Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Warmes Butterfett statt Kaffee

Marion Voigt / 26.01.2014, 17:52 Uhr - Aktualisiert 28.01.2014, 18:00
Zinnowitz (MOZ) Eine Frau hält sich die Nase mit den Fingern zu und nippt mit sichtbarem Ekel an einem Glas mit einer gelblichen Flüssigkeit. Ein Mann im Service-Outfit ermuntert sie, alles schnell auszutrinken und reicht ihr einen Teller mit einem Stück Ingwer sowie Kardamomkörnern. Das Kauen der Gewürze soll den Magen beruhigen.

Eine Szene, wie sie sich mit wechselnden Akteuren jeden Morgen in vielen Ayurveda-Zentren abspielt: Gäste, die sich einer sogenannten Panchakarmakur unterziehen, bekommen anstelle des Frühstücks das obligatorische Ghee - reines Butterfett - verabreicht. Mit ihm sollen im Körper Ablagerungen und Schadstoffe bis in die Fettschicht hinein gelöst werden.

Panchakarma (zu deutsch "fünf Behandlungen") zählt zu den intensivsten und wirksamsten Behandlungsmethoden im Ayurveda. In Indien kurieren ayurvedische Ärzte damit Patienten, die an langwierigen Krankheiten und Erschöpfungszuständen leiden. Und das mit Erfolg: Magen- und Darmbeschwerden, Herz-Kreislaufkrankheiten, Gelenk- und Muskelleiden oder Hautprobleme sprechen auf die "fünf Behandlungen" - therapeutisch induziertes Erbrechen, Abführen, Darmeinläufe in unterschiedlicher Zusammensetzung, Nasenspülungen, Aderlass - bestens an.

Seit den 1990er-Jahren haben sich die Erfolge ayurvedischer Therapien auch in Deutschland herumgesprochen. Wer seine Zipperlein auf diese Weise behandeln lassen möchte, muss längst nicht mehr nach Indien reisen. Deutschlandweit kann er zwischen mehreren ayurvedischen Einrichtungen auswählen. Lange Flugzeiten, Staus und die oft nicht unproblematische Klimanpassung bleiben einem erspart. Dafür muss allerdings auf exotisches Flair, authentische Kurorte und neue Eindrücke verzichtet werden.

Der Begriff Ayurveda kommt aus dem Sanskrit. Die gebräuchliste deutsche Übersetzung ist "die Wissenschaft vom Leben". Der Ayurveda hat sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden entwickelt. Erkenntnisse und Lehrsätze wurden von Generation zu Generation, von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Seit mehr als 2000Jahren gibt es auch Aufzeichnungen davon.

Die indische "Wissenschaft vom Leben" betrachtet Körper, Geist und Seele als ganzheitliches System. Die Doshas, vergleichbar mit Steuerelementen, befinden sich im ausgeglichenen Zustand - oder wie der Ayurveda-Mediziner sagt: im konstitutionellen Gleichgewicht. Verschiebungen hingegen können zu Krankheiten führen. Die (Heil-)Kunst besteht nun darin, die ursprüngliche Balance wieder herzustellen. Dann regulieren sich die Störungen von selbst. Manchmal reichen schon sanfte Therapien wie eine Ernährungsumstellung. Doch bei hartnäckigen Störungen wird der Heilungsprozess oft erst mit Panchakarma, dem Set aus fünf Behandlungen, in Gang gesetzt.

"Es ist erstaunlich, was so ein bisschen Fett alles bewirken kann", erklärt Ananda Samir Chopra, Leitender Arzt der Ayurveda-Klinik in der Habichtswaldklinik Kassel, warum dabei das Ölen und Fetten - unter anderem durch das Trinken von Ghee - ein so große Rolle spielt. "Die einen fühlen sich in dieser Phase schlapp und klagen über Kopfschmerzen. Andere werden hellwach und können nicht mehr schlafen."

Man solle es einfach zulassen, wendet sich Chopra so in der Visite an einen seiner Patienten, der seit der Ghee-Einnahme über Nacken- und Rückenschmerzen klagt. In einer halben Stunde wird er eine Shiro'bhyanga bekommen, eine Kopfmassage mit Öl, die die Beschwerden lindern soll.

Die ersten Tage der Panchakarmakur sind die wohl schwersten.Die Diät mit Ghee und reiner Gemüsebrühe zum Lösen der Schlacken empfinden die meisten Patienten schlimmer als das anschließende Ausleiten. Dieses wird mit einem Abführtag begonnen, wofür gern Rizinusöl verabreicht wird. Dann folgen Einläufe mit wässrigen Kräuterauszügen und Öl. Die einen leiten ebenfalls Schlacken aus. Die anderen hingegen nähren und stärken den Darm. "Die Prozedur lässt sich mit einem Stück Holz vergleichen. Ist es trocken und wird bearbeitet, kann es schnell brechen. Ist es geölt, werden die Fasern geschmeidig", erklärt Chopra. "Panchakarma ist eine sehr tiefgreifende Therapie. Sie wirkt nicht nur auf körperlicher, sondern auch seelisch-geistiger Ebene und setzt nachhaltige Harmonisierungsprozesse in Gang."

An der Kasseler Klinik wird der klassische Ayurveda in indischer Tradition praktiziert und keine Wellness mit exotischem Flair, wie es in vielen anderen Ayurveda-Einrichtungen in Deutschland immer noch weit verbreitet ist. Das Zentrum ist das einzige in Deutschland, das als selbstständige Einheit in einen Klinikbetrieb integriert ist. Gleichwohl fehlt es den Patienten nicht an Behaglichkeit und Komfort. Auch auf so populäre Anwendungen wie Ölstirnguss oder Königsbad müssen sie nicht verzichten. Anstrengend bleibt die Behandlung dennoch und erinnert mehr an Tortur statt Kur.

Traditionelles Panchakarma, wie es in Indien noch heute praktiziert wird, zieht sich über mindestens vier Wochen hin. Ganz so lang müssen es Kurpatienten in Deutschland aber nicht aushalten. Mindestens zwei Wochen sollten es Chopra zufolge jedoch schon sein.

Eine Woche Ayurveda kostet hierzulande je nach Anbieter zwischen 1000 und 2000 Euro und mehr. Die sehr personalintensiven Behandlungen und nicht zuletzt das Image exklusiver Wellness treiben die Kosten in die Höhe. Ayurveda-Behandlungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht erstattet. "Unsere Patienten sind bereit sein, etwas für ihre Gesundheit zu tun", sagt Chopra. "Angefangen von der Umstellung der Ernährung bis hin zur Neustrukturierung des Tagesablaufs." In manchen Zentren bekommen sie dafür das Handwerkszeug gleich mit: Yoga, Meditation oder auch ayurvedische Kochkurse.

Der Patient in der Kasseler Klinik ist mittlerweile von seiner Massage zurückgekehrt und sitzt mit anderen Kurgästen in der Teestube. Er spüre jetzt eine faszinierende Leichtigkeit im Kopf und sei gelassen, wie lange nicht mehr, erzählt er. Eine Frau berichtet, dass sich inzwischen auch besser fühle. "Gestern habe ich mich aber ernsthaft gefragt, warum ich mir das alles antue. Strenge Diät, kein Kaffee, keine Musik - und das im Urlaub." Ananda Samir Chopra, der den Raum gerade betritt, lächelt: "Warten Sie es ab. Panchakarma braucht Zeit, um die volle Wirkung zu entfalten. Lassen Sie sich überraschen!"

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG