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Russland-Reportage
"Trink, wenn Du dich traust"

Alkoholsucht in Russland: Das Foto vom 4. April 1997 zeigt Eisfischer, die an einem sonnigen Frühlingstag einen Wodka schlürfen, während sie an einem kleinen See in Moskau, Russland, angeln. Russland hat am 1. Januar 2010 einen neuen Mindestpreis für alle im Land verkauften Wodkas festgelegt, um den Alkoholismus und die Produktion und den Verkauf von in Russland weit verbreitetem Bootleg-Wodka einzudämmen. Wie aber Statistik und gelebte Wirklichkeit zusammenpassen, beschreibt unser Moskau-Korrespondent in einer Reportage.
Alkoholsucht in Russland: Das Foto vom 4. April 1997 zeigt Eisfischer, die an einem sonnigen Frühlingstag einen Wodka schlürfen, während sie an einem kleinen See in Moskau, Russland, angeln. Russland hat am 1. Januar 2010 einen neuen Mindestpreis für alle im Land verkauften Wodkas festgelegt, um den Alkoholismus und die Produktion und den Verkauf von in Russland weit verbreitetem Bootleg-Wodka einzudämmen. Wie aber Statistik und gelebte Wirklichkeit zusammenpassen, beschreibt unser Moskau-Korrespondent in einer Reportage. © Foto: Sergey Chirikov/dpa
Von Stefan Scholl / 21.01.2020, 07:30 Uhr - Aktualisiert 21.01.2020, 14:00
Moskau (MOZ) Offiziell konsumieren die Russen heute weniger Alkohol als die Deutschen. Aber Statistik und gelebte Wirklichkeit haben oft nur wenig miteinander zu tun. Unser Moskau-Korrespondent erzählt von Männern, Freundschaften, Trinken und Sterben in einem großen Land.

Der Erste, der mir reinen Alkohol eingeschenkt hat, war Mischa. Medizinischer Alkohol, mit Wasser verdünnt, in Moskau, am zweiten Neujahrstag 1991. "Trink, wenn Du Dich traust!", sagte er. Ich habe eine Teetasse geschafft – und dann gekotzt. Später gestand Mischa mir, ich sei ihm unsympathisch gewesen, er habe mir eins auswischen wollen.

Wir haben noch viel zusammen getrunken, meist harte Sachen, vor allem Wodka. Mischa wurde mein Freund, er war einer, den alle mochten, ein Typ mit den breiten Schultern und dem Grinsen Mel Gibsons. Mischa war Maler, und ich gebe ihm hier, wie allen Freunden, einen anderen Namen. Wenn er trank, begann er von den riesigen, bunten Fischen zu erzählen, die er malte, von ihren Körpern und Seelen. Im Rausch schien er Neues für seine Leinwand zu entdecken.

Inzwischen trinken die Russen – laut staatlicher Statistiken – weniger als Deutsche, Österreicher oder Franzosen. Demnach hat Russland seinen Alkoholkonsum seit 2011 halbiert – auf 9,3 Liter reinen Alkohol pro Kopf im Jahr. Der durchschnittliche Deutsche ab 15 Jahren konsumiert 10,6 Liter. Aber die Statistiken und die erlebte Wirklichkeit haben in diesem großen Land oft nur wenig miteinander zu tun: Die russische Seele krankt weiter am Branntwein. Vor allem in der Provinz hängt der giftige Schatten der "grünen Schlange", wie der Alkoholismus schon zur Zarenzeit genannt wurde, über Freundschaften, Ehen und Familien, vor allem aber über den Männern.

Wir sitzen in Kejses, einem Dorf in Westsibirien, zusammen am Tisch, auf dem, umringt von dampfenden Kartoffeln, Rindfleisch, Gurken, Zwiebeln, saurer Sahne, Speck und Salaten, eine Glaskaraffe mit trüber Flüssigkeit steht. Oleg füllt die Wassergläser und grinst: "Trink!" Nach dem alten russischen Ritual: eingießen, Trinkspruch, anstoßen, ex … danach in etwas möglichst Fettes beißen, am besten in rohen Speck. Und wieder eingießen, Trinkspruch … Er will mich unter den Tisch trinken. Olegs "Samogon", selbstgebrannter Schnaps, ist eine lauwarme, 50- bis 60-prozentige Abscheulichkeit. Er aber grinst: "Trink!"

