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Die Magie der Motus
Mit Kreuzfahrt auf Expedition in der Südsee

Begrüßungszeremonie auf der kleinen Insel Kioa auf Fidschi – die Bewohner sind Klimaflüchtlinge von Tuvalu.
Begrüßungszeremonie auf der kleinen Insel Kioa auf Fidschi – die Bewohner sind Klimaflüchtlinge von Tuvalu. © Foto: dpa/Philipp Laage
dpa / 22.01.2019, 17:29 Uhr - Aktualisiert 23.01.2019, 11:33
Mata-Utu (dpa) Auf den letzten Meilen nach Mata-Utu, Hauptstadt des Königreichs Uvea und ein Teil des französischen Überseegebiets Wallis und Futuna, wird es nautisch heikel. „Die Seekarten im ganzen Riff sind nicht exakt“, sagt Kapitän Axel Engeldrum. Die Riffe seien zwar eingezeichnet, aber sie ragten weiter in die Fahrrinne hinein als dargestellt. „Untiefen in der Passage sind gar nicht markiert.“ Daher ist ein lokaler Lotse an Bord. Manövrieren auf Sicht, mit Tageslicht.

Ein großes Kreuzfahrtschiff kann Wallis nicht erreichen. Doch die Urlauber sind unterwegs auf der „Bremen“, einem Schiff der Reederei Hapag-Lloyd Cruises mit Platz für nur 155 zahlende Gäste. Sie nehmen teil an einer Expeditionskreuzfahrt durch den Südpazifik: 17 Tage ostwärts, von Fidschi über Wallis und Futuna, Samoa und die Cookinseln nach Französisch-Polynesien.

Expeditionsleiter Ole Stapelfeld macht die Passagiere am ersten Reisetag mit dem Fahrgebiet vertraut. „Die Menschen im Pazifik sind offenherzig“, sagt er. Es gebe eine „positive Distanzlosigkeit“, man begegne sich direkt, ohne Statusfragen nach dem Job. „Genießen Sie es, einfach mal Mensch sein zu dürfen“, rät Stapelfeld den Gästen.

Stapelfeld weiß um das Klischeebild der Südsee. „Man muss es auch ein-, zweimal erfüllen.“ Man brauche den typischen Strand und polynesische Tänze. „Aber ich möchte auch die Realität zeigen.“ Man weise die Gäste auf Probleme hin: etwa Kulturverlust durch die christliche Missionierung, Überfischung und Umweltverschmutzung. Man könne nicht so tun, als sei das hier ein konfliktfreier Raum.

Der Auftakt der Kreuzfahrt liefert tatsächlich erst einmal keine Postkartenmotive. Morgens ein Badestopp an einem Hotelstrand von Fidschis Hauptinsel Viti Levu – das Meer liegt grau unter Wolken. Suva am Nachmittag – eine Verwaltungsstadt. Die Wanderung zu den Bouma-Wasserfällen auf Taveuni am Folgetag führt durch üppige Vegetation – aber wo sind die satten Bonbonfarben?

Tag drei bringt dann die erwarteten Tänze, sensibilisiert aber auch für die großen Problemlagen. Auf der Insel Kioa nehmen die Gäste an einer Zeremonie teil. Die Einheimischen – rund 65 Familien - sind Klimaflüchtlinge, deren Vorfahren die Insel einst kauften. Ihre Heimat Tuvalu geht wegen des steigenden Meeresspiegels langsam unter.

Der Dorfälteste führt die Besucher ins Gemeindehaus, dort setzen sich alle auf den Boden. Jeder bekommt Blumenschmuck. Trommeln setzen ein, Videokameras werden ausgerichtet, die Tänze beginnen. Gut eine Stunde dauert die Zeremonie, danach ist Zeit für Gespräche. Am Nachmittag gibt es auf der Nachbarinsel Rabi einen weiteren Dorfbesuch mit Begrüßungsritual. „Da haben wir die Kultur hautnah erlebt“, sagt der Kapitän später. Als individueller Tourist bekomme man das ja gar nicht zu sehen. „Das hat mich auch stolz gemacht.“

Bevor es nach Wallis mit der delikaten Riffpassage geht, läuft das Kreuzfahrtschiff Futuna und das kleine, unbewohnte Eiland Alofi als weiteren Badestopp an. Der Sandstrand ist fast blütenweiß. Allein der schwarze Rauch aus dem Schlot der „Bremen“ in einiger Entfernung zur Küste wirkt etwas verstörend. Das Schiff fährt in der Südsee mit dem umweltschädlichen Schweröl. Ab Juli 2020 will die Reederei auf Expeditionsfahrten nur noch schadstoffärmeres Marine Gasöl einsetzen.

Ankunft auf Wallis. Es geht zu einer Festungsruine und zu einem mit Wasser gefüllten Krater. Die Lava ist hier einst aus dem Schildvulkan abgeflossen, der Vulkan abgesunken und erkaltet, Meer- und Süßwasser strömten in den Krater. Der Lalolalo-See könnte gut als Kulisse für einen Dinosaurierfilm herhalten, läge Wallis bloß nicht so abgelegen. Ein Schiff mit Touristen kommt hier etwa viermal im Jahr vorbei.

