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Reise
Eine Erkundungstour durch New Yorks Stadtteil Queens

dpa / 07.03.2020, 04:30 Uhr
New York (dpa) Wenn sich die Yogis in den "herabschauenden Hund" schieben und kopfüber über den East River schauen, erblicken sie zur Belohnung die Skyline Manhattans. Weiden spenden den Frühaufstehern Schatten. An Wochenenden locken kostenlose Yoga-Stunden in den Socrates Sculpture Park, einer Grünfläche mit Kunstinstallationen in Astoria, dem Stadtteil im nordwestlichsten Winkel von Queens. Midtown Manhattan mit seiner Hektik scheint wie eine entfernte Welt. Und noch etwas fehlt: die Touristen.

Queens gilt als vielfältigster aller Boroughs, in dem Menschen aus aller Welt ihr Zuhause gefunden haben. Die 64-jährige Lori Lustig gehört zu den mehr als 300 Big Apple Greetern, Botschaftern der Stadt, die ehrenamtlich Touristen begleiten. Lori wuchs in Flushing auf, dem Ziel des Streifzuges von West nach Ost. Entspannt geht es zunächst entlang des East Rivers, vorbei am Fähranleger, der Astoria mit Manhattan verbindet. Dann biegt Lori in eine Straße voll mit Street Art ab. An Häuserwänden, Mauern und Garagentoren prangen bunte, schrille Kunstwerke – häufig mit einer politischen Botschaft. Welling Court Mural Project heißt der Ort. In dem Freiluft-Kunstmuseum sind Sprayer seit zehn Jahren kreativ.

Aus Lustik wurde Lustig

"Astoria ist immer noch griechisch geprägt, aber mittlerweile viel diverser geworden", erzählt Lori. Ob Ägypter, Brasilianer, Puerto-Ricaner oder Inder: In Astoria sind viele Nationen zu Hause – und manche sind Nachbarn in einem Community Garden, in denen New Yorker mitten in den Stadt Gemüse pflanzen.

Die Hälfte der Menschen in Queens sei in einem anderen Land geboren worden, erzählt Lori. Sie selbst ist in den USA geboren, ihre Großeltern wanderten aus einer Region in der heutigen Ukraine ein. Ihr Ehemann kommt aus Weißrussland. Als "Lustik" angelandet, wurde der Familienname später in "Lustig" geändert, was dazu führt, dass Lori häufig für Deutsch gehalten wird. Die pensionierte Lehrerin arbeitet an drei Tagen die Woche an einer Schule in Astoria. "Wenn Kinder neu in der Schule sind, können sie auf einem Formular zwischen 162 Sprachen wählen, um ihre Muttersprache anzugeben", berichtet Lori. Laut der Endangered Language Alliance werden in Queens 800 Sprachen gesprochen, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Lori spricht Englisch, Spanisch und "ein wenig Jiddisch".

Es wird bunter und quirliger, je näher die Station Ditmars Boulevard rückt. Blaue Kuppeln blitzen auf: eine griechisch-orthodoxe Kirche. Ein wenig Santorin mitten in New York. Und ein Vorgeschmack auf die Vielzahl von Tempeln, Moscheen, Kirchen und Synagogen im Stadtteil Flushing. Dort wurde vor rund 360 Jahren die Religionsfreiheit in den USA errungen.

Zeit für eine Verschnaufpause. Griechische Tavernen stehen zwischen Bagel-Shops, brasilianischen und asiatischen Restaurants, Pizzaläden und Cafés. Die Wahl fällt auf den Bohemian Hall & Beer Garden. Er gilt als ältester und schönster Biergarten New Yorks. Das Restaurant geht zurück auf böhmische Einwanderer Ende des 19. Jahrhunderts, und so stehen Piroggen, Gulasch und Jägerschnitzel auf der Speisekarte. Auch eine Welle deutscher Immigranten verschlug es in den Schmelztiegel Astoria, zu jener Zeit noch ein ländlicher Vorort, der allerdings Arbeit versprach. Immer mehr Unternehmer kauften hier Farmland auf. Einer von ihnen war der Flügel- und Klavierbauer Steinway. Der frühe Erfolg der aus Deutschland stammenden Familie Steinweg, in Amerika als Steinway eingebürgert, verlangte nach einer größeren Manufaktur. Sohn William Steinway ließ daher ab 1870 eine neue Fabrik bauen. Mehr noch, ein ganzes Steinway Village für die rund 400 Mitarbeiter samt Schule, Post, Kindergarten und dem Erholungspark North Beach – das "Coney Island von Queens". Schon lange steht an der Stelle der Airport La Guardia. Doch bis heute werden an der Bowery Bay Flügel und Klaviere gefertigt.

