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Nordirland
Belfast mit ehemaligen Terroristen erkunden

Touristen auf Bustour in Belfast: Überall in der Stadt sind Graffiti mit politischen Botschaften zu sehen.
Touristen auf Bustour in Belfast: Überall in der Stadt sind Graffiti mit politischen Botschaften zu sehen. © Foto: Tourism Ireland
dpa / 04.04.2020, 04:45 Uhr - Aktualisiert 04.04.2020, 16:51
Belfast (dpa) Peadar Whelan war früher bei der IRA. Viele würden sagen: Er war Terrorist. Er selbst sagt, er sei ein "Freiwilliger" gewesen. Oder ein "Aktivist". 16 Jahre verbrachte er im Gefängnis, weil er Ende der 70er-Jahre versuchte, einen britischen Polizisten zu töten. "Ich bereue nichts", sagt er heute.

Während er das ausspricht, steht er auf dem Milltown Cemetery in West-Belfast. Soweit das Auge reicht, reihen sich Kreuze und Grabsteine aneinander. Auf dem Friedhof haben mehr als 200 000 Menschen ihre letzte Ruhe gefunden, doch die Bekanntheit von Milltown rührt daher, dass hier die IRA-Männer beerdigt sind. Ihre Begräbnisse in den 1980er-Jahren waren Massendemonstrationen. So kamen 1981 mehr als 100 000 Menschen zur Beisetzung von Bobby Sands, der sich im Gefängnis zu Tode gehungert hatte. Als Deutscher kannte man den Friedhof aus der "Tagesschau".

Es weht heftig über den Gräbern, am Himmel treiben Wolkenfetzen vor die Sonne. Peadar Whelan hat seine Zuhörer zu einer ganz besonderen Stelle geführt: dem New Republican Plot, einer abgegrenzten Grab- und Gedenkstätte für IRA-Leute. Hier liegt auch Sands. "Loved and remembered always, Mum, Dad, Brothers und Sisters" steht auf einem Stein. "Sie wurden alle im aktiven Dienst getötet", sagt Whelan.

Er selbst hat überlebt. Heute führt er Touristen an Orte des "republikanischen Widerstands", wie er es nennt. "Republikanisch" leitet sich von der Republik Irland im Süden der Insel ab. Republikaner streiten für ein geeintes, unabhängiges Irland. Die Begriffe Katholiken und Protestanten für die verfeindeten Lager sind im Grunde irreführend, denn sie legen eine religiöse Auseinandersetzung nahe. Es handelt sich aber um einen politischen Konflikt, der eher zufällig entlang konfessioneller Grenzen verläuft.

Der Mann mit den weißen Haaren und dem zerfurchten Gesicht sieht deutlich älter aus als 62 Jahre. "The Troubles", die "Unruhen" oder "Wirren", wie der Konflikt mit 3500 Toten verharmlosend genannt wird, hat ihn gezeichnet. Während der dreistündigen Tour erzählt er beeindruckend authentisch von den Zuständen in den Einzelzellen des berüchtigten Hochsicherheitsgefängnisses Maze Prison. Er war einer der "Blanket Men", die sich aus Protest gegen die Haftbedingungen nackt in Decken hüllten.

Einprägsam ist auch ein Abstecher in die von Katholiken bewohnte Bombay Street. Die Rückseiten der kleinen Reihenhäuser sind hier mit monströsen Gitterkäfigen versehen – zum Schutz gegen Molotowcocktails, die aus dem direkt gegenüberliegenden Protestantenviertel hinübergeschleudert werden könnten. Beide Bezirke werden von einer riesigen, nach oben mit Zäunen oder Wellblechen verlängerten Mauer abgeschirmt.

Solche kilometerlangen und bis zu acht Meter hohen "Friedenslinien" zerteilen die Stadt noch immer wie zu Zeiten des Bürgerkriegs. An einigen Stellen ermöglichen Tore den Durchgang von der einen Welt in die andere, doch abends werden sie verschlossen.

Whelan schildert die Zeit, in denen die Katholiken in Nordirland Bürger zweiter Klasse waren, in denen die guten Jobs in der Verwaltung und im Schiffsbau automatisch für Protestanten reserviert waren. Kurios wird es, wenn er seine Begleiter in den Souvenirshop von Sinn Fein führt, der pro-irischen Partei, die früher der politische Arm der IRA war. Hier kann man sich als Andenken Poster, Anstecker und Tassen mit den Gesichtern von IRA- und Sinn-Fein-Helden wie Bobby Sands, Martin McGuinness und Gerry Adams mitnehmen.

Die gleiche Stadtwanderung mit vertauschten politischen Vorzeichen kann man durch ein Protestantenviertel buchen. Wieder führt der Guide – er heißt Paul McCann – die Besucher zu Gedenkstätten, nur erinnern sie jetzt an pro-britische Unionisten oder Loyalisten.

"Das Massaker der IRA an Unschuldigen" steht über einer Plakatwand, und auf einem schwarzen Grabstein prangt in goldenen Buchstaben die Inschrift: "Im Gedenken an fünf unschuldige Protestanten, hier abgeschlachtet von einer republikanischen Mörderbande."

Statt irischer Flaggen flattern britische Union Jacks über den Erinnerungssteinen, und statt Bobby Sands blickt hier "King Billy" von der Hauswand: ein hagerer Typ mit überdimensionierter Perücke. Ein Schild erklärt, dass dieser "Billy" König Wilhelm von Oranien hieß und 1690 das katholische Irland für das protestantische England zurückeroberte.

Belfast ist bis heute eine hoch politisierte Stadt. Fast überall stößt man auf Gedenkstätten, Erinnerungsplaketten und Wandgemälde, darunter auch zu aktuellen politischen Themen wie Donald Trump. Hat sich gar nichts geändert? Das zu glauben, wäre falsch. Umfragen zufolge hält heute nur noch eine kleine Minderheit der Nordiren Gewalt für ein legitimes Mittel der Politik.dpa

Service

Anreise: Es gibt keine Direktflüge von Deutschland aus. Man muss in London, Birmingham oder Manchester umsteigen.

Reisezeit: Auf der irischen Insel muss man sich zu allen Jahreszeiten auf kühles und regnerisches Wetter einstellen. Wenn es dann doch anders wird, ist man positiv überrascht.

Touren: Politische Touren mit Zeitzeugen muss man vorab im Internet buchen. Rundgänge mit ehemaligen IRA-Mitgliedern durch das katholische West-Belfast bietet die Organisation "Coiste na n-larchimi" (Komitee der Ex-Häftlinge) an (www.coiste.ie), Rundgänge durch die protestantische Enklave Sandy Row (www.historicsandyrow.co.uk)

Informationen: Touristeninformation Irland, Gutleutstr. 32, Frankfurt (Main), Telefon 069 9231850, www.ireland.com.

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Ralf Cornelius 04.04.2020 - 10:06:52

Erschreckend

Und morgen besuchen wir mit Mördern die Gräber ihrer Opfer.. Geht‘s noch? Mit dieser reißerischen Überschrift, anders als in der Print-Ausgabe, macht man hier alles kaputt, was die Belfaster eigentlich anstreben. Billiges Klickbaiting, nicht mehr. Mal ganz davon abgesehen, dass derzeit niemand irgendwo hinreist. Insofern ist der Hinweis auf fehlende Direktflüge geradezu grotesk. Erschreckend!

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