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Reisebericht
Von Casa zu Casa

Jan Henrik Hnida / 02.08.2019, 14:42 Uhr
Havanna Anschnallen ist keine Pflicht", informiert Pedro, der Taxifahrer auf der Fahrt nach Havanna. Und es ist auch unmöglich für uns drei, da es einfach keine Anschnallgurte gibt. Am allerwenigsten auf den Rücksitzen in Pedros hellblauem Cadillac. Der alte Straßenkreuzer ist Baujahr 1945. Fast täglich schraube und repariere er in seiner Garage, so der Taxifahrer. Vor uns fährt ein dermaßen kaputtes Gefährt, dass wir vor lauter rußigen Abgasen fast nichts mehr sehen. Während Pedro mal auf die Gegenspur, mal auf den Seitenstreifen fährt, um, ähnlich dem kubanischen Salsa, den riesigen Schlaglöchern auszuweichen. Gierig kreisen in luftiger Höhe Truthahngeier.

Alte, baufällige Kolonialbauten. Bunte Fassaden. Hitze. Fast keine Ampeln. Das ist mein erster Eindruck von Havanna. Gerade feiert "Die Schöne" ihr 500-jähriges Jubiläum. Die meisten der gut zwei Millionen Einwohner scheinen das noch nicht mitbekommen zu haben. Hier läuft eben alles ein wenig langsamer. Im Stadtteil Vedado steigen wir vor der Wohnung von Sonja aus. Auf Kuba ist es gang und gäbe, in privaten Pensionen zu übernachten – "casa partikular" genannt. Meistens kosten sie zwischen 25 und 30 CUC (Cuban Convertible Peso) für eine Nacht pro Person. In Euro ist es fast derselbe Preis. Um flexibel zu sein, hat unsere Dreier-Gruppe nur die ersten drei Übernachtungen gebucht. Danach fahren wir von Casa zu Casa und schauen, wo es uns gefällt.

Unsere zweite Bleibe gehört Sonja Gonzales, der sympathischen Schwester von Camillo, unserem ersten Pensions-Papa aus Varadero. In der als "Hotel-Hochburg" verschrienen Stadt haben wir vergnügliche erste drei Tage, in denen wir alles an einem Fleck hatten. Traumhaft weiße Strände mit klarem Wasser, Cafés und Restaurants. Ohne im übertriebenen Maße touristisch zu sein. In Havanna begrüßt uns also Sonja vor ihrem typisch kubanischen Haus: Kolonialistische Architektur mit knallig bunten Farben. Sonjas ist hellblau angestrichen. Im ersten Stock stand in ihrem Wohnzimmer der ebenfalls typische Schaukelstuhl aus dunklem Holz. Bei einem Tässchen Mokka gibt sie uns einige Ausflugs-Tipps. Sonja kennt Havanna wie ihre Westentasche, da sie hier bereits Ökonomie studierte und später mit ihrem Mann in der Finanzbranche tätig war. Auf Fotos ist sie in damals sozialistischen Partnerstädten wie Berlin und Moskau zu sehen. Was Fidel Castro und Che Guevara mit der kubanischen Revolution alles erreicht haben, beurteilt sie zwiespältig. "Nicht alles war gut", meint Sonja. Hätten Castro und Guevara die kubanische Bevölkerung am Anfang noch mit niedrigen Mieten und Lohnsteigerungen für sich gewinnen können, so meint Sonja, dass sich später die Revolutionäre mit Ches Forderungen nach einer geldlosen Gesellschaft und einer fundamentalen Kritik an der Sowjetunion vollends ins Abseits katapultierten hätten.

Straßenschiffe sind auch auf den Straßen Vedados unterwegs. Menschen stehen in Schlangen an, um eine der zwei Sorten Eis zu ergattern. Oder um noch schnell vor der Siesta Brot und Milch aus dem Supermarkt zu ergattern. Denn oft sind die Regale halb leer. Vom Einkaufserlebnis, wie wir es aus Deutschland gewohnt sind – Warenpräsentation und üppige Auswahl – keine Spur. Eher schauen einen langweilige Konservendosen und abgepackte, lieblos verzierte Nudel- und Oliventüten an – jeweils eine Sorte. Frisches Obst und Gemüse gibt es auf dem Markt. Meistens finden sich frische Mangos, Papaya, Ananas und Guave auf dem Frühstücksteller wieder.

