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Lateinamerika
Kaffee, Maya und ein schlafender Gigant in El Salvador

dpa / 09.10.2019, 16:02 Uhr - Aktualisiert 09.10.2019, 16:24
Ataco (dpa) Héctor Aguirre kann sich ein Leben ohne das schwarze Getränk kaum vorstellen. "Seit meinem zweiten Lebensjahr trinke ich Kaffee", sagt der 28-Jährige. "Hier gibt man Kleinkindern Fläschchen mit Kaffee, nicht mit Milch."

Heute verdient Aguirre mit dem Heißgetränk sein Geld. Schon als Jugendlicher schulterte er bei der Ernte auf der Farm El Carmen Estate im Hochland El Salvadors schwere Säcke. Für einen Hungerlohn. Doch der junge Mann schaffte den Aufstieg.

An diesem Tag zeigt er den Besuchern des Landguts am Rand seines Heimatortes Ataco die Lager, Maschinen und Fließbänder mit der Qualitätsauslese. Dort sitzen Frauen, die voll konzentriert die guten Bohnen von den schlechten trennen. Handarbeit unter Neonlicht. Was daraus wird, präsentiert Aguirre im Anschluss: Spitzenkaffee.

So mancher hat vielleicht schon Kaffee aus El Salvador getrunken. Doch die wenigsten kennen das kleine Land in Mittelamerika aus eigener Anschauung. Als Reiseziel bietet es auf kleiner Fläche eine außergewöhnliche Vielfalt abseits ausgetretener Touristenpfade.

Kolonialer Charme und Kleinkunst

Ataco, eines der schönsten Dörfer des Landes, wirkt herausgeputzt und bodenständig zugleich. Schauwert haben zum Beispiel die bunten, zeitgenössische Wandmalereien. Und der Zentralplatz mit seinen Hibiskussträuchern und der Kirche Inmaculada Concepción.

Durch die Gassen rumpeln Karrenschieber mit ihren Waren, manche tischen die Nationalspeise auf: Pupusas, Maismehlfladen mit Käse, Hühnerfleisch, Spinat oder Mus aus roten Bohnen gefüllt. Ein günstiger Sattmacher. Marktfrauen bieten vollreife Mangos an.

In Ataco ist der Tourismus auf dem Vormarsch, wie überall in El Salvador - wenn auch auf überschaubarem Niveau. Kunsthandwerksläden, kleine Galerien und die Webwerkstatt Casa de los Telares heißen Gäste willkommen. "Weben ist nicht nur Frauenbeschäftigung", sagt Jorge Martín, 25, der früher auf dem Bau arbeitete. Nun geht er filigran zu Werke. Gerade stellt er eine farbenfrohe Tischdecke her.

Ein Vogel gegen häusliche Gewalt

Noch ansehnlicher als Ataco ist Suchitoto im Herzen des Landes. Abends sitzen hier die Dorfbewohner auf Plastikstühlchen vor ihren Häusern oder auf Bordsteinen in der Wärme. Tagsüber strahlen Fassaden in Orange, Blau und Grün um die Wette. Sorgsam drapierte Blumentöpfe bilden hübsche Fotomotive für die Kameras der Touristen.

Vom Hauptplatz führt der Weg zu einer Frauenvereinigung, dahinter befindet sich wiederum eine Initiative gegen häusliche Gewalt. Die Vorsitzende Ana María Menjíbar, 65, nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie beklagt den anhaltenden Machismus und ruft Frauen dazu auf, die Stimme zu erheben und selbst aktiv zu werden. So entstand auch die Werkstatt, der zehn Frauen aus umliegenden Gemeinden angehören.

Wer durch die kopfsteingepflasterten Gassen Suchitotos streift, entdeckt neben Hauseingängen öfters Graffiti mit dem Nationalvogel Torogoz. Prangt der Vogel an der Fassade, bedeutet das: Hier gibt es keine häusliche Gewalt - eine Kampagne der Frauenvereinigung.

