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Raus in den Garten
Großes Abenteuer

Für jedes Alter ist eine passende Aufgabe dabei: Carsten Marquardt mit seinen Söhnen Luca und Louis; auch bei Nachbar Tarik Canverdi gibt es was zu tun im Herrenberger Kleingartengebiet.
Für jedes Alter ist eine passende Aufgabe dabei: Carsten Marquardt mit seinen Söhnen Luca und Louis; auch bei Nachbar Tarik Canverdi gibt es was zu tun im Herrenberger Kleingartengebiet. © Foto: Ferdinando Iannone
Barbara Wollny / 08.04.2019, 21:00 Uhr
Ulm (MOZ) Ohne Kinder hätten wir den Garten nicht", ist sich Carsten Marquardt sicher. Zusammen mit seiner Frau Katrin hat der Anlagenbauer und Flaschner vor drei Jahren im Holdergraben einen Kleingarten der Stadt Herrenberg gepachtet – und verbringt seitdem alle schönen Tage draußen im Grünen.

Die Söhne Luca mit sieben und Louis mit vier Jahren sind mit kleinen Hacken, Spaten, Rechen und Schubkarre ausgestattet und gern dabei – wenn auch meist nur kurzfristig –, wenn der Papa die Beete bestellt. Ansonsten toben sie durch das Gelände und genießen das ungezwungene Leben im Freien. Ben, mit elf Monaten der jüngste, sitzt im Gras vor dem akkurat für die Einsaat vorbereiteten Beet und steckt sich Erde in den Mund. Das nimmt niemand tragisch, auch nicht Großeltern und Urgroßmutter, die heute dabei sind. "Wir haben einen Vier-Generationengarten", stellt Katrin Marquardt zufrieden fest, die gleich am Morgen mit ihren Söhnen per Fahrrad vom nahen Wohnort Kuppingen hergeradelt ist. "Für jedes Alter gibt es hier passende Aufgaben."

Eine Kleingartenanlage als Ersatz für verlorene Kinderparadiese? Die Zeiten, in denen man den Nachwuchs unbesorgt auf die Straße zum Spielen schicken konnte, sind, allein wegen des Verkehrs, vielerorts vorbei. Im Holdergraben aber, in dem sich an einem langgezogenen Südhang 77 Kleingärten – nur durch Graswege getrennt – aneinanderreihen, können sich schon die Kleinsten frei bewegen. Und dabei Regenwürmer finden, Gänseblümchen pflücken, sich eine Wasserschlacht liefern und ihre eigenen Abenteuer erleben.

Den Nebengarten bewirtschaftet Tarik Canverdi, erster Vorsitzender der Gartenfreunde Herrenberg, im Hauptberuf tätig bei Daimler. Auch er wollte eigentlich keinen Garten. Doch seine Frau setzte sich durch. "Jetzt ist das Geschäft an mir hängengeblieben", sagt er, der das Werkeln auf der Parzelle längst als entspannenden Ausgleich zur anstrengenden Schichtarbeit empfindet. Die drei Töchter im Alter von zwölf, elf und sechs Jahren haben sich durch die selbst geernteten Früchte zu anspruchsvollen Essern entwickelt. "Tomaten aus dem Supermarkt will keine mehr. Alle haben schnell gemerkt, wie gut das eigene Obst und Gemüse schmeckt", erzählt Canverdi.

Doch Kinder werden größer. "Meine Töchter kommen jetzt in das Alter, in dem sie keine Lust mehr haben, mit in den Garten zu kommen. Das ist auch mal okay." Auf gemeinsame Zeiten draußen besteht der Vater aber weiterhin. "Kinder sitzen heute meistens mit Handy und TV drinnen im Haus. Wenn ich könnte, würde ich auch hier im Holdergraben ein Funkloch einrichten, damit kein Handy funktioniert." Noch vor drei Jahren habe es fast keine Kinder in der Anlage gegeben. "Jetzt haben wir sogar einen Spielplatz, und es gibt immer mehr Familien als Pächter".

Das ist nicht nur in Herrenberg so. "Im Kleingartenwesen findet ein Wandel statt. Vor allem im städtischen Raum zählen junge Familien zu den wichtigsten Nachfragegruppen. Ihr Anteil hat sich in 70 Prozent der Vereine in den letzten fünf Jahren erhöht", sagt Thomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde.

Wenn heute Eltern die positive Wirkung des gemeinsamen Gärtnerns mit ihren Kindern spüren, beleben sie pädagogische Traditionen, die lange Zeit auch in den Schulen einen wichtigen Platz einnahmen. 40 bis 50 Prozent der württembergischen Schulen besitzen auch heute noch einen mehr oder weniger intakten Schulgarten. "Außer im Thüringer Lehrplan für Grundschulen steht heute aber Schulgartenunterricht in keinem Bildungsplan der deutschen Bundesländer", sagt Christian Puschner, Bio- und Geographielehrer. In seiner Funktion als Schulgartenbeauftragter der Baden-Württembergischen Gartenfreunde ist er dennoch sehr gefragt. "Eltern und Lehrer finden Schulgärten wichtig. Hier könnten alle Inhalte der Bildungspläne umgesetzt werden, von der nachhaltigen Entwicklung bis zur Gesundheitsförderung." Doch es brauche engagierte Schulleiter und Pädagogen, die zusätzlich zum Unterrichtspensum ehrenamtlich den Schulgarten beackern und Schülern ein Anbot in Form von freiwilligen Arbeitsgemeinschaften machen, sagt Puschner.

Ein ganzes Jahr Pflege nötig

Ein Garten braucht das ganze Jahr über Pflege. In Montessori- und Waldorfschulen ist Gartenunterricht noch Bestandteil des Schulalltags. Bis zu 60 Stunden pro Woche hat der ehemalige Gartenbaulehrer Christoph Kaiser im Schulgarten der Tübinger Waldorfschule gearbeitet. Von der 6. bis zur 10. Klasse steht Gartenbau im Unterrichtsplan. "Das ist die Zeit der Pubertät. Die Jahreszeiten bringen immer wieder ähnliche Arbeiten. Das stärkt die soziale Kompetenz", sagt Kaiser. "Wenn mich heute Ex-Schüler besuchen, höre ich immer wieder: Wie schön war die Zeit im Garten."

Mein erstes Beet

Schnell wachsende Pflanzen wie Kapuzinerkresse, Erbsen, Radieschen oder Babyspinat sind ideal für Kinderbeete. Hier sieht man rasch, dass etwas wächst.

Auch ohne eigenen Garten können Kinder pflanzen, pflegen und ernten. Aus alten Töpfen, Körben oder Gemüsesteigen lassen sich Pflanzgefäße improvisieren. Kartoffeln gedeihen prächtig in alten Jutesäcken, Kresse wächst auch auf einem mit Watte ausgelegtem Teller. Bienenfreundliche Blüten locken Insekten in den Garten und auf den Balkon.

Im Buchhandel finden sich viele Ratgeber für Eltern, die mit ihren Kindern ihre grüne Seite entdecken möchten.

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