Über drei Kilometer führt die Steinway Street südwärts durch Astoria. Die Züge der M Linie fahren Richtung Osten bis zur Endstation Forest Hill. "Wir müssen allerdings in die Linie 7", sagt Lori. Die Transportader Richtung Flushing ist vollgepackt, an Sitzplätze ist nicht zu denken. "Die Metro ist mehr als 100 Jahre alt, dabei ist die Bevölkerung in Queens seitdem explodiert, vor allem in Flushing." Andererseits liebe sie die Ausblicke. Die Metro qietscht auf meterhohen Trassen durch verschiedene Viertel, durch Little India und Little Bangladesch in Jackson Heights, dann durch das lateinamerikanisch geprägte Corona, bis sie sich an ihrer östlichen Endstation Flushing komplett entlädt. Wer oben von der Rolltreppe ausgespuckt wird, wähnt sich auf einem anderen Kontinent: Bunte chinesische oder koreanische Schriftzeichen prangen von den Fassaden.

Denkmal für religiöse Toleranz

Der letzte Zensus 2010 ergab, dass rund 70 Prozent der Menschen in Flushing aus Asien stammen. Tendenz steigend. Der Food Court der New World Mall lockt mit asiatischem Fast Food, in den Etagen darüber: chinesische Restaurants, Beauty Salons und Geschäfte.

Fußläufig zur Flushing Main Street steht mit dem Bowne House ein Denkmal für religiöse Toleranz. Der Brite John Bowne erbaute das Haus 1661, als Flushing noch Vlissingen hieß, benannt nach niederländischen Siedlern. Weil Bowne hier Quäkertreffen abhielt, wurde er 1662 vom Gouverneur Peter Stuyvesant verhaftet. Doch Bowne wehrte sich mit Erfolg und schaffte einen Präzedenzfall für Religionsfreiheit. Ein Jahrhundert später wurde das Bowne Haus nochmals relevant: Quäker machten sich stark gegen die Sklaverei. Oben gab es vier Räume, die Teil der Underground Railroad waren, eines Netzwerkes, das Sklaven aus den Südstaaten Richtung Norden half.

Flushings Wahrzeichen, die mehr als 40 Meter hohe Weltkugel Unisphere, könnte nicht besser dazu passen. Der zur Weltausstellung 1964 erbaute Stahl-Globus erinnert an die Vielfalt in Queens. Lediglich ein kleinerer gelber Ball macht der Unisphere Konkurrenz, wenn sich das Arthur Ashe Stadion zum Tennisturnier US Open füllt.

Service

An- und Einreise: Direktflüge nach New York gibt es von verschiedenen deutschen Flughäfen. Die Flughäfen JFK und La Guardia liegen beide in Queens. Deutsche USA-Urlauber müssen sich rechtzeitig vor Abreise eine Esta-Genehmigung besorgen. Sie gilt zwei Jahre.

Der Ort: Nach Manhattan, der Bronx, Staten Island und Brooklyn ist Queens mit rund 280 Quadratkilometern der größte Borough (Stadtteil) New Yorks. Rund 2,3 Millionen Menschen leben hier. Vom Flughafen La Guardia im Norden bis zu den Surfern am wilden Rockaway Beach im Süden sind es mehr als 20 Kilometer Luftlinie.

Übernachtung: Das Bett im Mehrbettzimmer eines Hostels kostet umgerechnet ab 50 Euro pro Nacht. Private Unterkünfte gibt es ab 70 Euro pro Person und Nacht. Für ein Hotelzimmer zahlt man ab etwa 150 Euro. Bei der Wahl der Unterkunft unbedingt die Nähe zur Metro beachten.

Informationen: NYC & Company c/o Aviareps Tourism, Josephspitalstraße 15, 80331 München (E-Mail:newyork@aviareps.com;nycgo.com).

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