Ich habe dieses Kommando in Moskauer Büros, auf Twerer Hinterhofbänken, in Militärflugzeugen und Provinzdiskotheken gehört, von weißrussischen Autodieben, tschetschenischen Milizionären, stellvertretenden Chefredakteuren und Skinheads. Es war eine Duellforderung und zugleich eine angebotene Friedenspfeife. "Trink!"

Seit 20 Jahren gilt der Nichttrinker Wladimir Putin offiziell als nationales Vorbild. Das Militärportal topwar.ru prahlt, andere europäische Länder, etwa Deutschland, könnten von den Russen lernen, wie man nüchtern bleibe. Gleichzeitig aber sehnt sich Russland nach sow­jetischer Flaschenbrüderschaft, nach den Zeiten wilder Saufgelage, bei denen ­absolut mörderische Cocktails gemixt wurden: "200 Gramm Schigulowskoje Bier, 150 Gramm Spirituslack, 50 Gramm Parfüm Weißer Flieder, 50 Gramm Antischweißfußtranspirant…" Der Autor des Rezepts, der Schriftsteller Wenjamin Jerofejew, war überzeugter Alkoholiker und starb an Kehlkopfkrebs.

Der Alkoholpegel gilt in Russland immer noch als Messlatte der Männlichkeit. Die Bosse in den Gangsterfilmen des Staatssenders NTW schlucken weiter direkt aus dem Flaschenhals. Trinken ist hier wie Fluchen: nicht unbedingt schön, aber echt.

Im Frostschutzmittel-Rausch

Einmal fuhr ich mit der Rockband "Leningrad" im Zug von Petersburg nach Twer zu einem Konzert. Sergei Schnurow alias Schnur, ihr Frontsänger, Texter und bekennender Säufer, bestellte nach 200 Kilometern im Speisewagen mit nachdenklicher Miene das erste Glas. Danach tauchten immer neue Bier- und Wodkaflaschen auf. Als wir die Konzertbühne an der Wolga erreichten, waren alle betrunken. Denis, der Schlagzeuger, hatte einen Schlegel verloren und drosch mit einer Plastikflasche auf die Trommeln ein, aber der Rhythmus stimmte. "Der Alkohol bringt uns den Tod, der Alkohol bringt uns das Leben", dichtete Schnur vor ein paar Wochen. "Gezeugt wird mehrheitlich im Dusel, lieben mag hier niemand ohne Fusel."

Dass der Alkoholverbrauch zurückgegangen ist, mag stimmen – was Studenten oder Yuppies in Moskau, Petersburg und anderen Millionenstädten angeht. Dort herrscht inzwischen europäische Kneipen- und Barkultur, gebechert wird vor allem Bier. Im Gegensatz zur Sowjetunion ist der Flaschenhals längst nicht mehr der einzige Weg in andere Wirklichkeiten, man kann auch kiffen, koksen oder Computerspiele spielen. Und man kann jetzt auswandern, das wollen nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums 53 Prozent der Russen unter 24 Jahren.

Oleg aber ist einer von Millionen Russen auf dem Land – ein Mann wie ein Baum, ein gelernter Elektriker, der auf jeder Baustelle als Allroundhandwerker schwarzarbeiten kann. Er fällt sein eigenes Holz, fischt mit dem eigenen Netz, schlachtet selbst. Die Dorfsibirier haben ihre eigene inoffizielle Statistik. Oleg gehört zur Mehrheit der "Rabotjagi", der Malocher, aber 20 bis 30 Prozent der Einwohner im Dorf gelten als "Alkaschi", als Alkoholiker. Für sie ist Schnaps nicht mehr Vergnügen, sondern Grundnahrungsmittel. Wo der "Samogon" endet, schlucken sie auch Frostschutzmittel.

Am Ende fliehe ich vor Oleg, er gewinnt das Duell, und ich purzle übers Gartentor, stolpere in ein Schlagloch, rapple mich auf, lande wieder auf dem Asphalt, "mit der Schnauze im Salat", wie die Russen in solchen Fällen sagen.

