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Pferdeschwanz, legere Kleidung, ausgeprägtes Links-Vokabular. Alter Twittername: Redhairpirat. Dieser scheint Programm. Jürgen Voigt (58) ist Polit-Rebell. Sein Ziel: Die Piratenpartei entert 2013 den Bundestag.
Die langen, schütteren Haare des "Rothaarpiraten" (Übersetzung des Twitternamens) sind grau geworden. Nur der rot-graue Kinnbart lässt den Ursprung des Spitznamens noch erahnen. Sein Gesicht und sein Lebensbericht offenbaren: Das Leben dieses Mannes kennt Irrungen und Wirrungen, Hochs und Tiefs. Im Berufs- und im Privatleben. Jürgen Voigt musste sich und seine Ansichten übers Leben, über Politik immer wieder korrigieren.
Und trotzdem ist er sich irgendwie treu geblieben als einer, der sich dort engagiert, wo andere aufhören. Als einer, der rebelliert, wo andere resignieren. Als einer, der Einmischen als Bürgerpflicht empfindet. Irgendwie erinnert er an einen Alt-68er im Urlaub. Nur sein Lebenslauf erzählt es anders.
Geboren worden ist Voigt in Neukirchen. Der Ort wird in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts so schnell braun wie er nach dem Zweiten Weltkrieg politisch rot gefärbt wird. Der Junge ist eines von zehn Kindern in seiner Familie. Der Vater arbeitet als Schlosser, die Mutter als Auslegerin in einer Spinnerei, um das Essen für die Kinder auf den Tisch zu bringen. Das eröffnete dem Jungen viele Freiräume. Der Vater stirbt, als er 17 ist, die Mutter zwei Jahre darauf. Voigt ist früh auf sich allein gestellt.
Wahrscheinlich bedeuten ihm deshalb Familie und das Einstehen für die Rechte Schwächerer so viel. Verheiratet ist er immer noch mit seiner ersten Frau Sabine. Mit ihr lebt er in Hönow, am Rande Berlins, in Werneuchen im Barnim und in Kienitz, im Oderbruch. "Heimat ist für mich immer da, wo ich lebe und arbeite", sagt er.
Der gebürtige Sachse meldet sich drei Jahre als Baupionier zur Nationalen Volksarmee. Damals glaubt er: "Im Kalten Krieg ist die DDR mein Staat." Er lernt beim Arbeiten mit Bausoldaten, die den Spaten auf den Schulterstücken, aber keine Waffen tragen, dass gewaltloser Widerstand gegen die Obrigkeit wirkt. Die Bausoldaten ertrotzen sich ihren Sonntagsgottesdienst.
Bei der Kommunalwahl 1989 hat Voigt als Linker keine Lust mehr auf alte Seilschaften, auf Selbst- und Wahlbetrug und macht mit einem Bleistiftstrich den Wahlzettel mit den Kandidaten der Nationalen Front ungültig.
Mit anderen Unzufriedenen, Rebellen gegen Partei, Staat und Sozialismus, demonstriert er auf den Straßen Berlins. Er will eine bessere DDR.
Eine Utopie, wie er selbst herausfinden muss. Als Betriebsrat in der Berliner Druckerei erlebt er, wie die Treuhand den Betrieb abwickelt. Der Betriebsrat macht als Letzter das Licht aus und meldet sich auf dem Arbeitsamt. Fünf Jahre arbeitslos. Das prägt. Ansichten übers Leben. Ansichten darüber, ob es sich lohnt, sich in Politik einzumischen. Das Wissen, dass Familie ein sicherer Hafen ist.
Auf der Suche nach einem neuen Lebensziel wird dem Arbeitslosen ein Studium zum Diplomsozialpädagogen/Sozialarbeiter in Heidelberg angeboten. Er greift zu. Konzentrierte sich aufs Lernen und meidet die Politik. Später leitet er eine Erziehungswohngruppe in Werneuchen (Barnim). Für Kinder, die nicht in ihren Familien bleiben konnten, ist er dort Vaterersatz, Vertrauensmann, Helfer in der Not. Er vertritt deren Interessen auch im Elternbeirat ihrer Schule.