San Salvador und Santa Ana

In der Hauptstadt San Salvador geht es naturgemäß trubelig zu. Die Bilder des Alltags reißen mit. Zigaretten- und Kaugummiverkäufer mit Bauchläden kämpfen im Verkehr um ihr tägliches Auskommen. Schuhmacher werkeln in winzigsten Stuben. Wühltische bersten vor Gebrauchtwäsche. Fliegende Händler preisen "Rattengift, Rattengift", "Fliegenkatschen" oder "fünf Pfirsiche für einen Vierteldollar" an. Den schnellen Haarschnitt gibt es für einen Dollar. Die Freiluftstände reichen bis zum Nationalpalast und zum Platz vor der Kathedrale. In deren Krypta liegt der heilige Óscar Romero begraben, die nahe Kirche El Rosario lockt mit symmetrischen, modernen Buntglasfenstern.

In Santa Ana, der zweitgrößten Stadt, zeigen sich am Zentralpark das Nationaltheater und die Kathedrale in aufpolierter Eleganz. Drinnen im Gotteshaus treibt es Gläubige vor ein kitschiges Jesuskind mit femininen Zügen und im rosa Gewand. Draußen verharren Schuhputzer im Schatten. Ein Geheimtipp ist das Café "Cadek", ein paar Straßenblocks entfernt und stets mit verschlossener Tür. Einfach klopfen, schon öffnet sich ein fensterloses Kaffee- und Kuchenparadies.

Die rettende Asche des Vulkans

Vielen Bauten in El Salvador haben Vulkanausbrüche zugesetzt. In einem Fall war dies keine Katastrophe: Den Ascheschichten des Vulkans Loma Caldera ist es zu verdanken, dass Joya de Cerén, ein Mayadorf aus dem 7. Jahrhundert nach Christus, bis zur zufälligen Wiederentdeckung 1976 wie in einer Blase erhalten blieb. Die Bewohner des Dorfes hatten sich rechtzeitig retten können.

Wer das einzige Weltkulturerbe des Landes besichtigt, darf jedoch keine Tempel wie in Mexiko und Guatemala erwarten. "In Joya de Cerén lebte die niedere soziale Klasse der Maya, die Landwirtschaft betrieb", erklärt Guide Dionisio Mejía, 43. Entsprechend bescheiden kommen die Gebäudereste unter Schutzdächern daher.

Für die Forschung ist die eher unspektakuläre Mayastätte aber ein Glücksfall: Die Ruinen bezeugen die typische Dreierstruktur des Familienlebens (Haus, Küche, Vorratslager) und lieferten wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse. So soll im Haus des Schamanen kein Mann, sondern eine Frau tätig gewesen sein, sagt Mejía. Und der Fund eines Dampfbads belegte, dass dieses nicht - wie vormals angenommen - einzig den höheren Schichten vorbehalten war.

Ein grausames Ritual

Als klein, aber fein lassen sich auch die Zeugnisse der Maya in anderen archäologischen Parks beschreiben. San Andrés, wenige Kilometer von Joya de Cerén entfernt, fungierte als Zeremonialzentrum, Handelsplatz und Hauptstadt des Tals Zapotitán.

Tazumal, das mehr als ein Jahrtausend lang bewohnt wurde, hat kulturelle Einflüsse aus dem heutigen Mexiko. Um 1200 nach Christus wurde die Stadt aufgegeben. Verstörend ist der Überzug aus Zement über dem eigentlichen Baumaterial aus Vulkangestein. Auch der Opferaltar blieb nicht verschont. In den 1940er Jahren entschied sich der US-Archäologe Stanley Boggs für diese Maßnahme des Erhalts - ein Beispiel für gut gemeint, aber verheerend umgesetzt.

