf ein eigenständiges Erntefest zurückführt, und zwar auf ein Dankfest für Wintergetreide, bei dem das alte, zur Säuerung verwendete Saatgut vom neuen Getreide getrennt und bis zur Säuerung des ersten neuen Mehls nur ungesäuertes Brot gegessen wurde.

Vermutlich wurden beide Bräuche später zu einem Fest verbunden - nun mit jeweils neuer Bedeutung. So erklärt das Buch "Exodus" das Backen ungesäuerten Brotes nun mit der Zeitnot vor dem Aufbruch in Ägypten, während das Bestreichen der Türpfosten mit Blut an die Rettung vor Gottes Gericht und der gemeinsame Verzehr eines Tieres an die Stärkung vor dem Auszug erinnern soll. Und damit das bei der ganzen Völlerei auch nicht gänzlich aus dem Blick gerät, werden die Geschichten vom Auszug aus Ägypten während des gemeinsamen Mahls, das sogenannte Seder-Mahl am Vorabend des eigentlichen Pessachfestes, also dem 14. Nisan, vorgelesen.

Auch Jesus und seine Jünger wollen dieses Ereignis mit einem Mahl begehen. Als die Jünger von ihm wissen wollen, wo und wie er das Fest feiern will, instruiert der Meister sie: "Geht in die Stadt; dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm, bis er in ein Haus hineingeht; dann sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann? Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet ist. Dort bereitet alles für uns vor!" So steht es bei Markus. Schlemmen und auf Polstern gebettet - man lässt es gut gehen.

Doch es wird Jesu letztes Mahl sein. Der Verräter sitzt mit an der Tafel. Judas ist es, der ihn nach dem Mahl an die Häscher der Hohenpriester ausliefert. Ihn am hellichten Tage verhaften zu lassen, hatten sie sich nicht getraut. Zu groß war die Gefahr, dass es zu einem offenen Aufruhr kommen könnte. Zu groß anscheinend schon die Zahl von Jesu Anhänger, die sich ebenfalls in Jerusalem aufhielten. Überhaupt war die Stimmung politisch aufgeheizt. Täglich wurde ein Messias erwartet, ein Befreier des Volkes Israel - in diesem Falle von den römischen Besatzern.

All das wird das christliche Osterfest mit prägen. So leitet sich beispielsweise das christologische Bild des Osterlammes für Jesu Kreuzestod, von jenen Opferlämmern ab, die im jüdischen Tempel zu Pessach geopfert wurden. Auch hat das frühchristliche Abendmahl Elemente des familiären jüdischen Seder-Mahls mit seinen Deute- und Einsetzungsworten zu den Speisen, mit dem Segensbecher, aus dem alle trinken, und mit dem Dankgebet übernommen. Auch ist die Befreiungsbotschaft von Pessach mit in das Osterfest eingegangen - hier als Sieg über den Tod durch Christi Auferstehung. Nur die Polstermöbel haben es leider bis heute in keine christliche Kirche geschafft.

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