Eintritt in eine Partei? Voigt sagt: "Nach dem Untergang der DDR und der SED, dem Rumschnuppern bei Vereinigter Linker und DDR-KPD in der Wendezeit war ich wie ein gebranntes Kind, das das Feuer scheut." Oder die Sackgassen des Lebens-Labyrinths?
Seine Tochter Jana gibt ihm nach den Wahlen 2009 den Anstoß, wieder in die Politik zu gehen. "Wir haben über Datenschutz und Basisdemokratie diskutiert, nachdem sie an einem Stammtisch der Piraten zugehört hatte", erinnert sich Voigt. Zwei Jahre später ist er selbst Pirat. Gründet den Regionalverband Barnim-Uckermark mit. Gut ein Jahr darauf ist er 1. Vorsitzender. Seitdem leistet er Graswurzelarbeit. Sammelt Mitglieder. Mehr als 100 stehen auf seiner Piratenliste. Ein Drittel sind aktive Piraten, schätzt er.
Der Piraten-Direktkandidat im Wahlkreis 057 sieht seinen Auftrag bis zum Wahltag am 22. September nüchtern: So viel Stimmen wie möglich sammeln. Mit Listenplatz Nummer 6 wird er selbst nicht den Bundestag entern, schätzt er selbst.
Voigt glaubt aber immer noch daran, dass mündige Bürger sich in die Politik einmischen müssen. Sonst bleiben Wahlversprechen Wahlversprecher, wird hingenommen, dass Friseure, Pizzaboten und andere unterm Mindestlohn arbeiten, Staatsdiener auch ohne Lizenz Telefone anzapfen, E-Mails mitlesen. Voigt redet sich warm bei solchen Themen. Mittlerweile auch über Straßenbau, Seniorenbetreuung, Kunst- und Jugendförderung. An späten Piratenstammtischen, über Twitter und Facebook.
Auch wenn nur fünf Leute kommen oder Verabredungen in der virtuellen Welt in der Realität fehlschlagen, lässt er sich nicht entmutigen.
n Biografie: Geboren am 21. Dezember 1955 in Neukirchen (Sachsen); nach der Schulzeit Lehre zum Baufacharbeiter in Crimmitschau); drei Jahre Wehrdienst als Baupionier; 1978 Wechsel in den Bergbau bei der Wismut und Ausbildung zum Facharbeiter für Bergbautechnologie (Hauer); 1979 Hilfsarbeiter in der Berliner Druckerei, Abendschule Facharbeiter für Tiefdruck; bis 1992 Druckereimitarbeiter und Betriebsrat; danach bis 1997 arbeitslos, 1997 bis 2000 Studium in Heidelberg (Diplomsozialpädagoge/Sozialarbeiter); ab 2001 Sozialpädagoge in Berlin und Brandenburg
n Politischer Werdegang: 1978 bis 1989 Mitglied der SED; danach parteilos; September 2011 Eintritt in die Piratenpartei; Dezember 2011 Kassenwart im Regionalverband Barnim-Uckermark; Dezember 2012 1. Vorsitzender Regionalverband Barnim-Uckermark der Piratenpartei;
n Jürgen Voigt engagiert sich in der AG Bildung bei den Piraten für Kinder, Jugendliche und Senioren, kümmert sich um die Kinderbetreuung bei Parteiveranstaltungen. Er ist im Elternbeirat einer Schule für die von ihm betreuten Kinder. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkelkinder.
Neue politische Heimat: Jürgen Voigt hat nach der Wende lange parteienabstinent gelebt, jahrelang gesucht und bei den Piraten wieder eine politische Heimat gefunden. Er will den etablierten Parteien bei der Bundestagswahl Stimmen abjagen. Foto: MOZ-Dietmar Rietz
Der Sozialpädagoge Jürgen Voigt hält sich jahrelang von Parteien fern und zieht 2013 für die Piraten in den Bundestagswahlkampf
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