Das angeschlossene Museum gibt Aufschluss über die schaurige Verehrung des Gottes Xipe Totec. Ihm zu Ehren wurde beim Fest Tlacaxipehualiztli ein Kriegsgefangener gehäutet. Priester versahen daraufhin ein Bildnis der Gottheit mit der neuen Hautschicht.

Surfen und Seafood

Wen es nach Kultur und trubeligem Alltagsleben in die Natur zieht, der muss in El Salvador keine langen Fahrten in Kauf nehmen. Die Wege sind kurz, das Land ist ungefähr so groß wie Hessen.

Im Westen sorgt zum Beispiel der Kratersee Coatepeque für erstaunte Gesichter. Im Süden lockt der Pazifik auch Surfer an. Befänden sich dort jedoch echte Traumstrände, wären die Gegenden touristisch längst voll erschlossen. Was nicht der Fall ist.

Extraklasse ist das Seafood, für dessen Nachschub allein im Städtchen Puerto La Libertad etwa 200 Fischer sorgen. Sind die Gründe nicht längst überfischt? Luis Alberto Aguilar, 42, weicht aus: "Das liegt alles in den Händen des Herrn." Der Fischer schaut gen Himmel. Die Fänge von heute, die er an der Mole filetiert seien ein Segen und bereits an Restaurants verkauft. Sein Onkel habe ihn erstmals mit aufs Meer genommen. "Da war ich zwölf."

Auf den höchsten Punkt El Salvadors

Und dann sind da noch die Vulkane. Über der Hauptstadt thront der gleichnamige San Salvador, ein schlafender Gigant. Seit über 100 Jahren herrscht Ruhe, der Krater sperrt sein Riesenmaul auf. Der Weg vom Parkplatz zu den Aussichtsvorsprüngen dauert zehn Minuten.

Ein größerer Kraftakt ist die Besteigung des Santa Ana, mit 2381 Metern der höchste Vulkan des Landes. Für die geführte Wanderung vom Besucherzentrum im Park Cerro Verde aus sind zwei Stunden zu veranschlagen. Der harmlose Aufstieg führt durch Wald und Gesträuch, über Felsen, Wurzelwerk und Geröll. Der Trail ist mit gelben Pfeilen markiert, die an den Jakobsweg durch Nordspanien erinnern. Doch hier sind nicht Hunderttausende unterwegs, sondern vereinzelte Grüppchen.

Die Aussicht vom Kraterrand ist spektakulär. Die Farben der Steilwände reichen von Pechschwarz bis Schwefelgelb. Der See in der Tiefe leuchtet smaragdgrün. Gase zischen aus Spalten. Über dem Wasser wabern Dämpfe. Der Wind modelliert sie zu Säulen und jagt sie schließlich in die Wolken. Nach dem Aufstieg freut man sich auf eine Rast im Tal - und kräftigen Hochland-Kaffee für neue Energie.

Reiseinformationen

Anreise: Von Deutschland aus gibt es keine Direktflüge nach El Salvador. Umsteigen lässt sich am besten in Madrid.

Einreise: Urlauber brauchen einen gültigen Reisepass und dürfen sich ohne Visum bis zu 90 Tage im Land aufhalten.

Reisezeit: Die trockenen Monate November bis April eignen sich am besten für eine Reise durch El Salvador.

Geld: Die offizielle Währung ist der US-Dollar. Als Wechselgeld gibt es auch Ein-Dollar-Münzen, die nur in El Salvador gültig sind.

Sicherheit: Die Kriminalitätsrate ist laut Auswärtigem Amt sehr hoch. Die Sicherheitslage hat sich im Vergleich zu früheren Jahren jedoch verbessert. Die Jugendbanden (Maras) haben in der Regel keine Ausländer im Visier. Besondere Vorsicht gilt beim Abheben von Bargeld an Automaten.

Informationen: Botschaft von El Salvador, Joachim-Karnatz-Allee 47, 10557 Berlin (Tel.: 030-2064660, E-Mail: embasal@embasalva.de).

Internet: elsalvador.travel

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