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Krav Maga
Kämpfen für die Flucht

Wie man sich gegen eine Waffe am besten zur Wehr setzt, lernen Frauen beim Krav Maga am eigenen Leib.
Wie man sich gegen eine Waffe am besten zur Wehr setzt, lernen Frauen beim Krav Maga am eigenen Leib. © Foto: Christina Sleziona/MOZ
Christina Sleziona / 11.12.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 11.12.2019, 10:41
Berlin (MOZ) Wenn es um das eigene Leben geht, musst du mit allem angreifen, was du hast – Schlüssel, Tasche, Fingernägel.

Bei der Selbstverteidigung, betont Krav Maga-Trainer Alex, geht es nicht um Schönheit. Effektiv muss die Technik sein – auch wenn es dafür dreckig zugeht. Hier im Trainingscenter von "Krav Maga Berlin" in Steglitz lernen die Teilnehmer deshalb Schlag- und Tritttechniken, die den Angreifer in ihrer Heftigkeit überraschen sollen.

Hauptberuflich ist Alex Bundespolizist aus Berlin, daher möchte er anonym bleiben. Seit fünf Jahren trainiert er jedoch auch die Kunst der Selbstverteidigung für alle Altersklassen. Durch seine Arbeit kennt Alex die Situation auf der Straße. Besonders Messer- und Schlagstockangriffe hätten in den letzten Jahren zugenommen, sagt er. Aber auch ein Angriff mit bloßem Körpereinsatz sei nicht zu unterschätzen. In der Trainingseinheit mit den Anfängern wird heute genau das trainiert.

In so einer Übungssituation kommen sich die Teilnehmer sehr nah. Der Angreifer, gibt Alex zu verstehen, wird unvermittelt und hart zupacken. Die meisten Menschen sind so einen rauen Körperkontakt nicht gewöhnt, fühlen sich mit der Situation überfordert. "Angst macht dumm", sagt Alex. Denn kaum einer fängt sofort an, sich zu wehren. Im Gegenteil: Die meisten erstarren, bringen keinen Ton heraus. Eine perfekte Situation für den Angreifer, denn so kann er das Opfer leicht gefügig machen.

Technik und Fitness entscheidend

Um diesen Schrecken so schnell wie möglich zu überwinden, hilft nur üben, üben, üben – und zwar die richtige Technik. Alex zeigt, wie man sich bei einem Klammer- und Würgegriff von vorn und von hinten richtig wehren kann. Die verletzbarsten Punkte sind immer dieselben: Kopf, Auge, Nase, Ohr und das Geschlechtsteil. Mit einem gezielten Tritt in die Kniebeuge oder Wade geht der Angreifer automatisch zu Boden. Diese Stellen müssen schnell, hart und immer wieder getroffen werden, bis der Angreifer aufgibt und loslässt. "Dann müsst ihr so schnell wie möglich abhauen."

Damit diese Bewegungsabläufe in Fleisch und Blut übergehen, müssen sie etwa 500- bis 1000-mal trainiert werden. Deshalb empfiehlt der Trainer, einen Selbstverteidigungskurs regelmäßig zu besuchen. "Schon allein, um die Fitness zu bekommen, die man in so einer Gefahrensituation braucht. In 20 bis 30 Sekunden muss der Körper schließlich 150 Prozent geben."

Dass Übung beim Krav Maga das A und O ist, kann Thorsten als Teilnehmer bestätigen. Für den fitten 40-Jährigen ist das Training eine gute Ergänzung zu seinem Arbeitsalltag als Polizist. Seit sieben Jahren kommt er regelmäßig, um die Abläufe zu trainieren. "In so einer Situation hat man keine Zeit nachzudenken, man muss einfach machen." Angst, auf der Straße angegriffen zu werden, habe er nicht. Er mache sich viel mehr um seinen 14-jährigen Sohn Sorgen. Raufereien auf dem Schulhof könne es immer mal geben, sagt der zweifache Vater. Deshalb betreibe er zu Hause bereits Sparring mit seinem Sohn – eine Form des lockeren Kampfes mit offenen Handflächen, wie sie auch bei Alex trainiert wird. "Dadurch lernt er, wo die Grenzen sind, was weh tut und was nicht. Er bekommt ein besseres Körperverständnis", ist Thorsten überzeugt.