Für Sightseeing braucht es in Havanna Zeit, da Sehenswürdigkeiten wie das Hotel National, der Stadtteil Casablanca – mit alten Kähnen zu erreichen – oder die trubelige Altstadt weit auseinander liegen. Abends geht es ins "La Paris" zum Schwarze-Bohnen-mit-Reis-essen und Daiquiri trinken. Dieser Sour aus weißem, kubanischem Rum, frisch gepresstem Limettensaft und Rohr-Zuckersirup ist neben dem Mojito geradezu ein Nationalgetränk. Durstige bekommen es zu jeder Tageszeit. Später geht es in die "Casa de la Musika", in den Stadtteil Miramar. In dem schummrigen Musikladen präsentieren die besten Salsa-Tänzer und Musiker ihr Können. Eine der Tänzerinnen scheint keine Lendenwirbel zu haben – so ausgeprägt ist ihr Hüftschwung.

Nach zwei Tagen geht‘s raus aus der stickigen Hauptstadt. Mit Mietauto sowie der Offline-App "maps.me" sind wir gut für die Schlagloch-Straßen und Schotterpisten gerüstet. Wlan gibt es nur punktuell auf Kuba. Meistens in großen Hotels oder Bars, wo man sich zuvor eine Karte des staatlichen Mobilfunkanbieters Etecsa kaufen und Benutzername und Passwort frei rubbeln muss. Dann darf eine Stunde hemmungslos gesurft werden. Das mobile Internet läuft auf den Smartphones mehr schlecht als recht.

Die Ökomodellsiedlung Las Terrazas liegt im dichtbewachsenen Wald, auf den Hügeln der Gebirgskette Sierra del Rosario. Die landwirtschaftliche Kooperative wurde bereits 1971 gegründet. Verlassene Kaffeeplantagen, kleine Bauernhäuser, Seen, plätschernde Wasserfälle und Quellen – und eine Seilbahn. Auf ihr Rasen wir durch Bäume und über Seen. Die Bremse? Ein großer Handschuh und ein alter Lederlappen, den man ans Drahtseil hält. Während wir im Hotel "Moca" auf den Automechaniker warten, wegen einer kleinen Panne, bewundern wir mitten in der Lobby den gigantischen Johannisbrotbaum. Seine Äste ragen durch das Dach bis in den Himmel.

Auch andernorts ist Kubas Natur beeindruckend. Unberührte Korallenriffe und Fische in allen Formen und Farben sehen wir in der Schweinebucht, wo vor 58 Jahren die Invasion der Amerikaner erfolgreich abgewehrt wurde. In Playa Larga schlafen wir direkt am Strand. Herrlich, wenn man im Bett das Meer rauschen hört. Am nächsten Morgen beobachten wir mit einem örtlichen Ornithologen Vögel wie den Tocororo. Sein Gefieder zieren die Farben der Nationalflagge: Rot, Blau und Weiß. Dazu gesellen sich blitzschnelle Kolibris, schreckhafte Eulen und vorwitzige Spechte.

Weiter geht es nach Trinidad. Das uralte Kopfsteinpflaster wird in den engen Gassen nicht von Autoreifen, sondern Schuhsohlen abgenutzt. Die vielen kleinen Cafés  und Marktstände atmen südliches Flair.  "Hallo. Wie geht’s?", begrüßt uns José auf Deutsch. Geschickt dreht er die braunen Tabakblätter zu einer Zigarre zusammen. Vier Jahre lang lebte er in den 80er-Jahren in Ostdeutschland. Zum Abschied drückt mir José ein echtes Tabakblatt in die Hand. Es duftet rauchig.

Bevor unsere Rundreise in Varadero endet, machen wir noch einen Abstecher nach Cayo Coco, wo zwei der schönsten Strände Kubas auf uns warten. Am Ende haben wir die dortige Moskito-Plage und die Ratten und Frösche im Zimmer wieder vergessen. Adios, Kuba!

Service

Anreise: Von Berlin-Tegel startend, ist man mit Air France nach 13:40 Stunden in Kuba; Zwischenstopp in Paris. Die Flugzeuge landen auf dem 15 km südlich von Havanna gelegenen Hauptstadtflughafen. Wer eine Rundreise plant, kann dort einen Mietwagen abholen. Zwischen dem größten Flughafen von Kuba und Havanna besteht keine Zugverbindung und wer nicht selbst fahren möchte, nimmt ein Taxi oder Shuttleservice des gebuchten Hotels.

Reisezeit: Ein Badeurlaub auf Kuba ist das ganze Jahr über möglich, die niedrigste Wassertemperatur herrscht im Februar mit 24 Grad. Trockener als den Rest des Jahres ist es von November bis April, dann ist es allerdings auch entsprechend voll und die Hotels sind am teuersten. Von Juli bis November ist Hurrikan-Saison. Badeurlauber liegen gerne in Varadero am Strand und Kulturtouristen reisen gerne nach Havanna – mit kolonialem Charme.

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