Die Staatsmacht weiß, dass die grüne Schlange viel lebendiger ist, als ihre eigenen Zahlen vorgeben. Im November beschloss die Duma in erster Lesung ein Gesetz, die sowjetischen Ausnüchterungsanstalten wiedereinzuführen, um Betrunkene von den Straßen zu schaffen, einzusperren und ihren Rausch ausschlafen zu lassen. Regierungsparlamentarier begründeten das damit, dass jährlich etwa 50 000 Menschen im Suff umkämen und die Zahl der Straftaten von 2011 bis 2018 um 35 Prozent gestiegen sei.

Vor gut einem Jahr erließ die Regierung ein Verbot: Haushaltsflüssigkeiten wie Parfüm, Desinfektionsmittel oder Badewasserzusätze mit mehr als 28 Prozent Ethylalkohol dürfen nicht billiger verkauft werden als Getränke mit vergleichbarem Alkoholgehalt. Ende November starben in einem Dorf bei Jaroslawl trotzdem fünf Menschen. Die Polizei vermutet, dass sie Autoscheibenreinigungsmittel getrunken hatten.

Kampftrinken ist Männersache:  Alkohol ist in Russland die Ursache für ­70 Prozent der männlichen ­Todesfälle im erwerbsfähigen Alter. Nach einer WHO-Studie von 2018 befinden sich 11,6 Prozent der Russen ab 15 Jahren in einem Zustand "verhängnisvollen Alkoholmissbrauchs", die zweithöchste Abhängigkeitsrate der Welt, die nur noch von den Ungarn übertroffen wird. 2016 wurden nach offiziellen Angaben mehr als 64 000 häusliche Gewalttaten registriert, nach Polizeiangaben sind bis zu 95 Prozent der Täter im Rausch. Auch das sind nur statistische Bruchstücke.

Männer sind Täter, Männer sind Opfer. Dima aus Jaroslawl hat sich zu den Maifeiertagen angemeldet. Aber am Tag, an dem er eintreffen will, ruft er an, sein Auto habe sich überschlagen, es sei alles okay, er komme einen Tag später. Danach ist sein Handy ausgeschaltet, er entschuldigt sich drei Wochen später für sein "nicht adäquates Verhalten". Dima ist in den "Sapoi" geraten, eine Dauersauferei, die Tage, aber auch Wochen dauern kann. Für ihn ist Schnaps kein Abenteuer, sondern Schmerzmittel. Er schuftet als Klempner sechs bis sieben Tage die Woche, um seine Frau und seine beiden Kinder zu finanzieren, sie aber hat ihn aus der Wohnung vertrieben, er schläft in einer Garage oder bei Freunden.

Mischas Organe haben aufgegeben

Alte Freunde aus der Provinz oder aus Petersburg rufen nur noch an, um lallend ihre Freundschaft zu versichern, werden angetrunken in der Stadt gesehen, verschwinden ganz. Die meisten toten russischen Freunde waren über 40, als sie umkamen. Vielleicht war ihr Verhängnis, dass sie in der Sowjetunion aufgewachsen sind. Aber vielleicht wird in diesem Alter die grüne Schlange auch über die nächste Generation herfallen.

Vor wenigen Tagen: Mischa, der Maler, liegt auf einem Tisch im Hof, sein Gesicht sieht fremd aus, die Haut hat sich gelb gefärbt. Er hatte ein Lächeln wie Mel Gibson, er hatte Charisma, er trank, weil er neue Bilder suchte. Dann, nachdem er die Malerei hingeschmissen hatte, um als Werbedesigner Geld zu verdienen, trank er, weil es nichts mehr zu finden gab. Am Ende zog er aufs Dorf, kunstschreinerte, wurde noch einmal Vater, hörte auf zu trinken, aber seine Organe machten nicht mehr mit. Mischas junge Witwe streicht ihm über die Stirn, der russische Himmel ist grau, die ersten Schneeflocken taumeln durch die Luft. Es ist der Tag, an dem Mischa begraben wird.

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