Nach dem gemischten Training sind die Frauen ganz allein dran. Der Trainer bietet für sie einen gesonderten Kurs an, um vor allem die Verteidigung bei sexuellen Übergriffen zu trainieren. Um zu bekommen, was sie wollen, schrecken die Angreifer nicht davor zurück, Messer, Schusswaffen oder Schlagstöcke zu benutzen. "95 Prozent der Täter wollen ihr Opfer nicht verletzen. Aber sie sind meistens selbst nervös und fangen an, wie wild mit dem Messer herumzupiksen", erklärt Alex. Diese Menschen seien am gefährlichsten, weil sie keine Ahnung haben, wie ernst ein scheinbar harmloser Stich tatsächlich sein kann. Wie man in so einem Fall richtig handelt, zeigt Alex mit einer Übungswaffe, die ihm eine Teilnehmerin an die Stirn hält. "Zuerst muss die Situation richtig eingeschätzt werden", erklärt der Trainer. "Wenn dein Gegenüber die Waffe auf dich richtet, weil er dein Portmonee oder das Handy will, dann gib es ihm.  Den Kram kann man ersetzen, dein Leben nicht."

Anders verhält es sich jedoch, wenn eine Vergewaltigung droht. Dann ist Handeln gefragt. Ohne einen Überraschungsmoment geht es jedoch nicht. "Wenn ihr einfach zuschlagt, kann der Gegner aus Reflex zustechen oder abdrücken. Deshalb solltet ihr erst mal kooperieren und die Hände heben", empfiehlt der Trainer. Ein Griff in die Hosentasche reiche dann aus, um die Aufmerksamkeit des Täters abzulenken, um mit der anderen Hand blitzartig die Waffe zu ergreifen. "Krallt euch dann ins Gesicht, schlagt mit der Faust oder attackiert ihn mit einem Stift. Es ist egal wie. Hauptsache, ihr hört nicht auf, euch zu verteidigen bis ihr die Waffe habt. Schmeißt sie dann weg und flieht sofort."

Schreien schreckt ab

Ein Restrisiko, dabei doch verletzt zu werden, gibt es immer, betont Alex. Das Messer könne in die Hand oder in die Schulter schneiden, die Kugel einer Waffe die Haut streifen. Aber mit einer Ausweichbewegung würden wenigstens lebensgefährliche Verletzungen vermieden werden. Auch ein Schrei kann helfen. "Einfach nur zu brüllen, kann den Täter schon abschrecken. Außerdem gewinnt das Opfer dadurch den Mut, härter zuzuschlagen." Ein Pfefferspray sei aus Alex’ Sicht ebenfalls eine gute Ergänzung. In der Tasche verstaut, nütze es allerdings gar nichts. "Wenn, dann muss man es griffbereit in der Hosentasche tragen."

Am besten ist es jedoch, erst gar nicht in so eine Situation zu kommen. Dafür wird in den wöchentlichen Trainings auch unter realen Bedingungen geübt, eine Gefahrensituation wie diese zu erkennen und zu vermeiden. "Viele schauen beim Gehen nur noch auf ihr Smartphone und sehen deshalb gar nicht, was sich um sie herum abspielt – und plötzlich sind sie mitten in einer Konfrontation", bedauert Alex. Er empfiehlt daher, wachsam zu bleiben und im Zweifel schon vorher die Polizei zu rufen. In den meisten Fällen reicht es aber auch schon, Selbstbewusstsein auszustrahlen. "Die Täter wählen sich in der Regel leichte Ziele. Wirkt man aber nicht wie ein harmloses Opfer, kann das einen Angriff bereits verhindern."

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