Die Passagiere der „Bremen“ genießen das Privileg, an Orte zu kommen, die kaum ein Tourist je zu Gesicht bekommt. Viele Anlandungen sind nur per Zodiac-Schlauchboot möglich. Der Tagesplan kann sich ändern, wenn das Wetter nicht mitspielt. Einmal sind die Wellen bei der Rückfahrt zum Schiff so hoch, dass die Crew erleichtert ist, als alle Gäste wohlbehalten an Bord sind.

„Seien Sie vorbereitet auf Spritzwasser, Regen, Wind und Sonne – Sie sind auf Expedition“, hat Ole Stapelfeld den Gästen mitgegeben. Der Satz verdeutlicht aber auch, dass diese Seereise natürlich keine Expedition im eigentlichen Sinne ist, schon gar nicht vergleichbar mit den Fahrten eines James Cook. Alle Entscheidungen werden den Gästen abgenommen, körperliche Entbehrungen halten sich doch stark in Grenzen. „Ich würde es eher kontrolliertes Abenteuer nennen“, sagt Stapelfeld im persönlichen Gespräch. Seine Aufgabe sei es, ein Abenteuer-Gefühl zu vermitteln, ohne dass es ein Sicherheitsrisiko gibt. Der Unterschied zur konventionellen Kreuzfahrt besteht darin, dass den Erlebnissen an Land ein größerer Stellenwert eingeräumt wird als dem Bordleben.

Auf Samoa steuert die „Bremen“ die zwei Hauptinseln an: Upolu mit der Hauptstadt Apia und Savai’i. Auf Ausflügen lernen die Passagiere das komplexe Matai-Herrschaftssystem kennen und spazieren über das erkaltete Lavafeld, das der Vulkan Matavanu 1905 geschaffen hat.

Nach dem eng getakteten Programm der vorangegangenen Tage haben die Urlauber auf zwei Seetagen nun Zeit zu entspannen. Auf den mehr als 900 Meilen nach Rarotonga überquert die „Bremen“ die Datumsgrenze, sodass der Mittwoch auf See gleich zweimal stattfindet. Die Frage, warum das so sein muss, sorgt an Bord tagelang für Diskussionen.

Manche Passagiere waren schon 20 Mal auf der „Bremen“. Man kennt sich teilweise von früheren Reisen. Die Klientel ist betagt, gebildet und aufgrund des hohen Reisepreises relativ wohlhabend. Sie legt Wert auf einen gepflegten Umgang, will aber keine steife Etikette. Krawatten sieht man nur zum Kapitänsdinner. Dass es an Bord praktisch keine Unterhaltung gibt bis auf die Lektorenvorträge, ein Pooldeck-Barbecue und den abendlichen Klavierspieler, stört niemanden.

Je weiter das Schiff nach Osten fährt, desto touristischer werden die Inseln - und umso reizender die Südsee-Bilder. Die Muri-Lagune auf Rarotonga ist schon ein Hingucker. Doch erst am Folgetag auf Aitutaki ist die Kulisse perfekt: Das Atoll ist von einem Barriereriff mit mehreren Motus umgeben - das sind kleine Inseln mit weißem Sand und Palmen, die entweder vulkanischen Ursprungs sind oder auf den Korallen wachsen. Wenn die Sonne scheint, strahlt die Lagune innerhalb des Riffs kilometerweit in einem betörenden Türkis.

Ausflugsziel des Tages ist One Foot Island. Auf dem Weg dorthin lassen sich beim Schnorcheln bunte Riesenmuscheln beobachten, auch eine Muräne zeigt sich. Doch der Höhepunkt der Kreuzfahrt folgt für viele erst: die Gesellschaftsinseln in Französisch-Polynesien, Raiatea, Moorea – und Bora Bora. Auf einem Bootsausflug schnorcheln die Urlauber mit Stachelrochen, beim Mittagessen auf einem der Motus sitzen sie an Tischen im Meer, sodass die Füße von Fischen umschwärmt werden. Die Farben sind so intensiv, dass die in der Luft schwebende Möwe durch die Reflexion des Wassers von unten türkis leuchtet.

Hier auf Bora Bora, ganz am Ende der Reise, verwirklicht sich endgültig das Südsee-Klischee, jedenfalls landschaftlich. Stapelfeld, der während der Kreuzfahrt versucht, ein möglichst differenziertes Bild des Reiseziels zu vermitteln, gibt zu, dass auch er gerne an einem Traumstrand liege und „Wow“ sage. „Ich glaube, da haben wir alle eine Sehnsucht nach.“

Kreuzfahrt in der Südsee

Reiseziel: Die Südsee umfasst geografisch den südlichen Pazifik vom Äquator bis zum 60. Breitengrad. Kulturell gliedert sich die Südsee in Melanesien, Mikronesien und Polynesien, das im Osten bis zur Osterinsel und im Norden bis nach Hawaii reicht.

Kreuzfahrten: Anbieter von Expeditionskreuzfahrten wie Hapag-Lloyd Cruises und Ponant, aber auch andere deutsche und amerikanische Reedereien fahren durch die Südsee. Je größer das Schiff, desto weniger Ziele können angelaufen werden.

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