Politikern und Arbeitsmarkt-Analysten sind die Erklärungen ausgegangen. Niemand kann die Frage beantworten, warum ausgerechnet in der Uckermark - nur 50 Minuten vom Berliner Zentrum entfernt - die seit Jahren höchste Arbeitslosigkeit herrscht. Erst wurde das mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft erklärt, dann mit ausbleibenden Investitionen.
Doch in vergleichbaren Landkreisen, die weiter vom Ballungsraum entfernt liegen und schlechtere Verkehrsanbindungen haben, herrscht eben eine teils deutlich geringere Arbeitslosigkeit.
Die Folgen dieser Dauersituation: eine sich stetig verfestigende Langzeitarbeitslosigkeit. Dazu zählt zwar schon, wer mehr als ein Jahr keinen Job hat, doch gibt es viele Menschen im Landkreis, die schon seit zehn Jahren oder gar mehr auf der Suche sind. Und es gibt Jugendliche, die nach der Schule überhaupt noch nicht gearbeitet oder eine Ausbildungsstelle gefunden haben.
Von den derzeit registrierten 10269 Arbeitslosen der Uckermark erhalten 7769 das Arbeitslosengeld II, also rund drei Viertel aller Betroffenen. Vergleich mit dem Barnim: Dort beziehen 5896 der insgesamt 8308 Arbeitslosen Hartz IV. Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten liegt noch höher (Uckermark: 15 088, Barnim: 12382). "Inzwischen setzt sich die Erkenntnis durch, dass ein Kern der Arbeitslosen bzw. Hilfebedürftigen nur noch sehr sehr schwer in Arbeit kommen kann", fasst Michael Steffen, Leiter des Jobcenters Uckermark, die Lage zusammen. "Aufgrund ihrer Erwerbsbiografie können viele nie wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen."
Das klingt hart. Doch dem Jobcenter liegen die tatsächlichen Verhältnisse vor. Berufe, die niemand mehr benötigt, fehlende Qualifikationen, Krankheiten, fehlendes Durchhaltevermögen, kein Auto - all das gehört zu den größten Hemmnissen auf dem Arbeitsmarkt. Die Liste ist aber noch viel länger. Häufig fehlen sogar Schul- oder Ausbildungsabschlüsse. Und während die Zahl offener Stellen für Fachkräfte immer größer wird, gibt es kaum Jobs für geringe Qualifikationen oder einfache Arbeiten. "Wir sind eben keine Boom-Region", meint Michael Steffen. "Die wirtschaftliche Entwicklung stagniert." Seit mehr als einem Jahr fehlen direkte Wirtschaftsansiedlungen in beiden Landkreisen.
Allerdings finden Langzeitarbeitslose im Barnimer Raum offenbar wesentlich besser den Neustart als Betroffene der nur wenig weiter entfernt liegenden Uckermark. Die Nähe zum stark beweglichen Berliner Arbeitsmarkt eröffnet gerade jetzt mehr Chancen. "Wir stellen fest, dass wir inzwischen Leute unterbringen, die es sonst nicht geschafft haben", bemerkt Michael Mader, Chef des Barnimer Jobcenters. Während man dort verstärkt auf den ersten Arbeitsmarkt setzt, will die Uckermark zu den lange diskutierten Beschäftigungsmodellen zurückkehren. "Wir brauchen mehr Teilhabe, einen öffentlichen Beschäftigungssektor oder eventuell einen dritten Arbeitsmarkt", so Michael Steffen aus Prenzlau. Er kann sich für die gebeutelte Region zum Beispiel den unter Fachleuten bekannten Aktiv-Passiv-Tausch vorstellen. Darunter versteht man die Zusammenlegung von Arbeitslosengeld II mit den Kosten der Unterkunft zur Finanzierung eines geförderten Jobs. "Es kostet den Staat nicht mehr Geld und der Arbeitslose muss nicht mehr zum Amt." Doch auch für andere Modelle sieht Steffen die Zeit gekommen. Er wünscht sich mehr Freiheiten, um solche Dinge auszutesten. Arbeit im kulturellen Bereich, in Museen oder in der Sozialarbeit sei vorhanden, aber nicht immer bezahlbar.
In der Wirtschaft begegnet man diesem Ansinnen mit Skepsis. Zu lange brachten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und teils sinnlose Beschäftigungen nicht den gewünschten Erfolg. Hinzu kam die Wettbewerbsverzerrung, wenn beispielsweise feste Arbeitsplätze in der Reinigungsbranche durch öffentlich geförderte verdrängt wurden. Hier hatten vor allem Kommunen eine Lücke gefunden, um Geld in ihren klammen Haushalten zu sparen.
Das System sei in der Vergangenheit ausgenutzt worden, gibt der Chef des Jobcenter zu. Das hätten auch Prüfungen ergeben. "Aber wir haben trotzdem die Pflicht, gerade junge Menschen zu beschäftigen."
Vielleicht liegt die Lösung des Problems in einer besseren Betreuung durch die Vermittler. Beide Jobcenter bestätigen, dass mehr Personal in ihren Behörden sofort Erfolge zeigt. So gibt es in der Uckermark ein Team von besonderen Betreuern, die nicht mehr 150 Arbeitslose im Auge haben, sondern nur noch 23. Die Erfolgsquote dieser neuen Form der Eingliederungsbegleitung liegt bei 60 Prozent. In Einzelfällen hat es erstaunliche Ergebnisse gegeben. So fanden Menschen einen Job, denen man zuvor starke Vermittlungshemmnisse bescheinigt hatte.
Hilfreich sind inzwischen die Praxistests. Arbeitgeber, aber auch Stellenbewerber entscheiden sich nach Auskunft des uckermärkischen Jobcenters immer öfter für eine längere Arbeitserprobung im Betrieb, bevor es zu einem dauerhaften Vertrag kommt.
Dadurch ziehen sich die Stellenbesetzungsverfahren in die Länge. Und auch die Voreingenommenheit nimmt ab. Gerade Handwerksfirmen lassen schon mal das Zeugnis von Bewerbern liegen, schauen sich die Leute sehr genau an und achten mehr auf praktische Fertigkeiten.