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Jeepney
Ein Nationalsymbol der Philippinen gerät unter Druck

Unverwechselbar: Die bunten Jeepneys, wie hier im Herzen Manilas, sind das rollende Wahrzeichen der Philippinen. Ihre Zukunft aber ist ungewiss.
Unverwechselbar: Die bunten Jeepneys, wie hier im Herzen Manilas, sind das rollende Wahrzeichen der Philippinen. Ihre Zukunft aber ist ungewiss. © Foto: Thomas Berger
Thomas Berger / 18.07.2020, 03:15 Uhr
Manila (MOZ) Sie sind die "Könige der Straße" – das weiß jeder, der schon auf den Philippinen unterwegs war und dabei mindestens einmal in einem Jeepney Platz genommen hat. Die bunten Sammeltaxen sind nicht nur im Getümmel der Hauptstadt Manila allgegenwärtig. Auch sonst stellen sie innerorts oft die einzige Möglichkeit dar, ohne eigenen fahrbaren Untersatz von A nach B zu kommen. Getrost dürfen die eigentümlichen Fahrzeuge als rollendes Wahrzeichen der Philippinen gelten.

Seit Amtsantritt von Präsident Rodrigo Duterte geht es dem Jeepney in gewohnter Gestalt, als knatterndes, abgas-stinkendes Transportmittel des kleinen Mannes, aber an den Kragen.  Die Corona-Krise kommt dem Staatschef bei seinen Plänen entgegen, den Transportsektor zu modernisieren – und dabei insbesondere die alten Jeepneys von den Straßen zu verbannen. Während die meisten anderen Transportmittel inzwischen mit den schrittweisen Lockerungen wieder unterwegs sind, ist den "Königen der Straße" das Fahren derzeit bis auf Ausnahmen immer noch untersagt.

Es waren die alten Jeeps des US-Militärs, die beim Abzug der früheren Kolonialmacht nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zurückblieben und als Vorlage für diese länderspezifische Variation eines Sammeltaxis dienten. Leonardo Salvador Sarao entwarf dabei das später von anderen kopierte Grunddesign. 1953, im Alter von 32 Jahren, startete der ausgebildete Mechaniker mit dem ersten Modell – die 700 Pesos für die Betriebsgründung, nach heutigem Kurs etwa zwölf Euro, musste er sich damals leihen. Zwei Jahre später wurde die Firma ordentlich registriert und eroberte sich bald eine marktbeherrschende Stellung: Gerade in der Hauptstadtregion Manila wurde Sarao Motors, die landesweit auslieferten, zum Synonym für Jeepneys. Zu Glanzzeiten kamen sieben Fahrzeuge der ursprünglichen Marke auf lediglich eines von Konkurrenten. Als nationales Symbol wurde ein Sarao-Jeepney auch auf der Weltausstellung 1964 in New York gezeigt. Auch Papst Johannes Paul II. fuhr bei seinem Philippinen-Besuch 1981 in einem extra gefertigten Stück.

Der Firmengründer, noch 1997 für sein Lebenswerk mit dem höchsten Unternehmerpreis der Philippinen geehrt, starb 2001. Und wer sich heute für die Traditionsmarke interessiert, mag etwas etwas enttäuscht sein: Sarao Motors, ansässig in Las Piñas am Südrand der Zehn-Millionen-Metropole, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein angerostetes Firmenschild ziert das Eingangstor, auf dem Hof hantieren wenige Männer. Zur Jahrtausendwende war der Traditionshersteller fast pleite, die Belegschaft schrumpfte von 300 auf 50. "Meistens machen wir jetzt nur noch Reparaturen", erzählte Arnel Berlon, seit 1992 bei Sarao tätig, dem Autor bei einem Besuch vor drei Jahren. Daran, dass pro Jahr nur noch etwa 20 Stück gefertigt werden, hat sich seither nichts geändert. Früher verließen 15 bis 20 Neufahrzeuge täglich das Gelände.

Die meisten Jeepneys, die durch Manila und andere Orte rollen – landesweit geschätzte 200 000 Stück –, haben schon viele Jahre auf dem Buckel. Es rumpelt und quietscht, rüttelt und knattert. Aber sie bewegen sich, und die Fahrer flicken selbst oder lassen flicken, wenn ein Problem auftritt. Meist nur das Minimum zum Überleben für ihre Familien bringen sie am Tagesende nach Hause. Die billigste Fahrt im Stadtverkehr kostet acht Pesos, umgerechnet sieben Cent. Selten werden mehr als 30 Pesos fällig. Damit wird niemand reich, obwohl sich auf stark frequentierten Routen mehr Passagiere als die Nenngröße von 20 zusammenzwängen.

"Modernisiert oder verschwindet", hatte Duterte schon 2017 als Devise an die Abertausenden Jeepneyfahrer und ihre ökologisch bedenklichen Abgasschleudern ausgegeben. Die Drohung, schon zum nächsten Jahreswechsel einen Großteil der überalterten Flotte von den Straßen zu verbannen, ließ sich zwar nicht umsetzen. Doch die Bemühungen gab Duterte nicht auf, hat den Ton weiter verschärft. Zuletzt legten die Fahrer im Herbst 2019 bei einem längeren Streik gegen die Modernisierungspläne die Arbeit nieder – was Berufspendler und andere in arge Bedrängnis brachte.

Hintergrund des Widerstands ist weniger fehlendes Verständnis für eine nötige Reduzierung der Emissionen. Vielmehr können sich die meisten ein der Euro-4-Norm genügendes Neufahrzeug schlicht nicht leisten. Zwischen 1,6 und 2,2 Millionen Pesos kostet ein solcher Öko-Jeepney mit Elektro-, Solar- oder Hybridantrieb. Lediglich 80 000 Pesos Zuschuss vom Staat gibt es – und einen Kredit mit sechs Prozent Zinsen. Bei dem geringen Verdienst ist der kaum abstotterbar.

Zwar sind in Manila schon auf einigen mehr Routen die etwas kleineren E-Jeepneys unterwegs, doch die Masse rollte bis zur Corona-Zwangspause immer noch mit Diesel. Verschwinden wird mit der Modernisierung in jedem Fall eines: Die Kunstkomponente. Vielfach überbieten sich die Fahrer in der Verzierung ihrer Fahrzeuge mit Botschaften und Bildern. Schmucklos-eintönig kommt hingegen die Ökovariante im Einheitslook daher.

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